Prozess gegen früheren Polizeischüler: Widersprüchliche Aussagen und ein fehlendes Messer
(mth) - Der frühere Polizeischüler Neil F. und sein Bruder Brice verließen in der Nacht zum 22. Februar 2015 in Begleitung zweier Damen einen Club in Limpertsberg, als es zu einer Auseinandersetzung mit zwei anderen Besuchern kam. Was dann genau passierte, darüber scheiden sich die Geister in dem Prozess, der am Donnerstag weitergeführt wurde, nachdem er nach einer ersten Sitzung im März aufgrund fehlender Zeugen ausgesetzt worden war.
Sicher ist nur, dass einer der beiden Widersacher der Brüder, Hamza B., am Ende stark im Gesicht blutete. Seiner Aussage nach sei die Verletzung auf einen Schnitt mit einem Klappmesser zurück zu führen, das Neil F. gegen ihn eingesetzt habe. Und genau hier liegt schon ein zentrales Problem bei der Wahrheitsfindung in dem Prozess: die mutmaßliche Tatwaffe wurde nie gefunden.
Die beiden Brüder leugnen nicht nur, dass bei der Schlägerei ein Messer zum Einsatz kam, sondern behaupten vielmehr, quasi grundlos von den beiden anderen Männer angegriffen worden zu sein.
Ihre beiden Widersacher Hamza B. und Graziano S., die ebenfalls wegen mutmaßlicher Körperverletzung angeklagt sind, lieferten gestern vor Gericht eine gänzlich andere Version der Auseinandersetzung.
Streit wegen der Freundin
Hamza B. schilderte, wie er beim verlassen der Diskothek zwei Mädchen angesprochen habe, die vor dem Club auf einer Mauer gesessen hätten. Plötzlich habe er einen Mann gehört, der ihn laut angerufen habe – dabei soll es sich um den damaligen Polizeischüler Neil F. gehandelt haben.
Dieser sei auf ihn zugekommen und habe ihn lautstark dazu aufgefordert, die Damen in Ruhe zu lassen, da es sich bei einer davon um seine Freundin handele. „Ich habe ihn mit dem Arm von mir gedrückt, da er sich sehr aggressiv näherte,“ so B. im Zeugenstand. Neil F. habe dann einen sichelförmigen Hieb gegen seinen Kopf geführt und er habe sofort gespürt, wie Blut über sein Gesicht gelaufen sei. „Ich war überzeugt, dass er mein Auge ausgestochen hatte,“ so der B. weiter.
Er habe sich zur Wehr gesetzt und den Polizeischüler zu Fall gebracht. Anschließend sei es zur wilden Rangelei gekommen, an der alle vier Angeklagten beteiligt waren. Auf die Frage, ob er die Tatwaffe in der Hand seines Gegners gesehen habe, sagte B. „Er hatte hundertprozentig ein Messer“. Seinem Begleiter sei es gelungen, B. die Waffe aus der Hand zu schlagen, später sei diese dann verschwunden gewesen.
Eine Version mit Lücken
Neil und Brice F. erzählten eine gänzlich anderen Hergang. Demnach hätten sie die Freundin von Neil sowie ihre Begleiterin vor einer angeblichen Belästigung durch die beiden anderen Angeklagten schützen wollen. Dann sei es zur Schlägerei gekommen.
Neil B. gab zu ein Messer dabei gehabt zu haben, doch habe er diese nicht benutzt. Bereits gestern stellte sich allerdings der Eindruck ein, dass die Version der beiden Brüder im Gegensatz zu jener ihrer Widersacher Lücken und Widersprüche aufweist. Der Prozess wird am Freitag mit den Plädoyers und der Strafforderung der Staatsanwaltschaft fortgesetzt.
