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Pestizidbelastung im Wasser: „Wir sind alle überrascht worden“
Lokales 3 Min. 15.10.2014

Pestizidbelastung im Wasser: „Wir sind alle überrascht worden“

Die Problematik der Pestizide im Trinkwasser ist nicht neu. Einfache Antworten gibt es nicht.

Pestizidbelastung im Wasser: „Wir sind alle überrascht worden“

Die Problematik der Pestizide im Trinkwasser ist nicht neu. Einfache Antworten gibt es nicht.
sd
Lokales 3 Min. 15.10.2014

Pestizidbelastung im Wasser: „Wir sind alle überrascht worden“

Wer hat die Gefahr der Metazachlor-Belastung im Trinkwasser unterschätzt, die Landwirtschaft, die Politik oder gar die Wissenschaft? Der schwarze Peter wird hin- und hergeschoben, seit bekannt wurde, dass ein Großteil der Luxemburger Quellen belastet ist.

(jag) - Dabei sind die Informationen gar nicht neu, die Problematik ist seit Jahren bekannt, es hat nur niemand hingesehen. 70 Prozent der Trinkwasserquellen in Luxemburg sind mit mindestens einem Pestizid belastet. Bei einem Viertel sind Maßnahmen notwendig, damit Trinkwasserqualität erreicht wird. Neben den Pestiziden sind vor allem die Nitratbelastungen ein gravierendes und fast flächendeckendes Problem.

Sündenbock Landwirtschaft?

Camille Gira, Staatssekretär im Umweltministerium, beklagte am Freitag eine wenig kooperative Haltung der Landwirtschaft in Sachen Gewässerschutz. Zudem habe die Vorgängerregierung nur wenig getan, um das Gesetz über Trinkwasserschutzzonen aus dem Jahre 1993 voranzutreiben. Zudem sei es technisch unmöglich, die rund 1500 chemischen Produkte und Abbaustoffe, die in Luxemburg eingesetzt werden, systematisch zu überprüfen.

Marco Gaasch, Präsident der Landwirtschaftskammer, sieht die Problematik freilich etwas anders. Die Landwirte hätten mit Metazachlor ein Produkt, das wissenschaftlich überprüft und zugelassen worden sei. Eine große Mehrheit der Landwirte würde das Material wohl auch nach Vorschrift einsetzen. Man gehe natürlich davon aus, dass der vorschriftsmäßige Gebrauch keine Probleme verursache. „Wir wollen von der Industrie sichere Produkte, auf die wir uns verlassen können. Der Fehler liegt hier nicht bei uns, hier ist jeder überrascht worden.“ Gaasch spricht dabei den Nachweis der Abbauprodukte im Grundwasser an. Die Bauern fühlen sich im Stich gelassen, obwohl es wohl auch dort schwarze Schafe gibt.

Krebserregend bei Ratten

Dabei redet die Wissenschaft, was den Einsatz von Metazachlor betrifft, eigentlich Klartext: Die Substanz war im Test bei Ratten krebserregend, Leber und Milz waren betroffen. Für den Menschen, an denen natürlich keine Tests durchgeführt wurden, will die „European Chemicals Agency“ keine Entwarnung geben, bis das Gegenteil bewiesen wurde. Deshalb gilt der Zusatz: „Steht im Verdacht krebserregend zu sein, Beweise ungenügend.“ Dass die Substanz auch als gesundheitsschädlich und extrem gefährdend für im Wasser lebende Organismen ist, gilt sowieso als gesichert.

Sehr langsamer Abbau

Interessanterweise kann man im Dokument auch nachlesen, dass Metazachlor nur sehr langsam biologisch abgebaut wird, im Test war nach 28 Tagen überhaupt keine Zersetzung festzustellen. Auch nach zwei Jahren war die Substanz noch nicht komplett abgebaut. Damit hat Luxemburg ein weiteres Problem. In der Direktive 2008/116 warnt die EU-Kommission zudem ausdrücklich vor fünf verschiedenen Metazachlor-Abbaustoffen und der Gefahr, dass diese ins Grundwasser gelangen können.

Die EU-Kommission will zudem weitere Informationen, was die Krebsgefahr durch diese Abbaustoffe betrifft. Diese Studien sind immerhin drei Jahre alt, von einer wirklichen Überraschung kann jetzt also keine Rede sein. Dass die zulässigen Grenzwerte jetzt auf Wunsch der Regierung von 100 Nanogramm auf drei Mikrogramm angehoben wurden, macht zwar in der Praxis Sinn, was die Abbaustoffe aber über Jahre hinweg auch in niedrigen Konzentrationen bei älteren Leuten oder Kleinkindern anstellen, kann niemand mit Gewissheit sagen.

Politik ist gefordert

Gefordert ist jetzt aber vor allem die Politik. Was nützen Schutzzonen für Trinkwassergebiete, wenn sie zwar festgelegt, aber immer noch nicht ausgewiesen sind?

In den Schutzzonen I und II darf Metazachlor überhaupt nicht ausgebracht werden, in Zone III nur alle vier Jahre. Doch das entsprechende großherzogliche Reglement vom 9. Juli 2013 ist nur zum Teil umgesetzt worden, viele Schutzzonen sind noch gar nicht ausgewiesen. Erst muss durch komplizierte Messungen festgestellt werden, wie das Oberflächenwasser an diesen Orten überhaupt abfließt und ob das Trinkwasser dort gefährdet ist.

80 Dossiers sind in Ausarbeitung, 340 Quellen und Bohrungen betroffen. 2015 sollen aber sämtliche Zonen ausgewiesen sein. Ein guter Ansatz könnte aber auch der nationale Aktionsplan Pestizide sein, der zur Zeit in Ausarbeitung ist. Sämtliche Produkte, die in Luxemburg im Einsatz sind, sollen dabei noch einmal überprüft werden.

Laut „natur&emwelt“ gibt es hier jede Menge zu tun: Immerhin 40 Prozent der 233 in Luxemburg zugelassenen Wirkstoffe stünden im Ausland auf schwarzen Listen. Den Umweltschützern geht der Aktionsplan allerdings nicht weit genug: Viel Sensibilisierung, viel Information und Schulung, aber so gut wie gar keine Auflagen und Verbote. „Solange nicht einmal die technischen Agrardienste wissen, welche Pestizide hierzulande eingesetzt werden und in welchen Mengen, machen solche Pläne nicht viel Sinn“, so Martina Holbach von Greenpeace. „Letztlich sind Pestizide nur ein Stein in einem ganzen landwirtschaftlichen System. Nur wenn man die Anbaumethoden grundlegend umstellt, kann man auch auf Chemie verzichten.“ Eine Einsicht, die noch nicht überall angekommen ist.


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