Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Oh Gott! - eine Jugendkolumne
Lokales 4 Min. 16.07.2016 Aus unserem online-Archiv

Oh Gott! - eine Jugendkolumne

 Interreligiöser Dialog fängt dort an, wo Fragen aufrichtig und vorurteilsfrei gestellt werden dürfen.

Oh Gott! - eine Jugendkolumne

Interreligiöser Dialog fängt dort an, wo Fragen aufrichtig und vorurteilsfrei gestellt werden dürfen.
Lokales 4 Min. 16.07.2016 Aus unserem online-Archiv

Oh Gott! - eine Jugendkolumne

Anne CHEVALIER
Anne CHEVALIER
Es war Ramadan, und so hatte Leila, 17 Jahre, gläubige Muslima, in der Mittagspause Zeit für ein Gespräch.

Es war Ramadan, und so hatte Leila, 17 Jahre, gläubige Muslima, in der Mittagspause Zeit für ein Gespräch. Natürlich ist es nicht einfach, religiöse Vorstellungen und Überzeugungen auszudrücken und gemeinsam so zu übersetzen, dass eine wirkliche Verständigung möglich wird, das gilt für beide Seiten. Und ich glaube, Leila ist überrascht, wie viele Schnittmengen es zwischen Christentum und Islam gibt.

Sie will in der Art und Weise, wie sie spricht und wie sie lebt ein positives Bild vom Islam zeigen, jenseits von Fanatismus und Extremismus. Auf Reaktionen nach den zahlreichen Terroranschlägen vom IS in der letzten Zeit angesprochen, gesteht sie, dass es „nach den Ereignissen“, so Leila, nicht einfach gewesen sei, sich deutlich erkennbar als Muslima zu zeigen und misstrauische und ablehnende Blicke auf sich zu ziehen. Ich frage an dieser Stelle nicht weiter nach, weiß ich doch als Christin und katholische Theologin, dass jede Religion sich mit den Verfehlungen und Irrwegen und dem Missbrauch der Religion für furchtbare Zwecke auseinandersetzen muss, um glaubhaft zu bleiben und den menschenfreundlichen und friedensstiftenden Kern der Religion leben zu können.

Was heißt das für Leila: „Religion ist alles “, wie prägt die Religion ihr Leben? Leila sagt, die Religion helfe ihr, ein guter Mensch zu sein und gute Taten zu tun, die sie beim Jüngsten Gericht in die Waagschale werfen könne und so vor Allah, der strenger Richter aber auch Allerbarmer sei, bestehen könne. Man dürfe auf Vergebung hoffen, wenn man etwas Schlechtes getan habe, aber man müsse sich auch immer bewusst sein, dass man nicht einfach auf den Allerbarmer setzen könne, wenn man auch mit dem strengen Richter rechne, dann würde man seine Taten gründlicher überdenken. Es sei wichtig, den Weg der Pflicht, der guten Taten zu gehen. Was eine Pflicht, also von Allah verlangt, sei, stehe im Koran.

Daneben kenne der gläubige Muslim „die Sunnah, alles was dem Propheten Mohammed von der Rede aus bis zu Eigenschaften und Handeln verordnet wurde“, aus der die Gläubigen auch ganz praktische „empfehlenswerte“ Ratschläge für ein ausgewogenes Leben beziehen können. Der Islam kennt viele Ausnahmen von der Regel, wenn etwas nicht mit der aktuellen Lebenssituation zu vereinbaren ist. Man kann z. B im Ramadan einen Tag nachfasten, wenn man unbedingt essen müsse, um die Kraft aufrechtzuerhalten. Ich erinnere mich daran, dass ich in der Zeitung während der EM von muslimischen Fußballern gelesen habe, die es so halten. In schwierigen Situationen gibt die Religion Leila Hoffnung und Kraft: „ Ich weiß, dass ich mich mit einem Gebet an Allah wenden kann.“

Leilas Eltern sind Anfang der 90er Jahre während des Jugoslawienkrieges von Bosnien nach Luxemburg geflüchtet. Ihre ganze Familie ist religiös. Dass jemand in ihrer Familie nicht religiös wäre, kann sie sich gar nicht vorstellen und sie hat auch bei den befreundeten Familien noch niemals mitbekommen, dass sich ein Jugendlicher von der Religion abwendet. Leila bewegt sich selbstverständlich im Raum ihrer Familie und ihrer Religion, beides gehört zusammen und schenkt ihr eine große Sicherheit und erlaubt ihr unser Gespräch in aller Offenheit.

Ich bleibe nach unserem Gespräch nachdenklich zurück: Ich kann meine Religion nur leben, indem ich mich kritisch mit der Tradition auseinandersetze und begründet meinen eigenen Weg gehe. Sicherlich gibt es viele katholische Christen, für die dogmatische Lehrsätze, Wahrheitssätze verbindlich sind. Ich selbst fühle mich weniger kirchlichen Dogmen als dem Weg der engagierten Menschenfreundlichkeit, der sich in der Nachfolge Jesu ergibt, verpflichtet. Leila sieht ihren Weg in der Pflichterfüllung und sie hat eine genaue Vorstellung davon, was Allah vom Menschen verlangt, das sagt die Religion, das ist im Koran nachzulesen.

Mich befremdet dieses Verständnis von Pflicht und Wahrheit – wahrscheinlich geht es einigen Lesern genauso. Es ist wichtig, dieses, wohlgemerkt gegenseitige, Befremden zu benennen. Auf meiner Seite: wie kann man sich so sicher der religiösen Überzeugungen und des Verständnisses der Heiligen Schriften sein, wie kann man sich so einfügen, ja unterwerfen? Und auf Leilas Seite: wie kommt man auf solche Fragen, wie kann man gleichzeitig, zumal als Religionslehrerin, religiös und auch distanziert, kritisch, subjektiv sein?

Interreligiöser Dialog fängt dort an, wo diese Fragen aufrichtig und vorurteilsfrei gestellt werden dürfen, wohl wissend, dass es die Aufgabe jeder Religion ist, eine Ordnung vorzugeben und einen Rahmen, in dem sich die Menschen gemeinschaftlich in Freiheit entfalten können.

Christina Fabian-Heidrich, Religionslehrerin am Fieldgen

Die Autorin ist über E-Mail: glaube@wort.lu sowie über Briefe an die Zeitung – Redaktion Glaube und Leben zu erreichen.

- Alle Texte zur Jugendkolumne in unserem Dossier