Oesling85: Mission „Antenne sprengen“

Teil 1: Das Treffen mit den US-Special-Forces und der Angriff auf die Antennen-Position bei Neidhausen

Der Kommandant der blauen Streitkräftebei einer Lagebesprechung mit seinen Offizieren Guy Lenz und Fernand Guth sowie dem Unteroffizier Claude Paulus. Die blauen Einheiten waren der „Verteidigung“ zugeteilt.
Der Kommandant der blauen Streitkräftebei einer Lagebesprechung mit seinen Offizieren Guy Lenz und Fernand Guth sowie dem Unteroffizier Claude Paulus. Die blauen Einheiten waren der „Verteidigung“ zugeteilt.
Archivbild: Lé Sibenaler

(str) - Viel wird im Rahmen der Bommeleeër-Affäre über die „Oesling85“-Manöver aus den 80er-Jahren spekuliert. Oft werden sie in Verbindung mit dem Luxemburger Stay-Behind-Netzwerk „Plan“ gebracht. Nur wenig ist allerdings über die Hintergründe der Manöver bekannt, bei denen es auch um Sabotage ging und Parallelen zu den ersten Attentaten der Bombenserie nicht von der Hand gewiesen werden können.

wort.lu hat mit einem ehemaligen Soldaten gesprochen, der im Rahmen des „Oesling85“-Manövers an einem „Kommandotraining“ mit amerikanischen „Special Forces“ teilgenommen hat. Eine Bezeichnung, die er aus heutiger Sicht als etwas zu hoch gegriffen empfindet.

„Recon“ im Ösling

Bereits vor dem eigentlichen Manöver begannen erste Übungen, erzählt Georges (Name von der Redaktion geändert). So mussten einzelne Einheiten das Militärlager am Herrenberg nachts klammheimlich verlassen. Bis zum Tagesanbruch marschierten die Soldaten durch das Ösling. Dann bezogen sie verdeckt an vorbestimmten Punkten Position. Hier galt es, das Umfeld zu beobachten und dabei peinlichst genau Buch zu führen. In der Dämmerung kehrte die Einheit dann zur Kaserne zurück.

„Meiner Meinung nach bestand der einzige Sinn dieser Übung darin, im Hinblick auf das anstehende Manöver die Belastungsfähigkeit der einzelnen Soldaten zu testen“, betont Georges. Der heute 48-Jährige wurde kurz vor dem Beginn des Manövers einer zehn Mann starken Einheit zugeteilt. Diese sollte amerikanische Fallschirmjäger in Empfang nehmen und mit diesen „Special Forces“ 14 Tage lang im „Feindesland“ kooperieren.

An einem vorbestimmten Ort nahe Urspelt galt es zunächst, unter amerikanischer Anleitung ein etwa 200 Meter großes „H“ am Boden zu markieren und das Gelände von gefährlichem Unrat zu befreien. „Plötzlich war das Flugzeug da“, erinnert sich Georges.

Die Hercules C130 kreiste sehr hoch über dem Zielgebiet. Die Soldaten am Boden hörten den viermotorigen Militärtransporter, konnten aber nichts sehen. In letzter Sekunde wurde der Sprung abgesagt.

Erfolgreicher Überfall

Die Amerikaner flogen weiter nach Spangdahlem. Die Luxemburger Einheit sollte sie am nächsten Morgen nahe Marnach treffen. Die US-Kommandoeinheit war auch pünktlich zur Stelle. Schon nach kurzer Zeit wurde ihnen eine gemeinsame Mission erteilt: Sie mussten die Sendeantenne in Neidhausen „sprengen“.

Die Parabol-Antenne wurde jedoch streng von regulären Einheiten bewacht. Aus einem Wald observierten die „Eindringlinge“ die Antenne und sammelten Informationen über ihre Bewacher. Dann erhielten sie den Befehl zum Angriff.

In der Dunkelheit pirschten sich die rund 20 Soldaten bis auf wenige Meter an ihre Gegner heran. Mit „Artillery flash“-Simulatoren – Knall- und Blendgranaten, die die Flash-Bang-Granaten der luxemburgischen Armee zweifellos in den Schatten stellten – und mit Platzpatronen-Feuer gewannen die Angreifer schnell die Überhand.

Ein Sprengmeister der Spezialeinheit brachte einen aus Nahrungsmittelrationen gebastelten „Sprengsatz“ an der Anlage an und rief: „Fire in the hole“. Alle gingen sie in Deckung. Die Antenne galt als gesprengt.

Demütigung für Verteidiger

In einer Waldschneise bereitete die Kommando-Einheit anschließend rasch einen Hinterhalt vor, um mögliche Verfolger in eine Falle zu locken. Bei der Operation gelang der Kommando-Gruppe aber auch ein weiterer Coup: Im allgemeinen Durcheinander stürmten zwei Luxemburger Soldaten eine Geschützstellung und erbeuteten ein schweres Maschinengewehr.

Die Demütigung für die Bewacher war gleich doppelt groß: Denn der damalige Prinz und heutige Großherzog Henri, war – wie die Soldaten später erfahren sollten – beim Angriff in Neidhausen als ranghoher Offizier und Beobachter dabei. Der Schrecken bei den regulären Truppen saß tief.

Damit sich ein solcher Vorfall nicht wiederholen sollte, sicherten die restlichen MG-Schützen ihre Waffen fortan mit Stacheldraht.  Allerdings ließ auch die Begeisterung, dem Gegner eins ausgewischt zu haben, in der Kommandoeinheit schnell nach: Die Soldaten mussten die schwere Waffe bis zum Ende des Manövers mitschleppen.

Die Mission war eigentlich ein voller Erfolg. Doch beim anschließenden Appell fehlte ein Soldat. „Dem Feind in die Hände zu fallen, ist das Schlimmste, was einem Soldaten passieren kann“, betont Georges. „Der Gegner hatte den Befehl, den Gefangenen zu befragen und demnach wer das tat, ging es dabei auch härter zur Sache.“

Doch der Soldat war nicht gefangen genommen worden: Er hatte lediglich den Anschluss an seine Gruppe verloren. Während seine Kameraden noch nach ihm suchten, schlug er sich im Alleingang zum Herrenberg durch. Von hier aus wurde er dann wieder zu seiner Einheit gelotst.

  • Lesen Sie am Dienstag den zweiten Teil der Kurzserie über das Oesling-Manöver.