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Oh, Gott! - eine Jugendkolume
Lokales 3 Min. 26.11.2016 Aus unserem online-Archiv
Hausnummer der Hoffnung

Oh, Gott! - eine Jugendkolume

 Zu Kontakt 28 kommen Menschen, die meist alles verloren haben: ihr Zuhause, ihre Arbeit, ihre Gesundheit, ihre Familie, ihre Freunde, ihre Selbstachtung …
Hausnummer der Hoffnung

Oh, Gott! - eine Jugendkolume

Zu Kontakt 28 kommen Menschen, die meist alles verloren haben: ihr Zuhause, ihre Arbeit, ihre Gesundheit, ihre Familie, ihre Freunde, ihre Selbstachtung …
Lokales 3 Min. 26.11.2016 Aus unserem online-Archiv
Hausnummer der Hoffnung

Oh, Gott! - eine Jugendkolume

Anne CHEVALIER
Anne CHEVALIER
Im „Kontakt 28“ gibt es ein kleines Frühstück, eine Tasse Kaffee, ein Sofa zum Ausruhen und Ansprechpartner für die kleinen und die ganz großen Sorgen. Wenn Menschen fehlt, was den meisten von uns völlig selbstverständlich vorkommt, dann sind sie hier an der richtigen Adresse.

Wenn Menschen fehlt, was den meisten von uns völlig selbstverständlich vorkommt, dann sind sie hier an der richtigen Adresse.

Im „Kontakt 28“ gibt es ein kleines Frühstück, eine Tasse Kaffee, ein Sofa zum Ausruhen und Ansprechpartner für die kleinen und die ganz großen Sorgen. Martine, mit fünfundzwanzig Jahren eine der jüngsten Mitarbeiterinnen im Team, arbeitet seit einem halben Jahr in der Kontaktstelle der 
„Jugend- an Drogenhëllef“ mit der Hausnummer 28.

Was sie motiviert habe, sich nach dem Studium in Mainz als frischgebackene Sozialarbeiterin ausgerechnet in diesem Bereich 
zu bewerben, wollte ich von ihr wissen. „Ich habe im Rahmen des Studiums ein achtmonatiges Praktikum im ,Kontakt 28‘ absolviert. Nach diesem Praktikum fokussierte ich mein Studium auf die HIV-Infektion, die akzeptierende Drogenarbeit, die gesetzlichen Regelungen der Betäubungsmittel, die Obdachlosigkeit usw. Meine Weichen waren gestellt. Seit Mitte Mai 2016 arbeite ich im ,Kontakt 28‘“, so die junge Sozialarbeiterin.

Worin für sie der Reiz ihrer Arbeit liege, ihre Hoffnungen und Erwartungen, wollte ich dann weiter erfahren. Martines Antwort: „Zu uns kommen Menschen, die meist alles verloren haben: ihr Zuhause, ihre Arbeit, ihre Gesundheit, ihre Familie, ihre Freunde, ihre Selbstachtung … Ich will gar nicht sagen, dass meine Möglichkeiten darin bestehen eine bessere Welt zu erschaffen oder gar einen Menschen dazu zu bringen ein besseres Leben zu führen. Ich sehe meine Aufgabe eher darin, eine Bezugsperson für Menschen zu sein, die in der sogenannten (und wenn sie dies sagt, malt Martine mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft) „normalen Gesellschaft“ nicht beachtet werden, beziehungsweise nur als Störfaktor gesehen werden“.

Was denn für sie „normal“ sei, ob es das überhaupt gebe beziehungsweise welches Menschenbild sie ihrer Einschätzung von Menschen zugrunde lege, schloss ich als Frage an. Die Antwort kam prompt und ich spürte, hier hatte ich einen wunden Punkt getroffen: „Ich will mich auf kein Menschenbild berufen. Der Begriff ,Menschenbild‘ stellt für mich eine Kategorisierung der Menschheit dar. Genau dieses Denken stört mich in unserer Gesellschaft“, betonte Martine. „Ein Mensch ist von Klein an gezwungen, sich an Normen und Werte anzupassen. Dort, wo ich arbeite, ist es genau das, was Trotz, Sturheit und Wut ausbrechen lässt.“

„Tu erst das Notwendige ...“

Christine Busshardt
Christine Busshardt
Foto: Gerry Huberty

Zum Schluss interessierte mich noch brennend, wo sie ihre Kraft, ihren Mut und ihr Selbstbewusstsein hernehme, um alltäglich Menschen in oft aussichtslosen Lebenssituationen zu begegnen.

„Mut gewinne ich aus meiner Freizeit, meinem Hobby, der Musik, meinen Freunden, meiner Familie, meinem Freund und meinen Hund ,Jimmy‘, aus meinem gesamten Umfeld also. Sie stützen mich und fangen mich auf, wenn ich mal nicht weiter weiß oder einfach jemanden zum Reden brauche. Sie geben mir aber einfach mal die Möglichkeit abzuschalten, zu feiern und zu lachen. Mut gewinne ich aber auch aus den Reaktionen der Menschen, die mit mir über meine Arbeit reden und aus der Unterstützung des Teams, mit dem ich arbeite. Und ich gewinne Mut aus den Erfolgen und Misserfolgen zusammen mit den Menschen, die zu uns kommen, aus der Herausforderung nach einem Erfolg keinen Rückschlag zu erfahren“, erklärt sie.

Nicht zuletzt hilft Martine wohl auch ihr Motto, unter dem sie ihre bisher gemachten Erfahrungen zusammenfasst: „Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche und plötzlich schaffst Du das Unmögliche.“

Martine ist sich bewusst: Sie ist ein Mensch wie jeder andere. Auch sie hat dieselben Ängste wie die meisten: die Angst vor Krankheit, Verlusten, existenziellen Niederschlägen. Sie hat in ihrem Leben gelernt mit ihren Ängsten umzugehen, nicht wegzulaufen, sondern zu versuchen, etwas zu wagen und das Beste aus der Situation zu machen. Eine mutige junge Frau mit roten Haaren wie Pippi Langstrumpf und mit mindestens ebenso viel Mut, einem großen Herz und vor allem mit viel Sozialkompetenz und Liebe zum Leben und der Freiheit und mit mutigem Engagement für soziale Gerechtigkeit, dort wo sie das Leben gerade hinstellt.


Christine Busshardt, Pastoralreferentin, Pfarrverbände „Bettembourg-Huncherange“, „Fréiseng“, „Hesper“, „Réiserbann“ und „Weiler-la-Tour“. Die Autorin ist über E-Mail: glaube@wort.lu zu erreichen

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