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Nischenfüller
Leitartikel Lokales 2 Min. 03.04.2013

Nischenfüller

Claude FEYEREISEN
Claude FEYEREISEN
Mitte März feierte das hauptstädtische Fahrrad-Verleih-Konzept namens „Vel'oh“ seinen fünften Geburtstag. Ob man diesen Geburtstag – und damit das Konzept – allerdings feiern sollte, bleibt dahingestellt.

Mitte März feierte das hauptstädtische Fahrrad-Verleih-Konzept namens „Vel'oh“ seinen fünften Geburtstag. Ob man diesen Geburtstag – und damit das Konzept – allerdings feiern sollte, bleibt dahingestellt. Für DP-Stadtbürgermeister Xavier Bettel und Grünen-Schöffe François Bausch war es jedenfalls erneut eine gute Gelegenheit, um sich in Sachen „Vel'oh“ gegenseitig auf die Schulter zu klopfen. Im März vergangenen Jahres hatte ein simpler Fahrradständer in der Rue du Fossé als Alibi für eine ähnlich gelagerte Publicity-Aktion herhalten müssen.

Das „Vel'oh“-Konzept als Erfolgsgeschichte zu bezeichnen, grenzt schlichtweg an Übertreibung. Geht man davon aus, dass sich die Einwohnerzahl der Hauptstadt tagsüber aufgrund der Berufspendler verdoppelt und somit etwa 200 000 Personen als „Vel'oh“-Kunden in Frage kommen, erscheint die Zahl von 600 Nutzungen eines Leih-Bikes pro Tag (an den besten Tagen) doch recht niedrig. Gleiches gilt für die „Vel'oh“-Langzeit-Abonnenten, deren Zahl sich laut den Stadtverantwortlichen auf (lediglich) 5 417 beläuft. Eine „Success Story“ sieht anders aus, an der mageren Auslastungsquote vermag auch die gebetsmühlenartige Bewerbung des „Vel'oh“-Konzeptes nur wenig zu ändern.

Dabei ist die Grundidee des „Vel'oh“-Konzeptes eigentlich eine begrüßenswerte, doch sollte man realistisch bleiben und das Konzept als das vermarkten, was es letztendlich ist: ein Nischenfüller. Die Leihfahrräder sind bestenfalls eine Ergänzung zum Privatfahrzeug oder aber zu den öffentlichen Verkehrsmitteln. Eine Alternative dazu sind sie wahrlich nicht – nicht zuletzt auch wegen ihrer Nachteile bei widrigen Witterungsbedingungen, wodurch sich die tatsächliche Attraktivität der „Vel'oh“-Bikes im Wesentlichen auf die wärmeren Monate des Jahres beschränkt. Abgesehen davon ist die Stadt Luxemburg aufgrund ihrer topographischen Gegebenheiten für Fahrräder ohnehin nur bedingt geeignet. Und das Befahren jener Fahrradspuren, die zwischen den „normalen“ Fahrspuren verlaufen, verlangt auch hartgesottenen Radfahrern einiges an Mut ab.

Das Fahrrad so darzustellen, als ob es einen erheblichen Teil der Probleme verkehrstechnischer und umweltschützerischer Natur auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg lösen würde, ist reine Augenwischerei. Den Individualverkehr immer stärker aus dem Stadtzentrum verdrängen zu wollen, ist ein Schritt in die falsche Richtung und wird früher oder später zu Lasten der Gewerbetreibenden gehen. Eine (Haupt-)Stadt lebt letztlich auch von den (gelegentlichen) Besuchern – ganz gleich, ob es sich dabei um Einheimische, Touristen oder Geschäftsreisende handelt –, zumal es auch diese sind, die in den Boutiquen und Gastronomiebetrieben gern gesehene Gäste sind. Und diese werden die „Vel'oh“-Fahrräder wohl kaum dem Auto vorziehen, im Idealfall lassen sie Letzteres auf einem der Auffangparkplätze am Stadtrand stehen und fahren per Bus in die City.

Leihfahrräder sind eine interessante Idee und sicherlich auch „nice to have“, doch würden sie morgen wieder abgeschafft, würde wohl wenig Aufhebens darüber gemacht werden. Auffallen würde es nur den einigen Wenigen, die die „Vel'oh“-Bikes auch tatsächlich nutzen. Und den Stadtobrigkeiten.