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Obdachlosigkeit in Luxemburg: "Niemand ist auf der Straße glücklich"
Lokales 3 Min. 27.02.2015 Aus unserem online-Archiv

Obdachlosigkeit in Luxemburg: "Niemand ist auf der Straße glücklich"

Seit April 2011 lebt Georges Edward Nixon auf der Straße.

Obdachlosigkeit in Luxemburg: "Niemand ist auf der Straße glücklich"

Seit April 2011 lebt Georges Edward Nixon auf der Straße.
Pierre Matgé
Lokales 3 Min. 27.02.2015 Aus unserem online-Archiv

Obdachlosigkeit in Luxemburg: "Niemand ist auf der Straße glücklich"

Vor wenigen Tagen starb der Obdachlose Daniel Marinelli in Bonneweg an Unterkühlung. Auch einige andere Obdachlose schlafen derzeit lieber draußen als in einer Notunterkunft. Was nicht heißt, dass sie nicht weg von der Straße wollten.

Von Jan Söfjer

Freiwillig lebe kaum einer auf der Straße, sagt Georges Edward Nixon. Der 58-Jährige weiß, wovon er spricht. Seit vier Jahren ist er selbst obdachlos. Seit 1980 ist der Kanadier in Luxemburg. Hier hatte er einen Job als Drucker, eine Frau und Kinder. 2004 wurde er arbeitslos. Arbeitslosengeld zu 
bekommen, war für ihn als Kanadier und Nicht-EU-Bürger aber schwierig. Die Bürokratie war zuviel. Am Ende landete er auf der Straße.

„Man gewöhnt sich an die Obdachlosigkeit“, sagt Nixon. Selbst jetzt schläft er einzelne Tage in der Woche draußen. „Mit den richtigen Klamotten und einem guten Schlafsack geht das. Man darf bloß nicht nass werden.“ Nixon kennt ein besetztes Haus, in dem er unterkommt. Selbst an kalten Winternächten ist ihm das manchmal lieber als die Notunterkunft der „Wanteraktioun“ auf Findel.

„Manchmal möchte ich einfach nicht mit 70 Leuten zusammen, sondern alleine sein“, sagt Nixon. Das heißt aber nicht, dass er gerne auf der Straße schläft. Erst recht nicht, nachdem am vergangenen Wochenende sein Freund Daniel Marinelli auf der Straße gestorben ist. Marinelli war gestürzt, wollte aber nicht in ein Krankenhaus, da er fürchtete, seine wenigen Besitztümer (vor allem eine Matratze und Decken) gestohlen zu bekommen.

Nixon hofft auf "Housing First"

Alexandra Oxacelay, Direktionsbeauftragte der „Stëmm vun der Strooss“, kennt nur ganz wenige Obdachlose, die wirklich auf der Straße leben und schlafen. Die meisten der von Oxacelay geschätzten 250 Obdachlosen in Luxemburg würden in Unterkünften schlafen. „Ich habe noch niemanden kennengelernt, der gesagt hat, dass er auf der Straße glücklich ist und kein anderes Leben möchte“, sagt sie. Die Obdachlosen akzeptierten bloß ihr Leben, weil sie nichts daran ändern könnten.

Das sieht auch Georges Nixon so. „80 Prozent der Obdachlosen würden sofort eine Gelegenheit ergreifen, von der Straße wegzukommen“, sagt er – er inbegriffen. Im vergangenen Monat hat er sich bei dem „Housing first“-Projekt des „Comité national de défense sociale“ beworben, das vor einem Jahr ins Leben gerufen wurde. Unter anderem Langzeitobdachlose können dort unbefristet relativ unabhängig in Studios leben. Es gibt bislang allerdings nur 15 davon.

Straße statt Bevormundung

Alexandra Oxacelay sagt: „Es kann nicht sein, dass in einem so reichen Land wie Luxemburg Menschen auf der Straße schlafen müssen.“ In Frankreich habe sie ein Wohnprojekt für Obdachlose gesehen, das sie beeindruckte. Üblicherweise gelten in Obdachlosen-Unterkünften strenge Regeln. Keine Drogen, kein Alkohol. Klare Zeiten, wann man kommen und gehen muss. Manche Obdachlose lassen sich auf so etwas nicht ein, lassen sich nicht entmündigen und schlafen dann doch lieber draußen. Aus der Not heraus.

Bei dem Wohnprojekt in Frankreich, so Oxacelay, „genießen die Menschen hingegen eine relativ große Freiheit“. Sie dürfen Bier trinken. Mit einer Frau übernachten. Kommen und gehen, wann sie wollen. All diese Dinge, die die meisten Menschen für selbstverständlich halten.

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Trauerfeiern für Daniel Marinelli

Morgen findet für Daniel Marinelli, der am vergangenen Wochenende starb, eine Trauerfeier in Thionville (F) im familiären Kreis statt. Am 4. März um 10.30 Uhr gibt es eine öffentliche Gedenkfeier in der Krypta der Kirche in 
Bonneweg am Place Léon XIII.


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