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Oktave: Gotteszeugnis von der Pest bis zu Corona
Lokales 4 Min. 02.05.2020 Aus unserem online-Archiv

Oktave: Gotteszeugnis von der Pest bis zu Corona

Die Trösterin der Betrübten – die "Consolatrix afflictorum" in der Luxemburger Kathedrale hat schon einige Krisen und Kriege miterlebt und überstanden.

Oktave: Gotteszeugnis von der Pest bis zu Corona

Die Trösterin der Betrübten – die "Consolatrix afflictorum" in der Luxemburger Kathedrale hat schon einige Krisen und Kriege miterlebt und überstanden.
Foto: Anouk Antony
Lokales 4 Min. 02.05.2020 Aus unserem online-Archiv

Oktave: Gotteszeugnis von der Pest bis zu Corona

In ihrer langjährigen Geschichte hat die Muttergottes-Oktave schon zahlreiche Hindernisse überwunden - neben Einschränkungen durch Kriege bereits auch andere Pandemien.

Von Georges Hellinghausen

Die Corona-Krise hat das ganze kirchliche Leben, zumindest in seinem Öffentlichkeitscharakter, zum Stillstand gebracht, auch die Muttergottes-Oktave. Doch ist das nicht die einzige Krisenzeit, der sich die nationale Wallfahrt bisher zu stellen hatte. Im diözesanen Geschehen, sobald dieses sich abzeichnete, das heißt ab der Französischen Revolution kurz vor 1800, gab es etliche solcher Krisenperioden.

In der Revolutionszeit war kirchliches Leben verboten, bis auf die Pfarreien, wo die Geistlichen den vom französischen "Directoire" 1797 vorgeschriebenen Treueid auf die Zivilkonstitution ablegten. In der alten Jesuitenkirche war das der Fall, sodass der katholische Kult und die Oktave, Oktavprozession inbegriffen, im Inneren der Kirche abgehalten werden konnte. Hingegen war die Glacis-Kapelle, wo seit 1628 das Gnadenbild der "Trösterin" aufgestellt war, profaniert und 1796 abgerissen worden.

Revolution und Cholera

Nach dem Napoleonischen Konkordat von 1801 konnte die Oktave wieder öffentlich aufleben, doch ohne den Glanz früherer Zeiten. Auch führte die Belgische Revolution, die das 1815 geschaffene und ab 1830 belgisch regierte Großherzogtum von seiner holländisch verwalteten Hauptstadt trennte, zu Beeinträchtigungen: Prozessionen in der Stadt und zur Stadt waren so gut wie unmöglich.

Die Corona-Krise ist nicht die einzige Krisenzeit, der sich die nationale Wallfahrt bisher zu stellen hatte.

Diese Dekadenzphase wurde ab 1842 abgelöst durch einen neuen Aufschwung unter dem Apostolischen Vikar Jean-Théodore Laurent (1842-48), sodass sich die Oktave in der zweiten Jahrhunderthälfte als Phänomen organisierter Massenreligiosität entfaltete, mit einer Beteiligung von über 100.000 Gläubigen nach 1900. Die Cholera behinderte die Oktave 1832 – keine Prozessionen in die Stadt – und im Jubiläumsjahr 1866 (3.500 Landsleute fielen ihr zum Opfer), als dennoch das Gnadenbild zum 200. Jahrestag der Erwählung der Stadtpatronin von Kardinal Reisach im Namen Pius’ IX gekrönt wurde. Auch waren am 25. Juni die Einwohner Diekirchs, angeführt von Bürgermeister E. François, nach Luxemburg gezogen, um der Schutzpatronin als Dank für die überstandene Epidemie ein wertvolles Zepter zu überreichen.

Der einheimische Muttergotteskult nahm eine stark patriotische Färbung an. Luxemburger Missionare oder Migranten – zig Tausende, die den katastrophalen wirtschaftlichen Zuständen im Land entflohen – nahmen eine Statue ihrer Madonna mit, sodass sich der Kult in Übersee verbreitete. Noch jüngst schickte Kardinal Hollerich, auf Anfrage hin, eine "Trösterin"-Statue in eine Pfarrei in Chicago mit Abkömmlingen Luxemburger Auswanderer. Ableger des Gnadenbildes gibt es in der ganzen Welt.

Eine Trösterin-Statue wurde jüngst in eine Pfarrei nach Chicago geschickt.
Eine Trösterin-Statue wurde jüngst in eine Pfarrei nach Chicago geschickt.
Foto: cathol.lu

Die Vorhalle der Kathedrale zeigt eine Weltkarte mit 86 Kirchen, Kapellen und Statuen, die nach der Luxemburger "Consolatrix afflictorum" benannt sind. Lange Zeit war der Consolatrix-Kult ein Einigungsband der Luxemburger Bevölkerung, sogar über kontinentale Trennungen hinweg.


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Die Oktave wurde Opfer ihres eigenen Erfolges, als die zunehmenden Pilgermassen ab Beginn des 20. Jahrhunderts kaum noch zu fassen waren. Der Plan, eine neue, geräumigere Wallfahrtskirche zu errichten (Glacis, Limpertsberg, Konviktsgarten), wurde jedoch nie ausgeführt. Lediglich 1935-38 wurde die Kathedrale durch einen rechteckigen Anbau und einen neuen Chor vergrößert. Auch war die Wallfahrtsperiode zweimal ausgeweitet worden (1898 und 1921), sodass die ursprüngliche "Oktave", also eine Feier von acht Tagen, nun de facto und bis heute eine Doppeloktave ist.

In zwei Weltkriegen

Im Ersten Weltkrieg (1914-18) kam es zu Behinderungen wegen Fliegeralarm und -angriffen. Prozessionen in die Stadt, auch die Schlussprozession, mussten 1918 ausfallen. Besonders einschneidende Maßnahmen brachte die Besetzung des Landes durch Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg (1940-45) mit sich. Die Oktavzeit wurde zweimal um einige Tage verkürzt. 

Im Zweiten Weltkrieg waren Oktav-Prozessionen untersagt, die Kathedrale hingegen war während der Gottesdienste voll besetzt.
Im Zweiten Weltkrieg waren Oktav-Prozessionen untersagt, die Kathedrale hingegen war während der Gottesdienste voll besetzt.
Foto: Diözesanarchiv Luxemburg, Bestand Foto-Glasplatten FT001509

Nationale Anklänge waren verboten, die Predigten fielen ab 1942 aus. Da Prozessionen in die Stadt untersagt waren, kamen nur kleine Gruppen und Einzelpilger. Doch waren die Gottesdienste im Mariendom prallvoll. Auch hatte Bischof Philippe angeordnet, die Oktave in den Pfarrkirchen zu begehen, wofür jeweils der Hauptaltar als dem Votivaltar in der Kathedrale nachempfundener Oktavaltar mit aufgestellter Consolatrix-Statue umfunktioniert wurde. Den Votivaltar selbst wagte man 1944 nicht mehr aufzurichten.

Höhepunkt in Kriegszeiten

Die patriotische Hochstimmung, die sich um die "Trösterin der Betrübten" seit dem 19. Jahrhundert entwickelt hatte, verzeichnete in der Kriegszeit ihren Höhepunkt. Später ging sie zugunsten einer eher theologisch-ekklesialen Ausrichtung zurück. Dabei verlor die integrative Funktion der Oktave zunächst an Bedeutung, um ab der Jahrtausendwende wieder unter neuen Vorzeichen zuzunehmen: vordem auf die luxemburgische Bevölkerung bezogen, jetzt auf die Integrierung der ausländischen Katholiken – deren Zahl stetig zugenommen hat.

Dass die Muttergottesverehrung in Luxemburg, in Krisenzeiten entstanden – konkret waren es Krieg, Pest und Hungersnot im 17. Jahrhundert –, gerade jetzt von großer Aktualität ist, liegt in ihrer DNA, entstehungsgeschichtlich und mannigfach im Lauf der Jahrhunderte erprobt.

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