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Prozess um nigerianisches Drogennetzwerk: Florierender Handel vor aller Augen
Lokales 3 Min. 24.01.2017 Aus unserem online-Archiv

Prozess um nigerianisches Drogennetzwerk: Florierender Handel vor aller Augen

Die Nigerianer hatten ihr Revier zwischen der Rue Joseph Junck und der Rue Adolphe Fischer mit Spähern regelrecht abgeschirmt.

Prozess um nigerianisches Drogennetzwerk: Florierender Handel vor aller Augen

Die Nigerianer hatten ihr Revier zwischen der Rue Joseph Junck und der Rue Adolphe Fischer mit Spähern regelrecht abgeschirmt.
Foto: Guy Jallay
Lokales 3 Min. 24.01.2017 Aus unserem online-Archiv

Prozess um nigerianisches Drogennetzwerk: Florierender Handel vor aller Augen

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Rund um die Uhr betrieb das nigerianische Drogennetzwerk jahrelang einen florierenden Handel im Bahnhofsviertel und das in aller Öffentlichkeit. Da die Bande ihr Aktionsgebiet quasi hermetisch abgeschirmt hatte, legte sich die Polizei mit der Videokamera auf die Lauer.

(str) - Zwölf Minuten lang war der Videozusammenschnitt, den die Ermittler der Drogenfahndung am Dienstag im Prozess um das nigerianische Drogennetzwerk vorführten. Auf den Bildern sind Szenen zu sehen, die seit 2011 im hauptstädtischen Bahnhofsviertel zum Alltag gehörten: Offener Drogenhandel zu jeder Tages- und Nachtzeit, geschützt von einer regelrechten Miliz aus Wachposten an den strategischen Punkten.

Die Videosequenzen wurden im Sommer 2015 mit verdeckter Kamera gefilmt, teils aus umliegenden Gebäuden, teils aus Zivilfahrzeugen der Polizei. Die Bilder zeigen Dealer bei ihrer alltäglichen Arbeit. Sie zeigen, wie Kunden die Rauschgifthändler ansprechen, wie zunächst das Geld den Besitzer wechselt, wie dann die Ware aus dem Mund genommen wird und wie sich die Beteiligten dann wieder trennen.

Umfangreiche Gegenmaßnahmen

Bei der Filmvorführung legten die Ermittler besonderen Wert darauf, zu zeigen, wie sich die Dealer vor der Polizei schützen. Bei jedem Verkauf befinden sich Aufpasser in unmittelbarer Nähe, die Straßen, Autos und Gebäude im Umfeld genauestens im Blick behalten.

Die Gegenmaßnahmen der Rauschgifthändler gehen allerdings noch weit darüber hinaus: Spähposten sind überall im Viertel verteilt. Auf den Videobildern sind Männer zu sehen, die vor der „Nice Bar“ – dem Operationszentrum der Bande im Bahnhofsviertel – Stellung beziehen. Andere stehen an allen Kreuzungen der Rue de Strasbourg zwischen der Rue des Etats-Unis und der Rue du Fort Wedell sowie bis in die Rue Joseph Junck und die Rue de Reims.

Jedes Auto kontrolliert

Es ist zu erkennen, wie die Observanten an den Kreuzungen vom Rand des Bürgersteigs in jeden einzelnen Wagen hineinschauen und Passanten genauestens unter die Lupe nehmen, um Zivilfahnder sofort ausfindig zu machen.

Eine Sequenz zeigt außerdem, wie mehrere Männer fluchtartig die Rue Joseph Junck verlassen. Sie sind offensichtlich alarmiert worden und bemühen sich, auch andere zu warnen. Besonders eindrucksvoll: Bis die Polizeipatrouille, vor der gewarnt wurde, tatsächlich vor Ort eintrifft, vergehen fast zwei Minuten.

Während der Vorführung nennt der Ermittler nicht nur die Namen der auf den Bildern zu sehenden Angeklagten sondern auch die jener Dealer, die aus dem Drogenhaus „G33“ in Wasserbillig stammen und bislang noch nicht vor Gericht gestellt werden konnten.

20 Personen an einer Kreuzung

Die Zahl der laut Videoaufnahmen offensichtlich in den Drogenhandel auf offener Straße involvierten Personen ist erschreckend hoch. Alleine an der Kreuzung der Rue du Fort Wedell mit der Rue de Strasbourg, dem Mittelpunkt des nigerianischen Sektors, sind auf einer Aufnahme rund 20 Personen zu erkennen.

„Eines ist klar“, meinte der Ermittler am Dienstag im Zeugenstand. „Auf den ersten Blick sieht es zwar aus, als ob viele dieser Menschen nur zufällig dort herumstehen. Aber sie haben eine klare Mission. Daran, wie sie während einem Deal oder beim Herannahen einer Polizeipatrouille reagieren, zeigt sich zweifelsfrei, dass auch sie direkt in den Rauschgifthandel involviert sind.“

Stumme Angeklagte ...

In der Verhandlung am Dienstag begann sich anschließend ein weiterer Ermittler mit der Beweislage gegen jeden einzelnen der angeklagten Straßenhändler auseinanderzusetzen. Er schilderte, wie oft sie per Videokamera beim Drogenverkauf dokumentiert wurden, welche Rauschgiftmengen bei ihnen beschlagnahmt wurden, ob und inwieweit sie schon im Ausland wegen Drogenhandels verurteilt wurden und wie sie sich im Verhör verhalten haben.

Quasi unisono gaben die Beschuldigten an, lediglich sehr geringe Mengen Rauschgift verkauft, kaum Geld mit Drogen verdient, nicht beim überführten Importeur der Bande sonder bei hellhäutigen Zwischenhändlern eingekauft zu haben. Den mutmaßlichen „Paten“ der Organisation wollen sie kaum gekannt haben.

... und ein blinder Zeuge

Außerdem war auch jener Mann als Zeuge geladen, der für Joseph E. während dessen zweimonatigen Sommerurlaubs im Jahr 2015 in Wasserbillig die Stellung hielt. Der Mann bestritt, von Drogenhandel etwas gewusst zu haben und betonte, nie etwas derartiges im Haus gesehen zu haben.

Seine Aussagen wirkten ab einem gewissen Punkt derart grotesk, dass der vorsitzende Richter von ihm wissen wollte, wie er denn die Toiletten im Haus mit geschlossenen Augen repariert habe. Denn seinen Aussagen zufolge müsse er ja wohl mit geschlossenen Augen zwei Monate lang im Haus gelebt haben.

Fazit der Ermittler: kriminelle Vereinigung

Am Mittwochnachmittag wird sich das Gericht weiter mit den angeklagten Straßenhändlern befassen. Anschließend wird der leitende Ermittler die Ermittlungserkenntnisse im Zusammenhang mit dem strafverschärfenden Tatbestand der kriminellen Vereinigung darlegen. Kommende Woche sollen dann die Verteidiger der insgesamt 21 Angeklagten zu Wort kommen.

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