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Die „Gallier“ vom Boulevard Royal
Lokales 23 3 Min. 21.02.2016 Aus unserem online-Archiv
Projekt Royal-Hamilius

Die „Gallier“ vom Boulevard Royal

Lokales 23 3 Min. 21.02.2016 Aus unserem online-Archiv
Projekt Royal-Hamilius

Die „Gallier“ vom Boulevard Royal

Ein einziges Gebäude ist vom Straßenblock oberhalb des Busbahnhofs Aldringen übrig geblieben. Alle anderen sind den Plänen für das Hochglanzprojekt Royal-Hamilius gewichen. Doch warum ist das so? Und wie lebt es sich inmitten einer derartigen Großbaustelle?


Von Sophie Wiessler (übersetzt aus dem französischen von Steve Remesch)

„Wir befinden uns im Jahre 50 vor Christus. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt... Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten,“ so beginnen alle Asterix Comic-Hefte. Ein ähnlicher Gedanke dürfte auch bei dem letzten stehenden Gebäude auf der Großbaustelle Hamilius nahe liegen. Denn von allen Häusern im Straßenblock oberhalb des Busbahnhofs vor der oberstädtischen Post ragt nur noch eines aus dem Baustellenkrater hervor: 49, Boulevard Royal.

Und das Gebäude ist tatsächlich bewohnt. „Es macht mir eigentlich Spaß, dem Fortgang der Baustelle zuzusehen“, meint Jérémy Joiris, ein Arzt, der seine Praxis noch immer in dem Gebäude betreibt. Baustellenlärm gebe es nur wenig, da die Presslufthämmer schallgedämpft seien.

Spannender Ausblick

Auch Martine, die ein Schlankheitszentrum im Haus Nummer 49 führt, gesteht ihre ständige Neugier, die sie mit ihren Kunden teilt. „Die liegen bäuchlings auf der Pritsche und beobachten dann das rege Treiben zwei Stockwerke tiefer“, lacht sie. „Wissen Sie, das Gebäude wird jetzt zum regelrechten Mythos, weil es als einziges noch steht. Es zieht alle Blicke auf sich. Die Leute bleiben stehen, um es sich anzusehen.

Aber nicht alle Mieter sind so begeistert von der Situation. So ein Bewohner, der nicht genannt werden will: „Auch wenn mich die Baustelle stört, werde ich bleiben“, sagt er. „Der Boulevard Royal war stets eine Lärmquelle, doch die Baustelle macht es viel schlimmer.“ Eine dicke Staubschicht überzieht seinen Balkon. Er hat es mittlerweile aufgegeben, diesen zu putzen. Die Rollläden lässt er zu. „Abends habe ich Kopfschmerzen vom Lärm, aber ich habe nicht wirklich eine Wahl. Ich muss trotz allem hier bleiben.“

Warum?

Warum das Gebäude noch steht, weiß auch Arzt Jérémy Joiris nicht. Um das zu begreifen, muss die Zeit fünf Jahre zurückgedreht werden. Die Stadtverwaltung hatte einen Wettbewerb ausgeschrieben, um die Gebäudeinsel mitten im Stadtviertel zu überdenken und neu aufzubauen – die Firma „Codic“ erhielt den Zuschlag.

Gleich zu Beginn gab es dann offenbar Unstimmigkeiten zwischen den vier Gemeinschaftseigentümern des Gebäudes und den Stadtverantwortlichen. Letztere hatten vor, das Gebäude abzureißen und neu aufzubauen – mit zwei zusätzlichen Stockwerken.

"Die Auswahl der Fliesen..."

„Zwei Miteigentümer haben sich besonders heftig zur Wehr gesetzt“, erklärt Nicolas Thielgen, der Anwalt der Gemeinschaftsbesitzer. Sie hätten jegliche Verhandlungen verweigert. „Es ging immer um Detailfragen: die Größe ihrer Wohnung, den Verlust eines Balkons, die Auswahl der Fliesen... Sie wollten nicht, dass das Gebäude abgerissen wird. Sie wollten ihren Besitz nicht abgeben.“

Das luxemburgische Gesetz sieht allerdings vor, dass eine Mehrheit der Eigentümer das Projekt befürworten müsse, bevor es umgesetzt werden kann. Das war hier nicht der Fall.

Sechs Millionen Euro Verlust

Deshalb bleibt das Wohngebäude nun eben stehen. „Wenn alle mitgemacht hätten, dann hätten ihre Appartements nach Abschluss der Arbeiten einen wesentlich höheren Wert erlangt“, führt Anwalt Thielgen aus. Jetzt verliere das ganze Gebäude sogar noch an Wert. Thielgen spricht von Verlusten in Höhe von sechs Millionen Euro.

Man werde Klage gegen die beiden eigensinnigen Parteien einreichen. Es handle sich um einen Rechtsmissbrauch und die Verantwortlichen müssten für den entstandenen Schaden aufkommen, so Thielgen.

Ganz besonders frustrierend für die Eigentümerschaft: Die beiden „Gallier“ leben nicht einmal im Gebäude.

Einweihung für 2019 geplant

Im Jahr 2014 haben die Vorbereitungsarbeiten für den neuen Gebäudekomplex Royal-Hamilius begonnen. 2016 soll mit den Aufbauten angefangen und 2019 das Gesamtprojekt eingeweiht werden. Der größte Teil des 36.000 Quadratmeter umfassenden Projekts ist für Geschäfte (44 Prozent) und Büros (28 Prozent) vorgesehen. Dazu kommen Wohnungen (20 Prozent), Restaurants (drei Prozent) und nicht näher definierte Dienste (zwei Prozent.)



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