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Prozess um nigerianisches Drogennetzwerk: Gestatten, Soko "Djembe"
Lokales 3 Min. 19.01.2017 Aus unserem online-Archiv

Prozess um nigerianisches Drogennetzwerk: Gestatten, Soko "Djembe"

Zwölf der 18 angeklagten Dealer sind bereits in anderen europäischen Ländern wegen Drogenhandels veruteilt worden.

Prozess um nigerianisches Drogennetzwerk: Gestatten, Soko "Djembe"

Zwölf der 18 angeklagten Dealer sind bereits in anderen europäischen Ländern wegen Drogenhandels veruteilt worden.
Foto: Chris Karaba
Lokales 3 Min. 19.01.2017 Aus unserem online-Archiv

Prozess um nigerianisches Drogennetzwerk: Gestatten, Soko "Djembe"

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Kontrollpunkte im Bahnhofsviertel, menschenunwürdige Lebensbedingungen im Drogenhaus, strikte Regeln und sehr viel Geld: Am dritten Verhandlungstag offenbaren Ermittler das Innenleben des Wasserbilliger Drogenbunkers.

(str) - „Das Milieu, das sich ausschliesslich aus nigerianischen Drogendealern zusammensetzt, war auf eine sehr beeindruckende Art und Weise organisiert“, erklärte Ralph K. am Donnerstag. Der Chefkommissar ist der Leiter der Soko „Djembe“ - jener Ermittlungsgruppe der Kriminalpolizei, die das Dealernetzwerk aus dem Drogenhaus in Wasserbillig zur Strecke brachte. „Das habe ich in mehr als 20 Jahren als Polizist nicht gesehen.“

Der Aktionsradius der Drogendealer sei beispielsweise vollständig überwacht worden. „An jeder Kreuzung und vor jeder ihrer Gaststätten standen Observanten“, erklärte der Einsatzleiter. Das Revier habe sich über die Rue de Strasbourg, die Rue Adolphe Fischer, die Rue 1900, die Rue du Fort Wedell und die Rue Joseph Junck erstreckt.

Es sei sofort zu erkennen gewesen, dass die Rauschgifthändler strikt organisiert waren. „Wir konnten neun feste Observationsposten der Nigerianer ausmachen, an denen die Späher sich jeden Fussgänger ganz genau ansahen und auch in jedes Auto hineinschauten“, führte Ralph K. Aus. Darüber hinaus hätten die Nigerianer auch mobile Spähereinheiten eingesetzt. „Es gab keine Straßenverkäufer, die auf eigene Faust arbeiteten“, betonte der leitende Ermittler. „Ich habe mich oft gefragt, was passiert wäre, wenn einmal jemand anderes versucht hätte, dort Kokain zu verkaufen.“

Menschenunwürdige Bedingungen im "Bunker"

Im Drogenhaus „G33“ in Wasserbillig habe es 21 Schlafzimmer gegeben. Bei der Hausdurchsuchung am 27. Oktober 2015 seien in 15 Zimmern, in drei Badezimmern, einem Aufenthaltsraum sowie im Keller und im Hinterhof Drogen gefunden worden. Das Haus sei ein rechtsfreier Raum gewesen. Der Zugang sei streng kontrolliert und die Fenster allesamt mit Folien und Decken verhängt worden.

Mit seinem „Bunker“ habe der Hausbesitzer Joseph E. eine Struktur geschaffen, die maßgeblich zum florierenden Drogenhandel in der Straßen der Hauptstadt beigetragen habe. Hier jedoch seien die Bewohner unter menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht worden. Die Duschen seien etwa schwarz vor Schimmel gewesen.

„Joseph E. ist ein knallharter Geschäftsmann, der seine eigenen Landsleute ausbeutete und deren prekäre Situation ausnutzte, um sich zu bereichern“, hält Ralph K. Fest. Alleine im Jahr 2015 habe er so 136.435 Euro verdient.

"Keine Liebe"

E. selbst habe es daher auch nicht nötig gehabt, selbst Drogen zu verkaufen. Er habe allerdings im großen Stil vom Drogenhandel profitiert und diesen aktiv gefördert. Wie ein anderer Ermittler am Donnerstag ausführte, setzte Joseph E. sogar mit Schildern klare Regeln für die Drogendealer: „Keine Liebe, wenn du verkaufst, und dein Bruder hat nichts zu verkaufen“ oder „Keine Liebe, wenn du in Wasserbillig verkaufst, und so deine Brüder in Gefahr bringst“. In seinen Predigten und Ansprachen bezeichnete, er die Dealer als „seine Soldaten“, die im „Bunker“ Schutz finden würden.

Die Menschen, die in Wasserbillig bei Joseph E. Unterkunft fanden, seien keine Flüchtlinge gewesen, die zufälligerweise in Luxemburg gestrandet seien und hier keinen anderen Ausweg gefunden hätten. 17 von den 18 angeklagten Straßenhändlern hätten zuvor in anderen EU-Ländern gelebt. Zwölf von ihnen seien bereits in anderen Ländern – so in Österreich und in Norwegen – wegen Drogenhandels verurteilt worden.

131 Einzelpersonen identifiziert

Ab Juli 2015 hat die Kriminalpolizei das Gebäude in Wasserbillig auch mit technischen Mitteln überwacht. Die Zahl der Bewohner nahm während der Observierung drastisch zu: Waren es anfangs rund 40 so wurden im Oktober durchschnittlich 54 Personen pro Nacht gezählt. Insgesamt konnten 131 Einzelpersonen identifiziert werden.

Das Haus sei von Bekky T. geführt worden, die in Abwesenheit von Joseph E. auch den Zugang zum Gebäude kontrolliert habe. „Sie hat ihre eigenen Landsleute wie Dreck behandelt“, erklärt Soko-Chef Ralph K. „Sie wurde uns als respektlose und brutale Tyrannin geschildert. Wer nicht bezahlte, dem drohte sie, ihn bei der Polizei als Drogendealer zu denunzieren“. Während Joseph E. Geld aus der Miete bezog, habe Bekky T. vom Drogenhandel profitiert, indem sie die Bewohner zwang, in ihrem hauseigenen und überteuerten Supermarkt einzukaufen – als Beispiel: eine Flasche Sekt à 4,50 Euro wurde dort für 30 Euro gehandelt.

Umsatz von bis zu 1,7 Millionen Euro

Am Tag der Razzia, am 25. Oktober 2015, hatte die Polizei zunächst den Importeur mit dem Decknamen „Paul Henry“ im Zug nach Wasserbillig festgenommen. Dann schlug ein Sondereinsatzkommando im Drogenhaus zu. „Henry“ führte zu dem Zeitpunkt 15 Kugeln Kokain mit einem Bruttogewicht von 125 Gramm in seinem Rektum. Die Ermittler gehen davon aus, dass er an 114 Tagen eben diese Menge am Vormittag nach Wasserbillig brachte und am Nachmittag noch einmal die gleiche Menge im hauptstädtischen Bahnhofsviertel in Umlauf brachte. Einer rein theoretischen Hochrechnung der Polizei ergibt dies alleine für den Zeitraum der Observierung einen Umsatz von zwischen 1,3 und 1,7 Millionen Euro.

Am Freitagmorgen wird der Prozess mit der Anhörung weiterer Ermittler fortgesetzt.



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