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Neues Gefängnis in Sassenheim: Die Würde hinter den Mauern
Lokales 4 Min. 26.12.2014

Neues Gefängnis in Sassenheim: Die Würde hinter den Mauern

So soll das neue Gefängnis für Untersuchungshäftlinge aussehen. Noch ist allerdings kein Stein gesetzt.

Neues Gefängnis in Sassenheim: Die Würde hinter den Mauern

So soll das neue Gefängnis für Untersuchungshäftlinge aussehen. Noch ist allerdings kein Stein gesetzt.
Grafik: chd.lu
Lokales 4 Min. 26.12.2014

Neues Gefängnis in Sassenheim: Die Würde hinter den Mauern

Mit dem neuen Untersuchungsgefängnis in Sassenheim gibt es erstmals seit Jahrzehnten die Chance, die Haftbedingungen in Luxemburg zu verbessern – und damit die Rückfallgefahr von entlassenen Straftätern zu senken.

Von Jan Söfjer

Luc Frieden nahm ihn bei einer öffentlichen Veranstaltung beiseite. „Sie sind ja ein sozial eingestellter Schöffenrat“, begann Frieden gegenüber dem Bürgermeister von Sassenheim. Ob sich Georges Engel nicht vorstellen könne, dass das geplante Untersuchungsgefängnis in Sassenheim gebaut werde, fragte der Justizminister. Es war Oktober 2006 und Engel konnte sich das tatsächlich vorstellen. Er hat Sozialarbeit in Brüssel studiert. „Da gab es ein Gefängnis mitten in einem Wohnviertel. Das ist ein Ort wie jeder andere mit Menschen, die Bedürfnisse haben wie jeder andere“, sagt Engel.

Und natürlich hat die Gemeinde Sassenheim auch etwas im Gegenzug bekommen: 20 Millionen Euro für diverse Bauvorhaben wie etwa einem Feuerwehrzentrum oder einer Schule. Georges Engel betrachtet es noch heute als einen seiner größten politischen Erfolge, alle Parteien in seiner Gemeinde hinter das Projekt bekommen zu haben. Selbst die Bürgerinitiative, die sich gegen das Gefängnis bildete, hatte keinen Erfolg. Mittlerweile hat sie sich aufgelöst.

Schrassig ist seit 1988 voll bis überbelegt

Klar ist, ein neues, ein weiteres Gefängnis ist seit langem überfällig. Bislang gibt es nur eine Haftanstalt im Land: in Schrassig. Direktor Vincent Theis sagt: „Wir waren nie in einer guten Situation. Seit 1988 ist diese Anstalt größtenteils voll bis überbelegt.“ Dabei wurde das Gefängnis erst 1984 gebaut und löste damit die düsteren Gefängnismauern im Grund ab.

600 Insassen haben in Schrassig Platz. Teilweise waren 700 inhaftiert. Dann lebten teils drei Leute auf elf Quadramtern. Das Problem ist, dass Gefangene nicht so getrennt werden können, wie sie getrennt werden müssten. Zum Beispiel Untersuchungshäftlinge und Schwerverbrecher oder Inhaftierte, die gegen ehemalige Komplizen ausgesagt haben. Aber auch Raucher und Nichtraucher. Es gibt viel zu trennen. „Das System funktioniert nur, wenn wir zu maximal 80 Prozent belegt sind“, sagt Theis.

Vincent Theis leitet das Gefängnis in Schrassig. Moderner Strafvollzug müsse mehr leisten, als wegzusperren, sagt Theis.
Vincent Theis leitet das Gefängnis in Schrassig. Moderner Strafvollzug müsse mehr leisten, als wegzusperren, sagt Theis.
Foto: Guy Wolff

2002 wurde Schrassig erweitert. Hätte man das Gefängnis nicht noch einmal erweitern können, anstatt ein weiteres zu bauen? „Mit 600 Insassen sind wir selbst im europäischen Vergleich groß“, sagt Theis. „Schrassig zu erweitern, wäre ein Fehlgriff gewesen. Das Gefängnis ist bereits jetzt aufwändig zu managen, die Wege sind weit und damit teuer. Und die Sicherheit kostet viel, auch, wenn nicht jeder Insasse die höchste Sicherheitsstufe benötigt.“

Das Gefängnis in Sassenheim wird eine Anstalt ausschließlich für Untersuchungshäftlinge, also juristisch Unschuldige. 400 Personen können dort aufgenommen werden: Platz für alle 300 Untersuchungshäftlingen aus Schrassig und 100 weitere. Die Bauarbeiten sollen im Januar 2016 beginnen und bis Mitte, Ende 2018 dauern. 2019 sollen die ersten Gefangenen kommen – plus 330 Mitarbeiter. 156 Millionen Euro kostet der Bau.

Anwohner sehen Gefängnis größtenteils gelassen

Man könnte denken, dass die Anwohner des künftigen Gefängnisses in Sassenheim wenig begeistert sind. Nur ein paar Hundert Meter vom Ortsrand entfernt wird es stehen. Doch wenn man sich in Sassenheim umhört und ein wenig von Tür zu Tür durchklingelt, hört man oft: „Kein Problem.“ Natürlich: Niemand freut sich über ein Gefängnis. Aber es gebe Schlimmeres, sagen viele. Beispielsweise eine Mülldeponie oder eine Umgehungsstraße.

Ein Anwohner fragt sich, ob man das Gefängnis nicht besser hätte im weitläufigeren Norden des Landes bauen sollen. Dagegen sprach wohl die Anbindung an Schrassig. Ein ander befürchtet im Gegensatz zu seinen Nachbarn einen Wert- und Imageverlust der Grundstücke.

Das Untersuchungsgefängnis wird südöstlich von Sassenheim (oben links) liegen. Auch eine Verbindungsstraße wird gebaut.
Das Untersuchungsgefängnis wird südöstlich von Sassenheim (oben links) liegen. Auch eine Verbindungsstraße wird gebaut.
Grafik: chd.lu

Ein Anwohner sagt: „Irgendwo muss das Gefängnis hin, doch jeder glaubt, so etwas dürfte bei ihm nicht hingestellt werden.“ Ein anderer ergänzt: „Jeder Bürger hat in seinem Staat eine Verantwortung mitzutragen.“ Was bleibt, ist die Sorge, dass die Straßen noch voller werden, wenn 330 Gefängnis-Angestellte zur Arbeit pendeln.

Schlimme Gefängnisse verrohen die Häftlinge

Wenn in ein paar Jahren die Untersuchungshälftlinge von Schrassig nach Sassenheim umziehen, gibt es in Schrassig nicht nur die Gelegenheit, die Gebäude zu renovieren, sondern auch ein neues Betreuungskonzept für die Häftlinge zu verwirklichen. Viele Bürger sind empört, wenn Gefängnisse nicht martialisch genug sind. Die Gefangenen sollen büßen, so der Glaube. Doch Häftlinge werden bloß zu Freiheitsentzug verurteilt. Sie behalten ihr Recht auf ordentliche Lebensbedingungen. „Es reicht auch nicht, jemanden wegzusperren“, sagt Theis. Das sei gefährlich. Oft wurden erst in Gefängnissen aus Kleinkriminellen Schwerverbrecher.

Theis hat sich sein ganzes Berufsleben lang mit diesen Themen beschäftigt. 140 Gefängnisse hat er gesehen. Den Europarat beraten. Wenn ein Mensch im Gefängnis wie Dreck behandelt wird und bei seiner Entlassung voller Hass ist, wie soll er dann, fragt Theis, die Gesellschaft respektieren? Die Rückfallgefahr sei so immens. „Vollzugsbeamten müssen heute nicht nur Schlüssel umdrehen, sie müssen auch Betreuer und Ansprechpartner sein – im engen Austausch mit Psychologen, Sozialarbeitern, Werkstattleitern und anderem Personal.“ Man müsse schauen, wie man Gefangene erreiche, wie man ihnen helfen könne, ihr Leben auch außerhalb des Gefängnisses in den Griff zu bekommen, damit diese wieder einen Platz in der Gesellschaft fänden. Sassenheim verbessert die Chancen dazu sehr. Wenn sie genutzt werden.


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