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Polizeimunition ist besser als ihr Ruf
Lokales 6 Min. 29.08.2014 Aus unserem online-Archiv
78 Zwischenfälle zwischen Mai und Juli

Polizeimunition ist besser als ihr Ruf

Die Fehlerquote liegt bei 0,12 Prozent. Erlaubt sind 0,2 Prozent.
78 Zwischenfälle zwischen Mai und Juli

Polizeimunition ist besser als ihr Ruf

Die Fehlerquote liegt bei 0,12 Prozent. Erlaubt sind 0,2 Prozent.
Foto: Marc Wilwert
Lokales 6 Min. 29.08.2014 Aus unserem online-Archiv
78 Zwischenfälle zwischen Mai und Juli

Polizeimunition ist besser als ihr Ruf

66.782 Schüsse hat die Polizei zwischen dem 1. Mai und dem 31. Juli auf ihrem Schießstand in Reckenthal abgefeuert. 35 Mal bereitete die Munition Probleme. Einem internen Bericht zufolge lag allerdings nur in 16 Fällen ein schwerwiegender Herstellungsfehler vor.

(str) - 66.782 Schüsse hat die Polizei zwischen dem 1. Mai und dem 31. Juli auf ihrem Schießstand in Reckenthal abgefeuert. 35 Mal bereitete die Munition Probleme. Einem internen Bericht zufolge lag allerdings nur in 16 Fällen ein schwerwiegender Herstellungsfehler vor.

Die beim Training und der Ausbildung am „Centre National de Tir de la Police“ verwendete Munition stammt ausschließlich aus dem Los Nummer 7, das die Sicherheitskräfte beim deutschen Hersteller „Metallwerk Elisenhütte Nassau“ (MEN) eingekauft hatten. Die MEN-Revolver-Munition war im März dieses Jahres von der Polizeigewerkschaft SNPGL in die Schlagzeilen gebracht worden. Der „Syndicat National de la Police Grand-Ducale“ hatte bei seiner Generalversammlung auf gravierende Probleme hingewiesen, dies sowohl mit der Munition als auch mit den Dienstrevolvern.

Die Polizeidirektion reagierte auf die Vorwürfe und so wurden beispielsweise Maßnahmen ergriffen, um mögliche Blindgänger und Fehlzündungen möglichst auszuschließen. 192.000 Kugeln wurden am 23. April zum Hersteller MEN zurückgeschickt, um diese einer visuellen Kontrolle und einer Gewichtsprüfung unterziehen zu lassen. Am 24. Juni kamen 191.749 Kugeln aus Nassau an der Lahn in Rheinland-Pfalz zurück. Demnach waren bei 251 Kugeln Unregelmäßigkeiten festgestellt worden. Am gleichen Tag ging die verbleibende Munition – 112.800 Schuss – zurück zum Hersteller. Diese werden für Ende September zurückerwartet. Die gesamten Kosten werden von MEN übernommen.

Zudem hatte die Direktion Ende April angeordnet, dass ab dem 1. Mai alle Zwischenfälle in Bezug auf Dienstwaffen und Munition auf einer Tafel am Schießstand in Reckenthal niederzuschreiben seien. Damit sollte verhindert werden, dass der Eindruck entsteht, dass Vorfälle unter den Teppich gekehrt würden. Nach drei Monaten hat die Ausrüstungsstelle der Polizei nun einen ersten Lagebericht zusammengestellt, der dem „Luxemburger Wort“ vorliegt.

Demzufolge wurden zwischen dem 1. Mai und dem 31. Juli insgesamt 66.782 Schuss abgefeuert. 78 Mal kam es zu Vorfällen – demnach bei 0,12 Prozent aller Schüsse. 43 Vorfälle betrafen die Munition und 35 Fälle die Dienstwaffe. Nach einer ersten Analyse durch die Waffenmeisterei wurden insgesamt 15 Zwischenfälle auf eine falsche Bedienung der Waffe oder Munition zurückgeführt.

Nach dieser ersten Auswahl bleiben 36 Vorfälle, die im Zusammenhang mit der Munition stehen (0,053 % laut eigener Berechnung, 0,06 % laut Bericht). Laut dem Bundesbeschussamt Ulm sind im Dauerbeschuss bei 10.000 Pistolenschüssen 20 Fehler zulässig. Das entspricht 0,2 Prozent. Bei 66.782 Schüssen wären demnach bis zu 132 Fehler in der Norm.

Das Problem mit 
der blauen Plastikkugel

18 Mal ist die blaue Plastikkugel an der Spitze der „Hollow-Point“-Munition abgegangen. Dies habe keinerlei Auswirkung auf den Schuss und es gebe dabei keine Gefährdung des Schützen, heißt es. Lediglich beim Aufprall der Munition mache es einen Unterschied. MEN sei über dieses Problem informiert worden und treffe nun die nötigen Vorkehrungen, so der Bericht. Bei der Heckler & Koch Maschinenpistole vom Typ MP5, die ebenfalls zur Standardausrüstung eines Polizisten gehört, wird die Plastikkugel beim Abfeuern automatisch entfernt.

Insgesamt sieben Mal ging ein Schuss nicht los. Demnach hat das Zündhütchen entweder nicht gezündet, oder es lag zu tief für den Schlaghammer des Revolvers. Beiden Fällen liegt ein Herstellungsfehler zugrunde. Sechs Mal war die Hülse eingerissen. Wie im Bericht betont wird, wurde dieser Fehler aber erst festgestellt, als die Waffe wieder entladen wurde. Demzufolge sei der Schuss normal erfolgt und der Schütze keineswegs gefährdet gewesen. Das hätte allerdings auch anders ausgehen können: Im März hatte die SNPGL in ihrer Generalversammlung an einen Fall aus dem Jahr 2007 erinnert, bei dem ein Eliteschütze schwer verletzt wurde, als der Hammer seines Revolvers eine Patronenhülse durchschlug.

Drei Mal drehte sich die Trommel eines Revolvers nicht weiter, weil das Zündhütchen aus der Kugel hervorstand. Auch hierbei handelt es sich um einen Fabrikationsfehler. Wie es im Bericht heißt, verfüge MEN inzwischen aber über eine neue Produktionsmaschine, die sicherlich zu einer Verbesserung der Qualität des Endprodukts führe. Einmal blockierte außerdem eine Trommel, weil der Bewegungsfreiraum zwischen Patrone und Revolver bei heißer Waffe zu gering war. Dies kann vorkommen, weil die Feineinstellung der Waffe im Kaltzustand erfolgt. Bei wiederholten Schüssen kann sich das Metall ausdehnen und so die Drehung der Kugeltrommel behindern.

Ungeklärt ist ein Vorfall, zu dem es am 23. Juli am Videoschießstand der Polizei kam. Eine Polizistin wurde von einem millimetergroßen Metallsplitter an der Hand getroffen, als sie neben einem Schützen stand. In der Waffenmeisterei wurden Waffe und Munition überprüft, die Herkunft des Splitters konnte allerdings nicht geklärt werden. Derzeit sind Experten in Brüssel mit weiteren Untersuchungen befasst.

27 Mal gab es Probleme 
mit der Dienstwaffe

27 Mal kam es zudem zu Vorfällen im Zusammenhang mit der Dienstwaffe. Das entspricht einer Fehlerquote von 0,04 Prozent. 15 Mal war bei heißer Waffe der Bewegungsraum zwischen Trommel und Revolver zu gering, sodass sich die Trommel nicht mehr drehte. Acht Mal hatte sich durch die Vibrationen beim Schießen der Metallstift der Trommel gelöst bzw. musste die Kimme nachgerichtet werden. Vier Mal war die Waffe verunreinigt. Ebenfalls vier Mal kam es zu Störungen, die auf eine falsche Handhabung der Waffe zurückgeführt werden konnten. Zweimal waren Waffe und Munition nicht kompatibel. Zwei Mal musste das Abzugsgewicht erhöht werden. Eine Abänderung des Abzugsgewichts kann dann erforderlich sein, wenn sich die Schraube der Abzugsfeder durch Vibrationen löst, diese Verschleiß unterliegt, oder die Spannung der Schlagfeder nachlässt.

Der Verfasser des Berichts hebt abschließend hervor, dass die Dienstwaffen seit 2010 systematisch überprüft werden. Es könne dennoch sehr wohl vorkommen, dass eine Waffe nach mehreren Jahren im Gebrauch einen geringen Verschleiß aufweisen könne.

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Stand de tir de la police - Photo : Pierre Matgé