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Oh Gott! -eine Jugendkolumne
Lokales 4 Min. 25.06.2016 Aus unserem online-Archiv
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Oh Gott! -eine Jugendkolumne

Paul Galles,
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Oh Gott! -eine Jugendkolumne

Paul Galles,
Foto: Guy WolFF
Lokales 4 Min. 25.06.2016 Aus unserem online-Archiv
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Oh Gott! -eine Jugendkolumne

Anne CHEVALIER
Anne CHEVALIER
Auf der Mauer vor einem Innenhof stand eine Schachtel mit vier Büchern. Darauf der Zettel: „Zum Mitnehmen“. Liberales Kapital. Eines der Bücher: „Dienstags bei Morrie“ von Mitch Albom. Ein geniales Buch. Ein Wink von oben?

Entstanden ist die Idee zu diesem Text in Hamburg, nicht weit von der Hafencity. Ich war von Freunden eingeladen worden. Und so kam es, dass ich nachmittags unterwegs war mit vier Jugendlichen: Charlotte, 20 und Abiturientin; Bob, 19 und Student der Naturwissenschaften in Zürich; Michel, 22, Student der Logistik in Hamburg; und Valérie, auch 22 und Studentin in Hamburg, aber in Sozialökonomie. Ja, das gibt es.

Auf der Mauer vor einem Innenhof stand eine Schachtel mit vier Büchern. Darauf der Zettel: „Zum Mitnehmen“. Liberales Kapital. Eines der Bücher: „Dienstags bei Morrie“ von Mitch Albom. Eines meiner Lieblingswerke! Ein geniales Buch. Ein Wink von oben?

Die Jugendlichen wollten wissen, warum ich dieses Buch liebe. Ich schlug es recht wahllos auf und las ihnen ein Kapitel vor. Titel: „Wir reden über Gefühle“. Ein Student begleitet seinen sterbenden Professor auf dem letzten Weg und schreibt dessen Memoiren auf. Es ist ergreifend. Moral der Geschicht' in diesem Kapitel: Lass dich nicht von der Angst versklaven, sondern finde Distanz zu den Emotionen, damit du heiter und gelöst lebst – und stirbst.

Die vier Jugendlichen sind selber Studenten, so wie der im Buch. Sie beginnen von selbst unter sich zu diskutieren. Auch sie wurden bereits mit der Frage konfrontiert, wie es sich lohnt zu leben. Was würde ich tun, wenn ich wüsste, dass ich morgen sterbe? Eine belastende und überflüssige Frage? Nicht für die vier Freunde. Sie haben inspirierende Ideen. Das Leben mit einem Wiesenfest feiern, sagt Valérie. Bob will nicht, dass die Menschen wegen „etwas“, einer Leistung oder eines Charakterzuges, an ihn zurückdenken, sondern wegen der Beziehung, die er zu jedem einzelnen geknüpft hat. Charlotte würde die Familie und die Freunde um sich scharen und „nichts Extras“ machen, sondern einen schönen Tag verbringen. Michel würde am liebsten alleine sein, um niemand anders traurig zu machen. Und Dinge machen, bei denen „man draufgehen kann“, so wie Fallschirmspringen. „Jetzt ist es eh egal!“, sagt er augenzwinkernd.

Es scheint surreal. In einer der lebendigsten und coolsten Städte, die ich kenne, unterhalten sich Jugendliche über das, was ihr Leben ausmacht. Was würden sie anderen Menschen noch sagen wollen? „Ich hoffe, du weißt, was du zu meinem Leben beigetragen hast!“, antwortet einer. Und verzeihen, aber nicht nur den andern, sondern auch sich selber. In anderen Worten: sich mit dem eigenen Leben versöhnen. Unter dem Eindruck leben: Es ist gut so! Sich selbst sein, so wie man eigentlich sein will.

Ich erzähle ihnen von meiner Erfahrung bei Begräbnissen. Ich finde es paradoxal, dass wir oft Menschen erst sagen, wie viel sie uns bedeuten, wenn sie tot sind. Wie kann man das ändern? Soll man den Menschen öfter sagen, wie wichtig sie uns sind? Eigentlich schon. Doch Valérie ist vorsichtig. Wenn man einem Menschen gegenüber ehrlich ist, gibt man ihm sehr viel Macht über sich. Michels Vorschlag: nicht einem alles sagen, sondern es auf mehrere Menschen verteilen.

Aber wie handhaben sie es selber? Bob ist sehr ehrlich mit seinen Kollegen. Dazu gehört auch die Wertschätzung. Doch Komplimente verpackt er gerne in Ironie, denn sonst sind sie zu direkt. Und Charlotte sagt gerne anderen etwas Liebes, schreibt es aber am liebsten in eine SMS oder eine Whatsapp-Nachricht, denn das ist einfacher. Es setzt den Gegenüber nicht unter Druck. Und es stimmt: die Whatsapp-Chats der Jugendlichen sind voller Herzchen und Küsschen. Moral der Geschicht': es ist gar nicht so einfach, anderen zu sagen, wie toll man sie findet. Vielleicht muss man vorher klären, dass man es ehrlich meint und nicht aus Absichten handelt.

Ein wenig staune ich. Darüber, wie ernst sie das Thema nehmen. Darüber, wie ehrlich sie mir gegenüber und jedem Leser sind, denn sie wissen, dass ich darüber schreiben werde. Darüber, wie intelligent sie Gefahren erkennen. Und darüber, dass es zu ihren Werten gehört, den anderen Gutes zu tun und Menschen wertzuschätzen.

Und Gott? Oh Gott, ja da war ja noch was. Gott spielt für sie kaum eine Rolle. Ist es schlimm? Ich kann ihnen erzählen, warum Gott für mich eine Rolle spielt. Das interessiert sie. Und Valérie entdeckt doch eine Spur Gottes: „Gott gab dir das Buch!“ In einer Schachtel. Ganz nah an der Hafencity, wo Tausende von Menschen zu Wasser reisen. Wo sich Abertausende von einmaligen Existenzen bewegen. Die alle unendlich wertvoll sind. Oder wie Michel es ausdrückt: „Menschen, die es verdienen, dass man ihnen eine Freude macht.“ Für mich hat das viel mit Gott zu tun.

Paul Galles, Koordinator „bénévolat solidaire“, Young Caritas Luxembourg

Der Autor ist über E-Mail: paulgalles@gmail.com sowie über Briefe an die Zeitung – Redaktion Glaube und Leben – und/oder soziale Netzwerke zu erreichen.

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