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Franziskanische Vielfalt in Luxemburg
Lokales 4 10 Min. 09.07.2021
Ordensleben

Franziskanische Vielfalt in Luxemburg

Die Novizinnen Schwester Helena (l.) und Schwester Magdalena (2.v.l.) haben gemeinsam mit neun weiteren jungen Frauen neun Wochen in Luxemburg verbracht. Begleitet wurden sie von Schwester Elvira (r.) und Schwester Beatrice (2.v.r.).
Ordensleben

Franziskanische Vielfalt in Luxemburg

Die Novizinnen Schwester Helena (l.) und Schwester Magdalena (2.v.l.) haben gemeinsam mit neun weiteren jungen Frauen neun Wochen in Luxemburg verbracht. Begleitet wurden sie von Schwester Elvira (r.) und Schwester Beatrice (2.v.r.).
Foto: Guy Jallay
Lokales 4 10 Min. 09.07.2021
Ordensleben

Franziskanische Vielfalt in Luxemburg

Sarah SCHÖTT
Sarah SCHÖTT
Ein Noviziatsprojekt hat junge Ordensfrauen aus gleich drei verschiedenen Ländern ins Großherzogtum gebracht.

Junge Frauen, die beschlossen haben, ihr Leben in den Dienst der Menschen zu stellen und es Gott zu weihen – was vor Jahren noch recht gängig war, wird heutzutage eher als exotisch betrachtet. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die sich für das Ordensleben entscheiden – elf von ihnen sind aktuell im Rahmen eines Noviziatsprojektes bei den Franziskanerinnen in Belair untergebracht. 

Austausch, Reflexion, sehen, was andere machen und wie sie ihr Ordensleben gestalten – darum geht es den Verantwortlichen. Als man vor einigen Jahren in der interfranziskanischen Arbeitsgemeinschaft überlegt hatte, wie man gemeinsame Ausbildungsinhalte entwickeln kann, kam die Idee, dass es sinnvoll sei, Novizinnen zusammenzubringen, erinnert sich Schwester Elvira (73) von den Franziskanerinnen Amstetten in Niederösterreich, die das Projekt gemeinsam mit Schwester Beatrice (66) von den Baldegger Franziskanerinnen in der Schweiz leitet. „Der Weg für die jungen Frauen in der Zukunft ist ohnehin nicht einfach, und so können sie vielleicht miteinander einen starken Boden bereiten.“ 

Zeit für soziale Projekte 

Das Treffen findet alle drei Jahre an einem anderen Ort statt, dieses Jahr zum ersten Mal in Luxemburg. Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen wie „Berufung im Alten und Neuen Testament“, „Gehorsam“, „Armut“, „Ehelosigkeit“ und vielen anderen, die jeweils von spezialisierten Referentinnen aus der franziskanischen Familie besprochen werden, waren ursprünglich auch zwei Tage pro Woche für soziale Projekte vorgesehen: Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Flüchtlingen oder Obdachlosen. „Das ist aber leider Corona zum Opfer gefallen“, bedauert Schwester Beatrice. 

Langweilig wird es den jungen Frauen dennoch nicht. Unter der Woche gibt es einen geregelten Ablauf von Gebet, Essenszeiten und inhaltlicher Auseinandersetzung. „Der Samstag ist dann ein strukturfreier Tag, da machen wir nichts gemeinsam. Sonntags gibt es auch viel Freiraum, etwa für Ausflüge“, erklärt Schwester Beatrice. Die Gruppe war bereits in Vianden, Clerf und Echternach, hat an einer Stadtführung teilgenommen, eine Wanderung im Müllertal gemacht und einige der jungen Frauen haben die freie Zeit für Ausflüge nach Trier oder Aachen genutzt. 

Die Gruppe bei einem Waldspaziergang in der Einsiedelei des Seligen Schetzel, der im 12. Jahrhundert im Grünewald lebte.
Die Gruppe bei einem Waldspaziergang in der Einsiedelei des Seligen Schetzel, der im 12. Jahrhundert im Grünewald lebte.
Foto: privat

Aber auch inhaltlich konnten sie einiges mitnehmen. „Für mich ist der Vernetzungsgedanke wichtig, dass man sich darüber austauschen kann, wie in den unterschiedlichen Gemeinschaften franziskanisch gelebt wird und wie wir das, was uns an diesem Leben wichtig ist, in die Gesellschaft tragen können“, erklärt Schwester Magdalena. Die 25-Jährige absolviert ihr Noviziat bei den Franziskusschwestern von Vierzehnheiligen in der Nähe von Bamberg.

Der Weg dorthin war lang, wie sie erzählt. „Ich habe gemerkt, dass ich den Glauben leben und teilen möchte – gerne in Gemeinschaft. Franziskus ist mir sehr wichtig und die franziskanische Spiritualität begleitet mich schon mein ganzes Leben.“ Während ihres dualen Studiums der Pflege stellt sich ihr die Frage, was sie mit ihrem Leben anfangen und wie sie es gestalten möchte. „Als ich gemerkt habe, dass der Glaube da eine große Rolle spielt, habe mich auf die Suche gemacht nach Orten, wo ich das leben kann, und bin dann so – über manche Umwege – auf die Franziskusschwestern gestoßen.“ 

Mit Franziskus verbunden 

An Franziskus habe sie schon in Kindertagen die Naturverbundenheit fasziniert. „Mittlerweile ist er für mich auch deshalb besonders wichtig, weil er die Bruchstückhaftigkeit seines Lebens erkannt hat und sich doch von Gott getragen wusste. Er weiß um die Verletzlichkeit des Lebens und hat die Barmherzigkeit gelebt.“ Besonders berühre sie auch die Begegnung von Franziskus mit einem Aussätzigen. „Ich kann nun auch den Aussätzigen in mir selbst umarmen und in den Menschen Christus entdecken.“ 

Franziskus war für mich eher der bunte Hippie, der nicht ganz einzuordnen ist.

Schwester Helena

Für die 30-jährige Schwester Helena, die zu den Elisabethinen Linz gehört, war nicht von Anfang an klar, dass sie zu einer franziskanischen Gemeinschaft gehören möchte. „Ich war an ganz vielen anderen Spiritualitäten interessiert, franziskanisches Glaubensleben kam für mich erst ganz am Schluss ins Blickfeld. Ich war etwa bei Dominikanerinnen und verschiedenen salesianischen Spiritualitäten. Franziskus habe ich immer gekannt, aber er war für mich eher der bunte Hippie, der nicht ganz einzuordnen ist. Auf einem Pilgerweg nach Assisi habe ich dann aber aus meiner Sicht den Kern des Franziskanischen entdeckt – das Unterwegssein mit Menschen in einem einfachen Leben. Diese Urform franziskanischen Lebens hat mich so fasziniert, dass ich wusste: Das möchte ich im Alltag mittragen und umsetzen.“ 

Das „Mehr“ im Leben 

Der Grund, warum sie überhaupt zum Ordensleben kam: die Suche nach dem „Mehr“ im Leben. „Ich war sehr zufrieden in meiner Arbeit als Krankenschwester und auch in meinem sozialen Umfeld, habe aber trotzdem gedacht, dass irgendwie etwas fehlt. Nach und nach ist meine Faszination für Ordensgemeinschaften und das Ordensleben gewachsen. Und ich habe mich auf die Suche danach gemacht, was das ,Mehr‘ ist und wie es sich füllen lässt. Und für mich war von Anfang an klar, dass dieses ‚Mehr‘ auch von Gott auf die Menschen übergehen muss. Für mich war es wichtig, dass Ordensleben mit und für die Menschen ist und sein sollte, mit einem Gott im Zentrum.“

So kam es, dass die beiden jungen Frauen nun gemeinsam mit neun anderen Novizinnen für neun Wochen in Luxemburg sind. Dabei hat das Projekt mehrere Ziele, wie Schwester Beatrice erklärt. „Eines ist die Vertiefung der franziskanischen Spiritualität. Der Austausch darüber aus dem Blickfeld unterschiedlicher Gemeinschaften – denn jede Gemeinschaft lebt das anders und setzt andere Schwerpunkte. Wir wollen, dass sie die Erfahrung von franziskanischer Vielfalt machen können“. Daneben sei Vernetzung ein wichtiger Aspekt, auch um das Charisma der franziskanischen Spiritualität länderübergreifend wahrnehmbar zu machen. 

„Gerade auch in Gemeinschaften, in denen jemand alleine im Alterssegment ist, ist es hilfreich, sich mit anderen auszutauschen und auch zu messen. Da entstehen Prozesse, die eine Auseinandersetzung für jede Einzelne bedeuten, die sie bei sich zu Hause gar nicht haben könnte.“ Und natürlich sei ein Resultat auch, dass die Novizinnen durch den Austausch viele Themen mit in ihre Häuser nehmen könnten, um auch dort einen Diskurs und eine Auseinandersetzung darüber anzustoßen, wie Noviziat heute gelingen könne. 

Das Gebetsleben gestalten

„Sehr wichtig ist, dass viel Austausch möglich ist, weil sie über längere Zeit beisammen sind. Da kann man viele Erfahrungen teilen und die verschiedenen Lebensmodelle anschauen und reflektieren, wie man es in der eigenen Gemeinschaft erlebt. Das soll eine Brücke sein, damit es auch im weiteren Ordensleben ein Beziehungsnetz geben kann, das ist eine Vision“, ergänzt Schwester Elvira. 

Ich habe gemerkt, dass ich den Glauben leben und teilen möchte – gerne in Gemeinschaft.

Schwester Magdalena

Daneben seien die Novizinnen auch in die Gestaltung von Gebetszeiten eingebunden. „Es geht auch stark um Erfahrungen im Gestalten des Gebetslebens. Dass man es auf vielfältige Weise erproben und erleben kann. Und natürlich bleibt auch Zeit für Spaß, wir lachen viel. Das ist das Erfrischende“, so die Amstettner Franziskanerin. 

Das Lachen und der Austausch stärken nicht nur die jungen Frauen, sondern geben auch den Projektleiterinnen einiges mit auf den Weg. „Ich habe es schon beim ersten Projekt, bei dem ich dabei war, erlebt, dass ich durch die jungen Frauen wirklich eine Lebensenergie gespürt habe, das hat mich auch motiviert, ein zweites Mal mitzumachen“, so Schwester Elvira. Sie bewundere den Mut der Novizinnen. „Ich erlebe junge Frauen, die sich auf einen Weg einlassen, von dem sie nicht genau sagen können, wie er in Zukunft aussieht. Sie machen eine starke Liebe zu ihrer Gemeinschaft sichtbar und zum Franziskanischen. Ich bin beeindruckt vom Lebenszeugnis dieser jungen Frauen und wie sie ihre Art der Gottsuche und Gottverbundenheit und gleichzeitig das Bezogensein auf die Menschen überzeugend zu leben versuchen. Das finde ich schön.“ 

Daneben, ergänzt Schwester Beatrice, nehme man auch viele Fragen mit nach Hause, was die Zukunft des Ordenslebens betreffe. „Aber auch die Vielfalt, die hier zum tragen kommt, die verschiedenen Zugänge zur Spiritualität, das ist eine große Bereicherung.“ 

Der Blick über den Tellerrand 

Wenn die beiden Leiterinnen, die auch ein- oder mehrmals wöchentlich Einzelgespräche mit den jungen Frauen führen, an ihre eigene Noviziatszeit zurückdenken, fallen ihnen einige Unterschiede auf. „Meine Ausbildung fiel in die Aufbruchszeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Wir haben dabei schon die neuen Aspekte des Ordenslebens gut bearbeitet. Aber der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus war kaum möglich. Es war eher so, dass man im Noviziat nur im Ordenshaus war und möglichst keine Kontakte zu anderen hatte. Eine Schwester von mir hat damals geheiratet, es war überhaupt nicht Thema, dass ich da zur Hochzeit gehen könnte. Andere Novizinnen habe ich dann auch erst bei Fortbildungen kennengelernt”, erinnert sich Schwester Elvira. Auch dass heutigen Novizinnen bereits über Berufserfahrung verfügen, sei nicht mit damals vergleichbar.  


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„Für mich ist schon ein großer Unterschied, dass ich zu Hause in einer Gruppe war. Es gab die ganz klassische Form der Ordensausbildung, die war für alle gleich und das war auch sehr gut vergleichbar mit anderen Gemeinschaften. Da ist heute eine größere Vielfalt und individuellere Anpassung daran möglich, was jeder mitbringt und was entwickelt oder gefestigt werden soll“, meint Schwester Beatrice. Die heutigen Novizinnen seien Menschen ihrer Zeit, starke Persönlichkeiten. Und natürlich habe sich ganz allgemein auch die Rolle der Kirche geändert. „Zu Elviras Zeit war es noch klar, Kirche ist Teil der Gesellschaft, bei mir war das schon etwas am wackeln und heute ist Kirche und Gesellschaft oft gar nicht mehr verbunden.“ 

Doch trotz dieser möglichen Schwierigkeiten, dem abnehmenden Verständnis für geistliche Berufungen und sinkenden Nachwuchszahlen fühlen sich die Novizinnen – vielleicht auch gerade durch das Projekt – in ihrem Weg bestärkt. Der Austausch mit Gleichaltrigen, die sich in der gleichen Lebensphase befinden und vor ähnlichen Entscheidungen stehen, tue gut. 

Der Weg zu den Wurzeln  

Neben der Vernetzung und dem Austausch, der angeregt wird, konnten die beiden Novizinnen bisher vor allem aus den Überlegungen über die verschiedenen Gelübde wie Armut oder Gehorsam vieles für sich mitnehmen. Aber auch aus der Gebetsschule. „Das war für mich nochmal ein Weg nach innen und zu den franziskanischen Wurzeln“, meint Schwester Magdalena. 

Dabei geht es nicht – wie der Name vielleicht vermuten lässt – um eine Schulstunde, sondern um Texte und Gebete des heiligen Franziskus. „Es geht um seine Zugänge zu verschiedenen Themen, zur Schöpfung, zu Maria, zum Kreuz ...“, erklärt Schwester Elvira. „Im Gebet auch die Stille zu erleben und wie die heilige Klara das Wort Gottes immer wieder in sich selbst zu wenden. Es geht um einen inneren Weg des franziskanischen Betens.“ 

Diese Woche war die letzte, die die jungen Frauen mit ihren Begleiterinnen in Luxemburg verbracht haben. Nun geht es für sie zurück in ihre Gemeinschaften – im Gepäck haben sie wohl neue Freundschaften, neue Ideen und eine Stärkung für ihre Überzeugung im Glauben. 

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