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Prozess: Gefangen in Wahnvorstellungen
Lokales 2 Min. 01.04.2019

Prozess: Gefangen in Wahnvorstellungen

Prozess: Gefangen in Wahnvorstellungen

Foto:Gerry Huberty
Lokales 2 Min. 01.04.2019

Prozess: Gefangen in Wahnvorstellungen

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Ein psychotischer Mann zündet den eigenen Cousin in einem fahrenden Auto an. Beide überleben. Im Prozess liegen nun zwei widersprüchliche Gutachten zur Schuldfähigkeit des Angeklagten vor.

Der Prozess war eigentlich schon abgeschlossen. Doch als sie das Urteil bekannt geben sollten, ordneten die Richter eine weitere Beweisaufnahme an. Die erfolgte am Montag in Form eines weiteren psychiatrischen Gutachtens und steht im Widerspruch zu einer vorangegangenen Expertise.

Der Fall ist ein Paradebeispiel für den schwierigen strafrechtlichen Umgang mit psychischen Erkrankungen. Wie oft in einem solchen Kontext geht es am Ende nur um eine Frage: Hat die Psychose das Urteilsvermögen eines Beschuldigten nur eingeschränkt oder gar ganz außer Kraft gesetzt? In erstem Fall ist er schuldfähig, im zweiten nicht – und darf demnach nicht bestraft werden.

Im Mittelpunkt des Verfahrens steht Sven H. Der damals 25-Jährige ist am 23. September 2017 mit seinem Cousin im Auto in Esch/Alzette unterwegs. Bei voller Fahrt übergießt er den Fahrer mit brennbarer Flüssigkeit und zündet ihn an. Beide kommen mit Brandwunden davon. Sven H. wird wegen versuchtem Mord angeklagt.

Außerirdische Bedrohung

Es zeigt sich, dass Sven H. an einer schweren Psychose erkrankt ist. Er hört Stimmen, fühlt sich verfolgt und tendiert bei psychotischen Episoden zu aggressiven Ausbrüchen. In seinen Wahnvorstellungen sieht er seinen Cousin als Außerirdischen und somit als ernste Bedrohung.


Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.
Versuchter Mord: Gefährliche Wahnvorstellungen
Ein 25-jähriger Mann muss sich zurzeit wegen versuchten Mordes an seinem Cousin vor Gericht verantworten. Zum Tatzeitpunkt hatte er unter Halluzinationen gelitten.

Im Prozess im November 2018 schlussfolgert eine psychiatrische Gutachterin, dass sein Urteilsvermögen bei der Tat durch den psychotischen Schub lediglich eingeschränkt ist. Zudem hebt sie hervor, dass Sven H. seine vorangegangenen Behandlungen abgebrochen habe und weiter exzessiv Alkohol und Marihuana konsumiere. Ihm sei bewusst, dass dies seinen Zustand verschlimmere. Deswegen sei er auch für die Folgen seiner Psychose verantwortlich.

Die Staatsanwaltschaft leistet dem im Prozess Folge und fordert daraufhin eine Haftstrafe von 15 Jahren. Doch die Richter wollten mehr über den Geisteszustand des Angeklagten wissen. Anstatt am 29. November das Urteil zu verkünden, beantragen sie ein weiteres Gutachten.


Gericht - Prozesser - Photo : Pierre Matgé
Auto in Brand: weiteres Gutachten angeordnet
2017 hatte er als Beifahrer einen Wagen entzündet. Deshalb musste sich ein Mann wegen versuchten Totschlags vor Gericht verantworten. Ein Urteil steht aus. Erst soll ein weiteres psychiatrisches Gutachten erstellt werden.

Der daraufhin ernannte Experte kommt nun aber zu einer anderen Schlussfolgerung als die erste Gutachterin: Sven H. sei gemäß Artikel 71 des Strafgesetzes nicht schuldfähig. Er sei einem unwiderstehlichen Drang gefolgt und habe nicht zwischen Recht und Unrecht unterscheiden können. Ja, er habe seine Medikamente bewusst abgesetzt. Das sei aber im Krankheitsbild der Schizophrenie typisch: Der spürbare Erfolg der Behandlung führe dazu, dass die Patienten keinen Grund mehr für eine Medikamenteneinnahme sehen. Die Betroffenen seien ohnehin der Auffassung, dass nicht sie, sondern die Welt krank sei. Die Medikamente gingen zudem mit starken Nebenwirkungen einher.

„Auf einmal wird alles grau“

Sven H. habe seine Krankheit richtig erfasst: „Auf einmal wird alles grau, die Welt wird feindlich“, zitiert ihn der Psychiater. Dann gebe es keine Zufälle mehr. Wenn zweimal nacheinander ein gelbes Auto vorbeifahre, dann habe das eine bedrohliche Bedeutung. „Der Betroffene befindet sich in einer unheimlichen Situation und der Wahn, der dann folgt, gibt Antworten – in diesem Fall eine Bedrohung von Außerirdischen.“


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zurück.
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Am Donnerstag ist der Tag der Schizophrenie in Luxemburg. Dr. Paul Rauchs räumt in einem Interview mit Vorurteilen über die Erkrankung auf.

Sven H. sei heute nicht mehr gefährlich. Das Delirium verschwinde mit den Medikamenten. Dennoch bleibe ein gestörtes Verhältnis zur Realität. Die Krankheit lasse sich kalibrieren, aber nicht heilen. Eine gute Psychotherapie und ein Arbeitsplatz in einem geschützten Umfeld könne dem Beschuldigten ein quasi normales Leben ermöglichen. Strafe sei zwar als Wegweiser richtig, doch dafür sei die 18-monatige Untersuchungshaft als symbolische Bestrafung mehr als ausreichend.

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft meint im Anschluss, angesichts der widersprüchlichen Schlussfolgerungen der Psychiater müsse im Zweifel für den Angeklagten entschieden werden. Dieser solle als nicht straffähig gemäß Artikel 71 behandelt werden.

Das Urteil der Kriminalkammer ergeht am 14. Mai.


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