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Oh Gott! - eine Jugendkolumne!: Religion in Zeiten von Terror
Lokales 4 Min. 28.05.2016

Oh Gott! - eine Jugendkolumne!: Religion in Zeiten von Terror

"Wie kann eine Auseinandersetzung mit und das Wissen über Religionen einen Beitrag zum Frieden leisten?", fragt Christina-Fabian Heidrich.

Oh Gott! - eine Jugendkolumne!: Religion in Zeiten von Terror

"Wie kann eine Auseinandersetzung mit und das Wissen über Religionen einen Beitrag zum Frieden leisten?", fragt Christina-Fabian Heidrich.
Lokales 4 Min. 28.05.2016

Oh Gott! - eine Jugendkolumne!: Religion in Zeiten von Terror

Anne CHEVALIER
Anne CHEVALIER
"Es gab viele Gespräche in den vergangenen Monaten: mit Jugendlichen, die beim Anblick von schwer bewaffneten Sicherheitskräften mit Angst im Bauch in die Schule kamen", schreibt Christina Fabian-Heidrich in ihrer Jugendkolumne.

Spätestens seit dem 7. Januar 2015 hat sich unser Lebensgefühl verändert. Ja, richtig, da war der Terroranschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, mitten in Paris, am helllichten Tag und der Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt.

Dann war, zumindest in unseren Breiten, ein wenig Ruhe und am 13. November 2015 folgte in Paris ein weiterer IS-Anschlag auf das Bataclan-Musiktheater, das Stade de France, wo ein Fußballspiel stattfand, und auf an diesem Ausgeh-Freitagabend gut besuchte Bars, Cafés und Restaurants. Vor allem junge Menschen waren unter den Opfern. Es hätte jeden treffen können, der gerne lebt und feiert.

Das war für uns alle, aber besonders für die jungen Menschen, eine neue schreckliche Qualität von Terror. Vor ein paar Wochen, am 22. März, gerade als bei uns die sehnsüchtig erwarteten Osterferien anfingen, schlug der Terror wieder zu. Diesmal in der europäischen Hauptstadt Brüssel, an einem Flughafen und an einer Metrostation im Europaviertel.

Es gab viele Gespräche in den vergangenen Monaten: mit Jugendlichen, die beim Anblick von schwer bewaffneten Sicherheitskräften mit Angst im Bauch in die Schule kamen; mit muslimischen Schülerinnen, die, zumal wenn sie Kopftuch tragen, misstrauische oder gar feindselige Blicke abbekamen. Andere Schüler waren unsicher und befangen, wie sie sich zu den muslimischen Mitschülern verhalten sollen. Und immer wieder die Frage, was hat Krieg und Terror mit Religion bzw. den Religionen zu tun? Wäre eine Welt ohne Religion nicht eine friedlichere Welt?

Claire, 17 Jahre, ist Schülerin einer 3ème. Sie begeistert sich für „Höhere Physik“, da wo es mit Quantenphysik und Relativitätstheorie auch philosophisch wird. Sie ist im Mérite Jeunesse engagiert und was Glaube und Religion betrifft, gehen ihr als bekennende Agnostikerin die Fragen nie aus. Claire findet, dass es in den Zeiten des Terrors besonders wichtig ist, dass im Religionsunterricht Schüler aller Glaubensrichtungen und Weltanschauungen zusammenkommen und man miteinander statt übereinander redet.

Sie traut dem Religionsunterricht am Lyzeum, so wie sie ihn bisher kennengelernt hat, durchaus zu, einen Raum für diese Verständigung zu bieten. Denn ihre Erfahrung mit Religionsunterricht sei, dass jede Religion für sich dargestellt werde, es keine „Bevorzugung“ oder „Beurteilung“ einer bestimmten Religion gegeben habe, wohl aber einen kritischen Blick auf die Praxis einer jeden Religion und eine gründliche Einführung, wie die Sprache der Religion zu verstehen sei. Wenn man die Texte wortwörtlich verstehe, führe das zu Fundamentalismus, Intoleranz und Spaltung. Es müsse aber darum gehen, in den verschiedenen Religionen nach der „Universalität der im Menschen begründeten Werte“ zu suchen. Sie hat im Religionsunterricht den Wert der Toleranz schätzen gelernt. „Auch wenn man verschiedene Meinungen hat, kann man miteinander leben ohne sich den Kopf einzuschlagen.“ Immer wieder betont Claire, wie wichtig ihr das Verbindende unter den Menschen ist. Sie erzählt begeistert von einem älteren Ehepaar, das es ablehnt, sich auf eine Nationalität festlegen zu lassen. Sie seien „Weltenbürger“.

Claires Lieblingsrede ist Charlie Chaplins Speech aus „The Great Dictator“. Sie gibt mir gleich den Internetlink, damit ich mir die Rede anhören kann: https://www.youtube.com/watch?v=J7GY1Xg6X20 Es lohnt sich, sich diese Rede anzuhören. Die Rede beschließt mit einem Verweis auf die Bibel, das Evangelium von Lukas: „In the seventeenth chapter of St. Luke, it’s written: the kingdom of God is within man, not one man nor a group of men, but in all men! You, the people, have the power to make this life free and beautiful, to make this life a wonderful adventure. Then, in the name of democracy, let us all use that power. Let us all unite.“

Selbstverständlich kann man Chaplins Rede als nichtreligiös oder eben auch agnostisch verstehen, so wie Claire es tut. Mir gefällt die Wertschätzung von Religion, die in der Rede zum Ausdruck kommt. Religion in Zeiten des Terrors: Wer sich heute aus religiöser Perspektive ernsthaft mit der Frage nach dem Sinn von und der Beschäftigung mit Religion auseinandersetzt, muss fragen, wie die Religionen eine friedensstiftende Kraft sein oder werden können.

Und: Wie kann eine Auseinandersetzung mit und das Wissen über Religionen einen Beitrag zum Frieden leisten? Gerade heute können wir auf ein fundiertes Wissen über Religion nicht verzichten: Halbwissen ist eine Quelle von Vorurteilen und Missverständnissen.

Ich wünsche mir, dass der neue Unterricht „Vie et société“, der ab September 2016 den Ethik- und den Religionsunterricht an den Lyzeen ersetzt, ein geschützter Raum sein kann für kompetente und kritische Anfragen an alle Religionen und Weltanschauungen, und dass der Unterricht ein „Labor“ sein kann, unter- und miteinander dialogfähiger zu werden. „Kein Friede zwischen den Nationen ohne Frieden zwischen den Religionen“, so der Leitsatz von Hans Küng mit seinem Projekt „Weltethos“. Die Ausstellung zum Weltethos ist übrigens schon durch eine ganze Reihe von Schulen bei uns gezogen und sie wird bis ins nächste Jahr hinein noch an vielen Schulen zu sehen sein. Hans Küng traut den Religionen zu, dass sie die gute Kraft im Menschen, von der Chaplin spricht, an den Tag bringen können. Und das müssen sie auch, wenn sie glaubwürdig sein wollen.

Mich interessiert deine Meinung zu „Beschäftigung mit Religion in Zeiten des Terrors“. Du kannst schreiben per E-Mail: glaube@wort.lu, sowie per Brief an diese Zeitung – Redaktion Glaube und Leben.

Christina Fabian-Heidrich, Religionslehrerin am Fieldgen

- Alle Texte zur Jugendkolumne in unserem Dossier


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Als Religionslehrer stehe ich, wie meine Kolleginnen und Kollegen auch, zu unserem Fach. Wir wollen auch noch in Zukunft Religion unterrichten. Das Vorhaben der Regierung, den aktuellen Religionsunterricht sowie den Moral- und Sozialunterricht abzuschaffen und durch ein neues Fach zu ersetzen, bleibt für mich weiter unverständlich.
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