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Prozess um nigerianisches Drogennetzwerk: Das Haus der Tyrannin
Lokales 4 Min. 20.01.2017 Aus unserem online-Archiv

Prozess um nigerianisches Drogennetzwerk: Das Haus der Tyrannin

Die Hygienebedingungen im Haus "G33" werden von den Ermittlern als katastrophal geschildert.

Prozess um nigerianisches Drogennetzwerk: Das Haus der Tyrannin

Die Hygienebedingungen im Haus "G33" werden von den Ermittlern als katastrophal geschildert.
Foto: Chris Karaba
Lokales 4 Min. 20.01.2017 Aus unserem online-Archiv

Prozess um nigerianisches Drogennetzwerk: Das Haus der Tyrannin

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Joseph E. habe als Hintermann des Drogenhauses "G33" in Wasserbillig eine verschworene Gemeinschaft geschaffen, die von seiner Geliebten Bekky T. nach strengen Regeln kontrolliert wurde. Das sagten Ermittler am Freitag vor der Strafkammer aus.

(str) - „Überall wo es Geld zu machen gibt, haben sie mitgemischt“, sagte ein Ermittler der Abteilung für Organisierte Kriminalität am Freitag über den mutmaßlichen „Paten“ der Organisation und die Verwalterin des Drogenhauses „G33“ in Wasserbillig.

Bekky T. und Joseph E. standen dann auch am vierten Verhandlungstag im Prozess um das nigerianische Drogennetzwerk erneut im Mittelpunkt.

So habe bereits 2012 der dringende Verdacht bestanden, dass Bekky T. in Zuhälterei und Menschenhandel verwickelt sei, erklärte der Polizeibeamte. Entgegen ihrer eigenen Angaben sei sie selbst wohl keine Prostituierte. Aus mitgeschnittenen Telefongesprächen wisse man hingegen, dass Joseph E., der sich bestens mit Luxemburger Reglementierung und Gesetzen auskenne, ihr geraten habe, sich als Prostituierte auszugeben, um die hohen Geldsummen zu erklären, über die sie verfügte.

Wie es scheint, spielte Bekky T. in der Organisation der Massenunterkunft an Nummer 33 in der Grand-Rue in Wasserbillig keine untergeordnete Rolle. So soll sie das Drogenhaus nicht im Auftrag von Joseph E. betrieben haben, sondern als dessen Geliebte gemeinsam mit ihm.

Bewohner kontrolliert und bedroht

Bekky T. führte den Ermittlungen zufolge akribisch Buch über die Anwesenheit der Bewohner. Zudem wurden eine Fotokopie der Ausweisdokumente jedes einzelnen Gastes aufbewahrt. Sie soll entschieden haben, wer Zugang zum Haus erhielt, Neuankömmlingen einen Schlafplatz zugewiesen und die Miete einkassiert haben.

Sie soll zudem an den Mieteinnahmen beteiligt gewesen sein sowie einen hauseigenen und überteuerten Supermarkt betrieben haben. Für alle Extras habe Bekky T. auch Extratarife verrechnet, führte ein Ermittler aus, so etwa für einen VIP-Raum, in dem sich Bewohner mit auswärtigen Gästen zu Schäferstündchen treffen konnten. Wer nicht gehorchte, dem wurde mit Verrat bei der Polizei gedroht. Die mitangeklagten Bewohner des Hauses schilderten Bekky T. als regelrechte Tyrannin.

Zweiklassengesellschaft im Bunker

Das Haus war überdies in mehrere Bereiche unterteilt. So gab es zwei Dauermieter, deren Räume in etwas besserem Zustand waren und eine abgetrennte Wohnung mit eigener Küche und Badezimmer für Bekky T. im zweiten Stock. Diese unterschieden sich deutlich von jenen Bereichen, in denen die anderen Bewohner untergebracht waren. In völlig verschmutzen und dunklen Räumen habe es 77 Schlafplätze gegeben, wobei sich oftmals mehrere Bewohner eine Matratze hätten teilen müssen.

Für den Ermittler aus der Abteilung für Organisierte Kriminalität steht die Bestimmung des „G33“ getauften Hauses außer Zweifel: Die Bewohner kamen gezielt dorthin, weil sie dort eine Struktur vorfanden, die darauf ausgelegt war, Drogenhändlern eine Operationsbasis zu bieten.

Verschworene Gemeinschaft mit viel Bargeld

Joseph E. habe eine verschworene Gemeinschaft geschaffen, in der sich seine „Soldaten“ auf ihre Arbeit auf dem „Schlachtfeld“ vorbereiten konnten - einen „Bunker“, der ihnen Schutz bieten würde.

Ein Beamter der Finanzabteilung erläuterte zudem, dass die von Joseph E., einer seiner Halbschwestern und seiner Ehefrau gegründete Vereinigung „Luxembourg International Freedom Center“ den Hinterleuten des Hauses ausschließlich zur Geldwäsche gedient habe.

Den Bewohnern – allesamt illegale Einwanderer ohne Einkommen - konnte während der fünfmonatigen Observierung nachgewiesen werden, dass sie mindestens 76.000 Euro ins Ausland überwiesen haben – ausschließlich über Bargeldtransfers. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen.

Konsument gibt Einblick in Straßenverhältnisse

Am Ende der Sitzung wurden am Freitag zudem drei Drogenkonsumenten angehört. Der erste von ihnen, ein junger Mann dem offensichtlich Fortschritte beim Ausstieg aus der Drogenszene gelingen, hatte gegenüber der Polizei und auch im Gerichtssaal quasi alle Angeklagten als Drogenverkäufer identifiziert. Er wies zudem darauf hin, dass einer der Verkäufer Kokain von wesentlich höherer Qualität verkauft habe, als die anderen.

Der Mann gewährte zudem Einblick in sein eigenes Leben als Drogenabhängiger und erklärte, dass er wegen seiner Drogensucht von seinen Eltern vor die Tür gesetzt worden sei. Dennoch hätte er von ihnen sehr viel Geld bekommen – wohl aus schlechtem Gewissen. Binnen drei Monaten habe er so rund 12.000 Euro für Drogenkonsum ausgegeben. Da er während der Zeit kaum etwas anderes getan habe, als Drogen konsumiert, kenne er die Dealer, die in einem regelrechten Schichtbetrieb gearbeitet hätten, eben auch besonders gut.

Der junge Mann schilderte zudem auf Nachfrage des Richters, wie sich die Drogenszene nach der Verhaftung der 21 Nigerianer verändert habe. Der Preis sei zwar nicht gestiegen, die Qualität der Ware aber deutlich zurückgegangen. Die Rue de Strasbourg und die Rue Joseph Junck seien heute „sauberer“ als zuvor, doch Drogen zu kaufen, gehe überall im Bahnhofviertel.

Zeugen aus dem gleichen Zellblock wie Angeklagte

Die beiden anderen Drogenkonsumenten machten einen wesentlich weniger gesunden Eindruck und auch ihren Aussagen fehlte jegliche Klarheit. Beide wollten von ihren präzisen Angaben zu den Dealern gegenüber der Polizei nichts mehr wissen. Einer meinte, für ihn würden die Nigerianer alle gleich aussehen.

Als er bei der Drogenfahndung gewesen sei, habe er ohne deren Wissen fünf Gramm Heroin in der Tasche gehabt und deshalb falsche Angaben gemacht. Er habe alles getan, um die Polizeiwache schnellstmöglich wieder verlassen zu können.

Der zweite Mann erklärte, er habe nur ein einziges Mal Drogen bei Nigerianern gekauft. Das sei so lange her, dass er sich nicht mehr erinnern könne. Die Aussage, die er bei der Polizei unterzeichnet habe, sei von den Ermittlern gefälscht worden.

Eine Erklärung für die Amnesie der beiden Zeugen könnte der Umstand sein, dass sie sich beide derzeit in Untersuchungshaft befinden – im gleichen Zellenblock wie die angeklagten Drogendealer.

Fortsetzung am Dienstag

Der Prozess wird am Dienstagvormittag mit der Anhörung der beiden letzten Ermittler fortgesetzt. Diese werden sich mit der Beweislage gegen die 18 Drogendealer und dem Straftatbestand der kriminellen Vereinigung befassen. Außerdem sollen am Dienstag auch Videoaufnahmen der Ermittler vorgeführt werden.


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