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Offener Brief der muslimischen Gemeinschaft: Eine Botschaft an Luxemburg
Lokales 4 Min. 10.12.2014 Aus unserem online-Archiv

Offener Brief der muslimischen Gemeinschaft: Eine Botschaft an Luxemburg

Die absolute Mehrheit der Muslime in Luxemburg lehnt religiös motivierte Gewalt strikt ab. Dennoch fällt es der Gemeinschaft schwer, sich gegenüber dem radikalen Islam klar zu positionieren.

Offener Brief der muslimischen Gemeinschaft: Eine Botschaft an Luxemburg

Die absolute Mehrheit der Muslime in Luxemburg lehnt religiös motivierte Gewalt strikt ab. Dennoch fällt es der Gemeinschaft schwer, sich gegenüber dem radikalen Islam klar zu positionieren.
Anouk Antony
Lokales 4 Min. 10.12.2014 Aus unserem online-Archiv

Offener Brief der muslimischen Gemeinschaft: Eine Botschaft an Luxemburg

Die muslimische Gemeinschaft in Luxemburg hat am Montag einen offenen Brief veröffentlicht, der übermorgen im Rahmen des Freitagsgebets in der Mehrzahl der Moscheen und Gebetsräume des Landes vorgelesen werden soll. Es handelt sich um den ersten Versuch, sich auf breiter Ebene und gemeinsam gegen Extremismus und religiös motivierte Gewalt zu positionieren. Viele ihrer Glaubensbrüder taten dies bereits vor geraumer Zeit – warum passiert dies hierzulande erst jetzt?

Von Michel Thiel und Steve Remesch

Das Schreiben trägt den Titel „Die Muslime Luxemburgs wenden sich an ihre Mitbürger, um jene Gräueltaten zu verurteilen, die durch bewaffnete Gruppierungen verübt werden“ und ist mit knapp 650 Worten recht kurz gehalten.

Ein Schreiben, das am Montag an die Presse versandt wurde, noch bevor es übermorgen im Rahmen des Freitagsgebets, das für praktizierende Muslime als religiöse Pflicht gilt, in allen Gebetsräumen und Moscheen Luxemburgs vorgetragen werden soll, „sofern dies dort erwünscht ist“.

Eine kleine Einschränkung, die wohl nicht grundlos erwähnt wird, da insbesondere die als Hort extremistischer Bestrebungen bekannte „Association multiculturelle de l’Ouest“ in Esch/Alzette, aber auch andere Gebetsräume in Luxemburg nicht der Shoura angehören, also dem zentralen Rat der muslimischen Gemeinden Luxemburgs.

Als Urheber der Botschaft werden dann auch explizit die „Imame Luxemburgs, die Shoura, sowie die Vereinigungen, die der Shoura angehören“ genannt – also den muslimischen Vorbetern der verschiedenen Gemeinden, der Shoura, sowie den Gemeinden selbst, sofern diese in der Shoura vertreten sind.

Der Islam als eine „Religion des Friedens“

Ein Brief, der mit der zentralen Aussage beginnt, dass „der Islam vor allem eine Botschaft des Friedens und der Toleranz enthält“, welche an alle Bürger Luxemburgs vermittelt werden müsse, „in einem Kontext extremer Gewalt, welche die muslimische Welt derzeit entflammt und unsere Religion in den Medien als eine Religion der Gewalt erscheinen lässt“.

Eine oft gehörte Aussage also, die bei ähnlichen Appellen ausländischer Glaubensgemeinschaften immer wieder im Vordergrund steht, etwa beim bundesweiten Aktionstag deutscher Islamverbände am vergangenen 19. September, bei dem Muslime in über 2 000 Moscheen und Gebetsräumen ein Zeichen gegen Gewalt und für Toleranz und Frieden setzten. Oder dem Appell der Muslime Frankreichs vom 15. September, dem sich in Luxemburg einzig das „Centre Culturel Islamique de Luxembourg“ in Mamer anschloss.

Der Tatsache, dass die Mehrzahl der Muslime in Luxemburg sich erst spät dazu durchringen konnten, öffentlich Position gegen die menschenverachtenden Exzesse ihrer angeblichen Religionsgefährten des „Islamischen Staats“ zu ergreifen, dürfte einerseits die Angst zugrunde liegen, islamfeindliche Reaktionen hervorzurufen. Auf der anderen Seite scheint es der muslimischen Gemeinschaft in diesem Fall besonders schwer zu fallen, mit einer Stimme zu reden. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Keine homogene Religionsgemeinschaft

Die Shoura stellt sich in der Öffentlichkeit als zentraler Rat aller Muslime Luxemburgs dar und übernahm auch in den vergangenen Jahren im Rahmen der Verhandlungen über eine staatliche Anerkennung der muslimischen Religionsgemeinschaft diese Rolle. Dies sollte jedoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die schätzungsweise zwischen 8 000 und 12 000 Muslime in Luxemburg tatsächlich jene homogene Gemeinschaft bilden, als die sie gerne wahrgenommen werden möchte. Die überwiegende Mehrheit von 65 Prozent der einheimischen Muslime hat nach eigenen Angaben der Shoura ihre Wurzeln in den Balkanstaaten, vor allem in Bosnien-Herzegowina, Montenegro und dem Kosovo. 29 Prozent stammen aus Frankreich, Belgien, der Türkei oder den nordafrikanischen Maghreb-Staaten, sechs Prozent sind europäischstämmige Konvertiten.

Neben diesen sprachlichen und kulturellen Eigenheiten gibt es zudem religiöse Unterschiede. Die überwiegende Mehrheit praktizieren die sunnitische Glaubensrichtung, eine kleine Minderheit folgt den schiitischen oder sufistischen Lehren und eine verschwindend geringe Zahl an Muslimen, die hierzulande auf weniger als 150 Personen geschätzt wird, bekennt sich zu einer schriftgetreuen, traditionalistischen Auslegung des Islam, welche dem Wahabismus oder auch Salafismus nahesteht. Aus dieser Gruppe stammt auch die Mehrzahl der dschihadistischen Extremisten, die den gewaltsamen Kampf gegen jene gutheißen oder gar unterstützen, die in ihren Augen als „Feinde des Islams“ anzusehen sind.

Friedfertig, aber auch politisch engagiert

Es gibt darüber hinaus noch einen weiteren Faktor, der die muslimische Gemeinde Luxemburgs in unterschiedliche Gruppen teilt. Eine überwiegende Mehrheit sieht den Islam als spirituelle Angelegenheit, die vor allem im privaten Bereich gelebt wird – eine wenig überraschende Tatsache, da etwa viele Muslime wie gesagt aus den ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens stammen, also einer ehemaligen sozialistischen Volksrepublik nach sowjetischem Vorbild, in der jegliche politische Konnotation religiöser Praktiken unterdrückt wurde. Daneben gibt es jedoch auch hierzulande zahlreiche Muslime, die zwar Gewalt ablehnen und rechtsstaatliche Prinzipien akzeptieren, aber ein Islamverständnis haben, das auch ein politisches Engagement einschließt – ein Religionsverständnis, das eher mit jenem der Muslimbruderschaft in Ägypten vergleichbar ist und auch in Luxemburg nicht wenige Anhänger hat.

All dies zeigt, wie schwierig es ist, einen Konsens in derart heiklen Fragen wie jener nach einer Positionierung zum radikalen Dschihadismus zu finden.


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