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Oh Gott - eine Jugendkolumne!
Lokales 3 Min. 29.04.2017 Aus unserem online-Archiv
Hinter den Kulissen von Netflix und „Narcos“

Oh Gott - eine Jugendkolumne!

Paul Galles: "In der Hauptstadt Bogotá besuchten wir das Projekt „Corporación Vinculos“, das u. a. von Caritas Luxemburg unterstützt wird."
Hinter den Kulissen von Netflix und „Narcos“

Oh Gott - eine Jugendkolumne!

Paul Galles: "In der Hauptstadt Bogotá besuchten wir das Projekt „Corporación Vinculos“, das u. a. von Caritas Luxemburg unterstützt wird."
Lokales 3 Min. 29.04.2017 Aus unserem online-Archiv
Hinter den Kulissen von Netflix und „Narcos“

Oh Gott - eine Jugendkolumne!

Anne CHEVALIER
Anne CHEVALIER
Manchmal lohnt es sich weit zu reisen, um Fantastisches zu sehen. Eine meiner letzten Reisen führte mich mit meinem Kollegen Jhemp als Touristen nach Kolumbien, schreibt Paul Galles.

Manchmal lohnt es sich weit zu reisen, um Fantastisches zu sehen. Eine meiner letzten Reisen führte mich mit meinem Kollegen Jhemp als Touristen nach Kolumbien. Ein unglaublich schönes Land. Mit sehr freundlichen Menschen. Und mit einer sehr bedrückenden, fast schon surrealen Geschichte. Und mittendrin leben Jugendliche. Als Opfer von vielen Gefahren. Und als Täter ihrer eigenen Zukunft.

Kolumbien war jahrelang in der Hand der Drogenhändler. Der berühmteste: Pablo Escobar. Ein tausendfacher Mörder, der stärker war als der Staat. Und nach dessen Pfeife deswegen alles tanzte. Star und Anti-Star der berühmten Netflix-Serie „Narcos“. Und übrigens auch des kolumbianischen Originals, „El patrón del mal“.

Zugleich bildete sich bewaffneter Widerstand gegen den Staat im undurchdringlichen Dschungel. Tief in den Abgründen saßen die Guerillas und entführten Menschen. Deswegen war Kolumbien jahrzehntelang für die Touristen gefährlich. Und mittendrin Jugendliche. Als Opfer. Und als Täter ihrer eigenen Hoffnung auf Zukunft. Wie können Jugendliche in diesem Land aus den Fängen des Schicksals entfliehen und ihr eigenes Leben in die Hand nehmen?

In der Hauptstadt Bogotá besuchten wir das Projekt „Corporación Vinculos“ , das u. a. von Caritas Luxemburg unterstützt wird. Ein berühmtes Projekt! In einem Armenviertel im Osten der Millionenstadt leben Jugendliche, die riskieren, trotz des Friedensprozesses immer noch von Guerillakämpfern angeworben zu werden. Warum? Weil ihre Zukunft sowieso aussichtslos ist. Keine Bildung, keine Familie, kein soziales Netz, keine Perspektive. Dann wenigstens ein Ziel haben und Geld verdienen.

Was kann man dagegen unternehmen? Im Projekt nehmen Jugendliche ihre Zukunft selber in die Hand. Als Akteure, nicht als Opfer. Mittlerweile arbeiten sechs Gruppen zusammen, rund 100 Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren. Sie bilden sich und gehen zur Schule, die in dem Viertel entstanden sind. Sie schließen sich Gesprächskreisen an. Sie organisieren für das ganze Viertel einen großartigen Karnevalsumzug. Es ist toll!

Jhemp und ich waren eingeladen, rund 15 Jugendliche einer solchen Gruppe zu treffen. Wer sie denn zusammengetrommelt hätte? „Na, wir selbst! Wir selber wollen das, wir versammeln uns nach der Schule und reden, tauschen aus, planen.“ Die Jugendlichen sind beeindruckend. Keine niedergeschlagenen Pessimisten, sondern Akteure, die an sich und an das Leben glauben. Sie behandeln sich mit viel Respekt. Lachen viel, scherzen viel, spielen Fußball, und stellen vor allem viele Fragen. Jhemp erzählt von seinen Reisen, ich von meiner Arbeit mit den 
Jugendlichen in Luxemburg und Europa. Und immer wieder strahlen ihre Augen, wenn wir sagen: „Ihr seid großartig! Macht weiter, glaubt an euch, verändert den Lauf der Dinge, indem ihr Solidarität vorlebt!“

Das Projekt „Corporación Vinculos“ hat sich u. a. zum Ziel gesetzt Opfer (Einzelpersonen und Gruppen) von Gewalt zu unterstützen sowie gesellschaftspolitische und Bildungsprozesse zum Aufbau einer Kultur des Friedens zu fördern.

An die Mauer ihrer Schule haben sie mehrere Graffiti gesprüht. Eines davon ist eine klare Absage an den Militärdienst. Eine Absage an die Gewalt, sogar die staatlich geforderte. Ein anderes sagt: „Somos territorio de dialogo y conciliación“ – „Wir sind ein Gebiet des Dialogs und der Versöhnung.“ Und das mitten in einem Land, das Jahrzehnte von Krieg und Kampf hinter sich hat.

Mitten in einem Friedensprozess, der immer noch brüchig ist, gehen Jugendliche mit gutem Beispiel voran. Nicht passiv, sondern aktiv. Fordernd und selbstbewusst. Jugendliche, die sich ihre Zukunft zurückholen aus den Händen derer, die ohne Skrupel sind. Solche Initiativen gibt es auch in Europa, in der Türkei, im arabischen Frühling, in Spanien, in den USA. Immer wieder niedergeschlagen, kommen sie doch zurück. Es bestärkt in diesen Tagen eines in mir: den Glauben an die Jugendlichen.

Mit 13 oder mit 20, sie halten zusammen. Es hat was von Auferstehung, von Glauben an das Neue. Und vor allem: Es ist stärker als „Narcos“, stärker als die Vergangenheit, stärker als das Damoklesschwert.

Paul Galles, Dr. theol. Der Autor ist über E-Mail: paulgalles@gmail.com sowie über Briefe an die Zeitung – Redaktion Glaube un Leben – und/oder soziale Netzwerke zu erreichen.

- Alle Texte zur Jugendkolumne in unserem Dossier

www.corporacionvinculos.org


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