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Prozess gegen ehemaligen Belairer Pfarrer : „Victim blaming“ als Verteidigungsstrategie
Lokales 3 Min. 16.11.2016 Aus unserem online-Archiv

Prozess gegen ehemaligen Belairer Pfarrer : „Victim blaming“ als Verteidigungsstrategie

Prozess gegen ehemaligen Belairer Pfarrer : „Victim blaming“ als Verteidigungsstrategie

Foto: LW-Archiv/Marc Wilwert
Lokales 3 Min. 16.11.2016 Aus unserem online-Archiv

Prozess gegen ehemaligen Belairer Pfarrer : „Victim blaming“ als Verteidigungsstrategie

Michel THIEL
Michel THIEL
Im Vergewaltigungsprozess gegen den ehemaligen Pfarrer aus Belair sagten am Mittwoch neben dem Opfer drei Zeugen aus, die dem Angeklagten ein einwandfreies moralisches Handeln bescheinigen sollten. Die Sitzung hinterließ allerdings einen bitteren Nachgeschmack.

(mth) -  Am zweiten Verhandlungstag im Prozess gegen den 59-jährigen, ehemaligen Pfarrer aus Belair, der 2008 einen damals 13-jährigen Schutzbefohlenen vergewaltigt haben soll, kam am Mittwoch das Opfer sowie eine Reihe von Zeugen der Verteidigung zur Sprache.

Die Sitzung begann mit der Vorführung der Videovernehmung des jungen Mannes, der nach Ansicht der Staatsanwaltschaft vom Angeklagten sexuell genötigt sowie vergewaltigt wurde. Der Angeklagte bestreitet die Vergewaltigung, hatte die weiteren sexuellen Übergriffe, die mittlerweile verjährt sind, jedoch gestanden.

Das Video, das nicht wie erwartet unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorgeführt wurde, zeigt einen intelligenten jungen Mann, der sich gut artikuliert. Er beschrieb sowohl in dem Video als auch später als Zeuge sachlich und in aller Ruhe, wie es während einer Reise mit einer Jugendgruppe in Taizé (F) zu dem Zwischenfall gekommen war.

Die Frage nach Initiative und Zwang

Da alle Zimmer in der Pension, in welche die Gruppe übernachtete, belegt waren, musste der Junge mit dem Angeklagten Emile A. ein Zimmer teilen. Nachdem der Pfarrer geduscht habe, sei es zu einem ersten sexuellen Übergriff gekommen. Auf die Frage des Gerichts, von wem die Initiative ausgegangen sei, antwortete das damalige Opfer, A. habe „seine Hand geführt“. Anschließend sei die Situation eskaliert und es sei zu gegenseitiger Masturbation sowie gegenseitigem Fellatio gekommen. Wer den Oralsex initiiert habe, wisse er nicht mehr genau.

Der Angeklagte streitet ab, dass es überhaupt zu einem solchen Akt gekommen sei und sprach gegenüber dem Untersuchungsrichter von Anfang an von einer „einvernehmlichen sexuellen Begegnung“. Ein wichtiger Punkt, da der Tatbestand der Vergewaltigung laut Strafgesetz nur dann erfüllt ist, wenn erstens eine Penetration, also auch Oralsex, stattgefunden hat und zweitens das Opfer durch physischen oder psychischen Zwang zu der Handlung genötigt wurde.

„Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nichts über Sex"

Das Opfer gab am Mittwoch vor Gericht an, sich nicht widersetzt zu haben „aus Angst, was sonst passieren könnte“. Er sei zum Zeitpunkt der Übergriffe „äußerst scheu und zurückhaltend" gewesen und habe die Sache passiv über sich ergehen lassen. Es sei zudem seine erste sexuelle Erfahrung überhaupt gewesen, so dass es ihm zunächst sehr schwer gefallen sei, überhaupt einzuschätzen, was passiert war.

Er habe später erst erkannt, dass er vergewaltigt worden sei: „Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nichts über Sex und wurde mir bewusst, dass er mich damals für seine sexuellen Spielchen missbraucht hat“.

Das Erlebte habe ihm jedoch später sehr zu schaffen gemacht und er habe sogar Selbstmordgedanken gehabt. Erst Jahre nach dem Zwischenfall habe er genügend Selbstvertrauen gehabt, um sich einem Freund zu eröffnen. Dieser habe ihm anschließend geraten, mit seinen Eltern zu reden, was er dann auch getan habe. Nachdem der Vater des Jugendlichen den Pfarrer zur Rede gestellt hatte, zeigte dieser sich selbst an. Er habe zuvor zweimal versucht, Emile A. zur Rede zu stellen und ihn deswegen besucht.

Der Pfarrer habe ausweichend reagiert und nicht wirklich auf ihn eingehen wollen. Als er seine Selbstmordgedanken angesprochen habe, habe der Seelsorger entgegnet: „dann sind wir verwandte Seelen, weil ich habe auch an so etwas gedacht“. Das Opfer habe eigener Aussage nach mit Wut und Enttäuschung auf diese Antwort reagiert, wie er vor Gericht erläuterte: „Ich hatte mir eine Entschuldigung erwartet.“

Der Versuch, das Opfer zum Täter zu machen

Die Verteidigung setzte unterdessen ihre bereits in der ersten Sitzung angekündigte Strategie fort, die offensichtlich auf „victim blaming“, also der moralischen Diskreditierung des Opfers und einer Verharmlosung der sexuellen Übergriffe basiert.

Me Gaston Vogel stellte beispielsweise die sexuelle Naivität des Opfers in Frage, indem er sich auf die Aussage eines Freundes des Opfers basierte, der diesen als „sexuell frühreif“ bezeichnet hatte. Man dürfe „das Opfer nicht als ein Unschuldslamm darstellen“ so Vogel.

Anschließend sollten die ersten drei von mehreren Zeugen, darunter der ehemalige Generalvikar der Erzdiözese Mathias Schiltz sowie der frühere Direktor des „Athenée de Luxembourg“ Emile Haag, dem Angeklagten ein moralisch einwandfreies Verhalten bescheinigen.

Alle Zeugen lobten das außerordentlich hohe Engagement, die Kompetenzen und die gewinnende Persönlichkeit des Angeklagten. Niemand habe sich jemals vorstellen können, dass A. in der Lage gewesen wäre, Sex mit einem minderjährigen Jungen zu haben.

Der dritte Zeuge dagegen, ein ehemaliger Messdiener aus Belair, der das Opfer persönlich kennt, nahm kaum ein Blatt vor den Mund und versuchte, das Opfer regelrecht auf persönlicher Ebene zu diskreditieren. Er sei „schon immer ein Verräter gewesen“ und er persönlich könne sich "sehr gut vorstellen", dass das Opfer den Angeklagten "verführt habe“.


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