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Prozess um Drogenhandel im "Hells Angels"-Umfeld: Der Bankräuber und die Dealer
Lokales 3 Min. 27.10.2017 Aus unserem online-Archiv

Prozess um Drogenhandel im "Hells Angels"-Umfeld: Der Bankräuber und die Dealer

Im Prozess um einen umfangreichen Marihuana- und Kokainhandel im Umfeld der Luxemburger "Hells Angels" haben nun die Angeklagten das Wort.

Prozess um Drogenhandel im "Hells Angels"-Umfeld: Der Bankräuber und die Dealer

Im Prozess um einen umfangreichen Marihuana- und Kokainhandel im Umfeld der Luxemburger "Hells Angels" haben nun die Angeklagten das Wort.
Foto: Pierre Matgé
Lokales 3 Min. 27.10.2017 Aus unserem online-Archiv

Prozess um Drogenhandel im "Hells Angels"-Umfeld: Der Bankräuber und die Dealer

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Die Suche nach der Wahrheit im Drogenprozess um Boban B. und neun weitere Angeklagte verlangte am Freitag viel Geduld und Ausdauer vom vorsitzenden Richter ab. Doch die Mühe zahlte sich aus.

(str) - „Wo sind die Drogen, die ich gekauft haben soll, wo sind die Millionen, die ich verdient haben soll?“, meinte der 32-jährige Hauptangeklagte im Prozess um einen groß angelegten Marihuana- und Kokainhandel im Umfeld der Luxemburger „Hells Angels“ am Freitag vor Gericht.

Und tatsächlich: Auch wenn die Kriminalpolizei schwerwiegende Indizien für den florierenden Drogenhandel vorlegen kann und umfangreiche belastende Aussagen gesammelt hat, sie konnte die Beschuldigten nicht mit den Tatvorwürfen entsprechenden Drogenmengen auf frischer Tat erwischen.

Die Ermittler gehen nämlich von einem außerordentlich umfangreichen Drogenhandel auf internationaler Ebene aus: Angenommen wird, dass das die Bande um Boban B. mit Dutzenden Kilogramm Kokain und mindestens 160 Kilogramm Marihuana gehandelt hat und dabei binnen kurzer Zeit einen Umsatz von geschätzten 1,36 Millionen Euro erzielt hat.

Glaubwürdig selbst belastet

Dass die Beschuldigten in einem solchen Prozess, die tatsächliche Menge und die eigene Implikation herunterzuspielen versuchen, liegt auf der Hand. Die Angeklagten haben sich allerdings bei den Anhörungen durch Polizei und Untersuchungsrichter in vielen Punkten auf glaubwürdige Weise selbst und auch gegenseitig belastet.

Im Prozess stellen zudem einzelne Beschuldigte ihr tief empfundenes Überlegenheitsgefühl gegenüber den Strafverfolgungsbehörden immer wieder zur Schau. So erklärte der mutmaßliche Marihuanazulieferer oder Vermittler Frank V. am Freitag, dass Polizei und Staatsanwaltschaft es nicht verdient hätten, die Wahrheit zu erfahren.

Der mutmaßliche Drahtzieher der Luxemburger Bande Boban B. gab seinerseits damit an, dass er bereits in jungem Alter im Gefängnis gelernt habe, worauf er beim Drogenschmuggel aufpassen müsse und, wie man sich anstelle, damit die Polizei einem nichts konkretes nachweisen könne.

„In Schrassig verbringen Zigarettendiebe ihre Zeit gemeinsam mit G4S-Räubern“, führte Boban B. aus – eine perfekte Verbrecherschule aus dem Bilderbuch. So habe er auch schnell verstanden, dass Drogendealer perfekte Opfer für einen Raubüberfall seien.

„Frank hatte das Pech, uns kennenzulernen“

Das sei auch der Plan hinter dem ganzen Marihuanageschäft gewesen. Kontakte knüpfen und dann eine Plantage gleich nach der Ernte ausrauben und ohne großen Invest womöglich zu fertig verpacktem Marihuana im Wert von einer halbem Million Euro zu kommen. Und so sei auch der mitangeklagte mutmaßliche Drogenzulieferer Frank V. ins Spiel gekommen.

„Frank hatte das Pech, uns kennenzulernen“, meinte Boban B. „Wir wollten ihn benutzen, um herauszufinden, wo sich die großen Plantagen befinden. Frank V. sei bekannt dafür, der Mann zu sein, auf den Cannabiserzeuger zurückgreifen, wenn sie Probleme auf ihrer Plantage hätten. „Wir haben nie Drogen bei ihm gekauft“, bekräftigte Boban B.

Dass die Ermittlungen das Gegenteil belegen und auch die Aussagen der einzelnen Beteiligten im Prozess andere Schlussfolgerungen nahe legen, tut der 32-jährige Luxemburger dabei vielleicht etwas zu leichtfertig als „das ist es, was die Polizei sagt“ ab.

"Völlig sinnfreie Argumentation"

Warum Boban B. den Niederländer jetzt derart in Schutz nimmt, nachdem er diesen gleich nach seiner Festnahme als seinen Großhändler genannt hatte, bleibt offen. Klar ist jedoch, dass die Geschichte einen Haken hat. Entgegen der Sachlage, die sich aus den Ermittlungen ergibt, will Boban B. erst mit dem Marihuanahandel begonnen haben, nachdem Frank V. wegen eines Bankraubs inhaftiert wurde – eine völlig sinnfreie Argumentation, wie der vorsitzende Richter festhielt, der dennoch immer wieder geduldig nachhakte, um Boban B. die Chance zu einer nachvollziehbareren Erklärung zu geben.

Doch der blieb dabei: Genauso wie bei den niederländischen Marihuanadealern, habe man nur mit dem einen Ziel eine freundschaftliche Beziehung zu Frank V. aufgebaut: eine Plantage auszurauben. Deswegen habe man immer unter dem Vorwand, eine eigene Plantage aufzubauen Kontakt zu Cannabiserzeugern gesucht.

Höchstens zwei oder drei Mal habe er gemeinsam Kevin K. Drogen gekauft, in geringeren Mengen und auch nur weil die Dealer misstrauisch geworden seien. Die hätten eben Geschäfte im Sinn gehabt, weniger das Anlernen von Neulingen. Zudem habe er nur drei Wiederverkäufern die Drogen weitergegeben.

„Boban war unfähig“

Zuvor hatte Frank V. dem Gericht vorgerechnet, dass er nicht der Zulieferer sein könne, da die Plantagen, mit denen er in Verbindung gebracht wird, zu der Zeit noch nicht erntereif gewesen seien.

Nach längerem Zögern erklärte er dem Richter auch, wieso es im Juni 2013 zum Streit zwischen ihm und Boban B. gekommen war. Für die Vorbereitung seines Banküberfalls habe er Boban B., der immer auf dicke Hose gemacht habe, darum gebeten, ihm gestohlene französische Autos zu besorgen, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken. Doch Boban B. sei dazu unfähig gewesen. Der Betroffene meinte schlicht, er habe sich geweigert, da er mit solchen Sachen nichts zu tun haben wollte.

Der Prozess wird am 7. November mit der Anhörung weiterer Beschuldigter fortgesetzt.


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