Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Oh Gott! - eine Jugendkolumne
Lokales 4 Min. 29.10.2016 Aus unserem online-Archiv

Oh Gott! - eine Jugendkolumne

Vielleicht klopft Er ja schon lange an unsere Tür?

Oh Gott! - eine Jugendkolumne

Vielleicht klopft Er ja schon lange an unsere Tür?
Lokales 4 Min. 29.10.2016 Aus unserem online-Archiv

Oh Gott! - eine Jugendkolumne

Anne CHEVALIER
Anne CHEVALIER
Bruce Springsteens Autobiografie heißt „Born to run“ – „Geboren um auszubrechen“. Das Neue, das Andere ist für Menschen immer spannend. Wie ein Zauber, erklärt Paul Galles in seiner neuen Jugendkolumne rund um die Thematik Ausbruch.

Bruce Springsteens Autobiografie heißt „Born to run“ – „Geboren um auszubrechen“. Und der deutsche Sänger und Liedermacher Clueso hat sich nach 15 erfolgreichen Jahren von seinem Management getrennt, um „neue Beweglichkeit zu spüren“. Das Neue, das Andere ist für Menschen immer spannend. Wie ein Zauber. Und das gilt auch für die Spiritualität. Denn wenn es Gott gibt, dann ist auch er ganz anders. Neu, ganz anders als all das bislang Bekannte. Und spannend. Und um das zu erleben, muss man aufbrechen. Oder „carrément“ ausbrechen.

Hier geht es um junge Menschen, die ich mir zum Vorbild nehme. Sie brechen auf und tun sich oft noch ziemlich leicht damit. Manche brechen aus. Geografisch. Aber auch aus sich selbst. Sie schnuppern in die Welt hinein und drehen nicht um sich selbst. Warum tun sie das? Macht es ihnen Angst? Riskieren sie dabei nicht sich selbst?

Paul Galles: Denn wenn es Gott gibt, dann ist auch er ganz anders.
Paul Galles: Denn wenn es Gott gibt, dann ist auch er ganz anders.
Foto: Guy Wolff

Ich habe vier junge Menschen interviewt. Sie waren oder sind in einem „Gap year“ („Zwischenjahr“) oder bereiten sich auf eins vor. Alle vier sagen denselben Satz: „Ich muss aus dem System raus.“ Schule, Abi, Uni. Und dann Beruf, Familie, Rente? Oder bin ich mehr als das Vorgeplante?

Laura ist 18, kommt aus Merl und macht gerade die „Première“. Ihre Welt ist cool. Die Zukunft lacht ihr zu. Und doch: Sie will etwas zurückgeben, denn sie hat den Eindruck, viel Glück im Leben gehabt zu haben. Familie, Ausbildung, Unterstützung. Deswegen wächst in ihr das Bedürfnis, aktiv zu helfen. Welch noble Einstellung!

Katharina, 29, ist Schauspielerin und pendelt zwischen Hamburg und Luxemburg. Sie ist gerade sehr bekannt wegen ihres neuen Projekts „Friday Island“. Sie sitzt neben Laura und hört zu. Und erzählt dann selbst. Wie schüchtern sie war und lernen musste, sich in eine Rolle „hineinfallen“ zu lassen. Also auszubrechen aus dem Bekannten. Und an sich selber Neues zu entdecken. Und den Moment selber zu leben, denn auf der Bühne kommt sofort danach ein neuer Moment. Jeder Moment stirbt. Um einem neuen Platz zu machen. Nun hört Laura zu und meint, so etwas müsse doch alle Lesende inspirieren: etwas Neuem in sich selbst Platz zu machen.

Das hat auch Jean-Marc versucht. Er hat seinen „Europäischen Freiwilligendienst“ vor sieben Jahren in Irland in der Obdachlosenarbeit verbracht. Nun ist er 27 und arbeitet als Sozialpädagoge. Und hat eine wunderschöne junge Familie gegründet. Rückblickend sagt er, der Ausbruch sei auch ein Bruch gewesen. Er sei selbstständiger geworden und habe einen schier endlosen Schatz an „Stories“ gesammelt und tolle Menschen getroffen. So ein freiwilliger Einsatz dürfe nicht zu einem Mittel werden, „um das eigene Humankapital auf dem freien Markt im CV besser zu präsentieren“. Beim Benevolat werde deutlich, dass es neben dem neoliberalistischen Mainstream auch noch tief verankerte christliche Werte gibt. Das Neoliberalistische führe zu ökonomischen Zielen, das Christliche zum Einsatz für andere, so Jean-Marc.

Und dann ist da noch Véronique, 19, aus Bour. Sie ist gerade mittendrin im „Ausbrechen“ und hat Verantwortung übernommen. „Zuerst Geld verdienen, u. a im Scott’s, dann durch Südamerika reisen, in einem Projekt in Bolivien mitarbeiten und dann auf Sardinien Italienisch lernen.“ Das klingt nach einem Plan. Ist da Platz für das Neue? Jeden Tag, denn sie lebe mit dem Urvertrauen, dass das, was sein soll, auch sein werde. Sie wünscht sich nicht nur neue Begegnungen, sondern auch Ideen zu einer anderen Art glücklich zu sein. Denn irgendwie mache unsere kleine Welt sie nicht ganz glücklich.

Sie brechen aus. Nicht weil sie Revoluzzer oder Anarchisten wären. Zumindest sehen sie nicht so aus. Sondern weil sie spüren: Da ist noch mehr in mir als das, was momentan abgerufen wird. Ich kann mehr, ich will mehr erfahren, ich will leben und an mich glauben. Das Leben ruft sie.

Véro spricht vom „Urvertrauen“. So ähnlich muss es damals Abraham ergangen sein, als Gott ihn aus Ur herausrief, ohne dass Abraham wusste, wohin die Reise ging. „Ausbruch“ nicht als bürgerliches Luxusprodukt, sondern als existenzielle Herausforderung. Es wurde jener fantastische Anfang, der ihn nicht nur zum Urvater von drei Weltreligionen macht (Judentum, Christentum und Islam), sondern der vor allem ein Segen für Milliarden von Menschen wurde. Jene Entdeckung, dass Gott viel größer ist und dass es ihn zu entdecken gilt. Jean-Marc hat dies in Irland ein wenig erlebt: „Gott war überall im Spiel, wo ich in einem fremden Land sehr intensive zwischenmenschliche Gefühle geschenkt bekam.“ Und Katharina ist sich sicher, dass, wenn es Gott gibt, er sich zeigen wird. Und dass man dafür offen sein und aus dem Alltagstrott ausbrechen muss.

Vielleicht klopft er ja schon lange an unsere Tür, aber in unserem System ist diese Tür fest verschlossen? Vielleicht lohnt es sich sie aufzubrechen. Um es mit Lauras Worten zu sagen: Das sollte eigentlich alle Lesenden inspirieren.

Paul Galles, Koordinator „bénévolat solidaire“, Young Caritas Luxembourg.

Der Autor ist über E-Mail: paulgalles@gmail.com, sowie über Briefe an die Zeitung – Redaktion Glaube und Leben – und/oder soziale Netzwerke zu erreichen.

Mehr zum Thema:

im Dossier: Oh, Gott! - Eine Jugendkolumne

siehe auch alle "Wegweiser"-Texte  im entsprechenden Dossier.