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Oh Gott - eine Jugendkolumne!
Lokales 3 Min. 01.01.2017 Aus unserem online-Archiv
„Wie Lichter in der Straße und rote Wangen mitten in der Kälte!“

Oh Gott - eine Jugendkolumne!

„Wie Lichter in der Straße und rote Wangen mitten in der Kälte!“

Oh Gott - eine Jugendkolumne!

Lokales 3 Min. 01.01.2017 Aus unserem online-Archiv
„Wie Lichter in der Straße und rote Wangen mitten in der Kälte!“

Oh Gott - eine Jugendkolumne!

Anne CHEVALIER
Anne CHEVALIER
Es ist Weihnachtszeit. Alle reden von Frieden und gutem Essen. Und in diesen Tagen vom Abnehmen und von den Silvesterböllern. Wie aber sehen das Menschen, die Frieden zu schätzen wissen? Zum Beispiel zwei junge Syrer, die Christen sind, aus Aleppo stammen und nun seit fast anderthalb Jahren in Luxemburg leben? Ihnen ist etwas widerfahren, was mich sehr, sehr nachdenklich gemacht hat, schreibt Paul Galles.

Es ist Weihnachtszeit. Alle reden von Frieden und gutem Essen. Und in diesen Tagen vom Abnehmen und von den Silvesterböllern. Unser Friede in Luxemburg ist nicht bedroht.

Wie aber sehen das Menschen, die Frieden zu schätzen wissen? Zum Beispiel zwei junge Syrer, die Christen sind, aus Aleppo stammen und nun seit fast anderthalb Jahren in Luxemburg leben: Samy, 16 Jahre, und Nour, 18 Jahre (beide Namen wurden geändert). Ihnen ist etwas widerfahren, was mich sehr, sehr nachdenklich gemacht hat.

Kurz zur Geschichte: Samy und Nour lebten in Aleppo gemeinsam mit ihrer Mutter, die in Syrien in einer sehr verantwortungsvollen Position in der Flüchtlingshilfe arbeitete! Ja, richtig gelesen: in der Flüchtlingshilfe!! Die beiden kannten sich deswegen in der „Flüchtlingswelt“ gut aus. Unter Druck gesetzt durch die Polizei, um mehr den einen zu helfen als den andern, gerieten sie gefährlich zwischen die Stühle. Und die Mutter ins Gefängnis. Es blieb im Endeffekt nur die eigene Flucht. Der Sprung ins kalte Wasser des ungewissen Neuanfangs.

Soweit die Kurzfassung. Das Paradoxe daran ist: In Luxemburg angekommen, rutschten sie zwangsläufig in die andere Rolle. Flüchtlingsheime waren ihnen bekannt, aber als Helfer, nicht als Geflüchtete. Der radikale Rollenwechsel. Vom „Akteur“ zum „Opfer“. Für Samy und Nour begann ein langer Leidensweg. Reich an Zweifeln, Tränen, Bangen und Hoffnung. Und immer der Gedanke an jenen Teil der Familie, der in Aleppo zurückbleiben musste, wenn auch gottseidank im ruhigeren westlichen Teil der Großstadt.

Paul Galles
Paul Galles
Foto: Guy Wolff


Paul Galles: "Gott wird Mensch. Rollenwechsel. Gott lernt, wie man Mensch ist. Und der Mensch lernt, wie göttlich er sein könnte, wenn er wollte."











Dieser radikale Rollenwechsel ließ mich stutzen. Es ist doch genau wie an Weihnachten. Gott wird Mensch. Rollenwechsel. Gott lernt, wie man Mensch ist. Und der Mensch lernt, wie göttlich er sein könnte, wenn er wollte. Gott wird vom „Akteur“ zum „Opfer“, denn er wird jenen ausgeliefert, die Gewalt anwenden, um ihre Macht durchzusetzen. Es beginnt mit dem Kindermord in Betlehem und endet am Kreuz.

Jene, die heute ihre Macht mit Gewalt durchsetzen, sehen wir tagtäglich strahlend und selbstbewusst im Fernsehen. Sie produzieren Opfer. Unzählige Opfer. Hätte Gott bei ihnen eine Chance gehabt zu überleben? In Aleppo zum Beispiel? Samy und Nour wissen, was ihnen das innere Leben gerettet hat: Es gab Menschen, die ihnen halfen! „Ich war nach der Flucht sehr müde“, ergänzt Samy. „Und die Menschen hier haben uns aufgefangen.“ Aber mehr noch: „Wir mussten auch innerlich um uns selbst kämpfen“, so Nour. Ein innerer Kampf, den niemand ihnen abnehmen kann.

Nun gehen beide auf eine weiterführende Schule. Sie versuchen, dieselben zu sein wie damals in Aleppo. Sie gehen zum Gottesdienst in einer Kirche, deren Stil sie kennen. Sie lernen Sprachen und versuchen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. „Ich will derselbe Samy sein wie damals – nur jetzt eben hier!“

Der Link zu Weihnachten geht mir nicht aus dem Kopf. Dieser göttliche Mensch Jesus wusste, wo er herkommt und sagte den Menschen deswegen: „Ihr seid alle Kinder Gottes!“ Rollenwechsel.

Ich schaue Nour und Samy an. „Glaubt ihr, dass ihr Gottes Kinder seid?“, frage ich. „Ja, natürlich!“, kommt es gleichzeitig.

Rote Wangen mitten in der Kälte

Und was Weihnachten für sie bedeute, frage ich weiter. „Wenn Menschen sich treffen und sich verzeihen“, sagt Samy. Wie tiefgründig! Wie aus tiefer Lebenserfahrung heraus gesagt. Und Nour wird noch bildlicher: „Weihnachten ist ein Teil Einsamkeit und Traurigkeit, weil mir viele aus der Familie fehlen. Wegen der Einsamkeit ist es auch die Gelegenheit, auf mich zu schauen, mich zu verstehen, mir Zeit zu nehmen für mich.“ Vielleicht ihre neue Rolle zu verstehen: ein Mensch zu sein, der um seine Stärken weiß und deswegen gar nicht gerne als Opfer stigmatisiert wird, sondern als mutiger Mensch, der sich entfalten will. Ein Kind Gottes. Und noch etwas ist Weihnachten für sie: „Wie Lichter in der Straße und rote Wangen mitten in der Kälte!“

Wie wenn Weihnachten uns sagen wollte: Denkt dran, wie cool ihr seid, wie wichtig, wie stark! Macht keine Opfer und Feinde, sondern Freunde. Seid Akteure. Bringt Neues, Unerwartetes. Glaubt an die Möglichkeiten. Verzeiht einander. Lasst das innere Feuer brennen. Wie mit roten Wangen. Dort ist Frieden.


Paul Galles, Koordinator „bénévolat solidaire“, Young Caritas Luxembourg

Der Autor ist über E-Mail: paulgalles@gmail.com sowie über Briefe an die Zeitung – Redaktion Glaube und Leben – und/oder soziale Netzwerke zu erreichen.

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