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Prozess um toten Obdachlosen: Diagnose Mord?
Lokales 2 Min. 02.05.2017

Prozess um toten Obdachlosen: Diagnose Mord?

An der Bushaltestelle unweit der „Wanteraktioun“ wurde das bewusstlose Opfer aufgefunden.

Prozess um toten Obdachlosen: Diagnose Mord?

An der Bushaltestelle unweit der „Wanteraktioun“ wurde das bewusstlose Opfer aufgefunden.
Foto: Steve Remesch
Lokales 2 Min. 02.05.2017

Prozess um toten Obdachlosen: Diagnose Mord?

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Zeugen sehen, wie zwei Männer mit Füßen auf einen am Boden liegenden Menschen eintreten. Das Opfer stirbt. Doch das Ergebnis der Autopsie ist alles andere als eindeutig.

 (str) -  Der Mann, der am Abend des 28. März 2014 bewusstlos an der Bushaltestelle unweit der „Wanteraktioun“ in Findel liegt, feiert an diesem Tag seinen 41. Geburtstag. Es ist sein letzter. Zehn Tage später erliegt der Obdachlose im Krankenhaus seinen schweren Kopfverletzungen.

Zeugen haben Minuten zuvor aus der Ferne beobachtet, wie zwei Gestalten mit Füßen auf etwas eintreten. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass dort ein Mensch auf dem Boden liegt. Sie denken, die beiden Männer würden sich wohl an einem Müllsack auslassen.

Erst ein später vorbeifahrendes Ehepaar, erkennt den leblosen Mann am Boden. Sie halten an, leisten erste Hilfe. Die beiden mutmaßlichen Schläger entfernen sich ohne Eile, legen sich im 300 Meter entfernten Winterquartier für Obdachlose schlafen.

Als Polizisten sie später befragen, sind sie kaum ansprechbar, so stark sind sie betrunken. Beide setzen sich später ins Ausland ab. Einer von ihnen, ein 36-jähriger Litauer wird Monate später in Frankreich festgenommen. Ihm wird seit Dienstag vor der hauptstädtischen Kriminalkammer der Prozess wegen vorsätzlichen Mordes gemacht. Der zweite mutmaßliche Täter, ein Pole, befindet sich weiter auf der Flucht.

Alles wieder offen

Soweit scheint alles klar. Alles deutet auf einen eiskalten Mord hin. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht: Kompliziert wird der Fall durch die Schlussfolgerungen des Gerichtsmediziners. Der hat bei der Untersuchung sehr wohl festgestellt, dass das Opfer an einer Hirnblutung gestorben ist. Was diese herbeigeführt hat, bleibt aber unklar.

Es sei zwar möglich, dass diese durch eine Gewalteinwirkung von dritter Hand stammen. „Ich habe nichts, das eindeutig beweist, dass jemand Fremdes ihm Gewalt angetan hat“, führt Dr. Andreas Schuff aus. „Es fehlen die Hämatome, die bei Tritten oder Schlägen typisch sind.“ Ein anderes Szenario, etwa dass das Opfer alkoholisiert und mit verminderten Schutzreflexen gestürzt sei oder etwa eine epileptische Krise erlitten habe, sei ebenfalls möglich.

Um weitere Klarheit zur Ursache der Hirnblutung zu erlangen, hatte Dr. Schuff einen spezialisierten Neurologen mit einem weiteren Gutachten beauftragt. Doch anstatt Klarheit gibt es nur weitere Widersprüche: Dieser schlussfolgert nämlich, dass eine Gewalteinwirkung durch Dritte wahrscheinlich sei.

Doch bereits eine erste klinische Expertise noch vor dem Tod des Opfers hatte Zweifel an der Mordhypothese aufgeworfen. Die Gutachterin wies auch auf die Mittelgesichtsfraktur des Opfers hin, allerdings stellt auch sie fest: „Es gab aber keine Prellmarken, wie sie etwa Fußsohlen oder Fingerknöchel hinterlassen.“ Es seien verschiedene Differenzialdiagnosen möglich, so auch, dass die Blutung durch den dauerhaften und hohen Alkoholkonsum des Opfers verursacht worden sei oder eventuell eine Folge einer früheren Operation am Kopf sein könnte.

Der Prozess wird am Mittwoch mit Zeugenanhörungen fortgesetzt.


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An dieser Bushaltestelle soll das Opfer mit Füßen gegen den Kopf getreten worden sein.