Neue „Stëmm vun der Strooss“ in Beles: Der Weg aus dem Teufelskreis
(L.E.) - Die „Mieter“ der neuen Struktur halten sich etwas distanziert und scheu im Hintergrund, als die Schar der Ehrengäste bei der Einweihung des renovierten Gebäudes in der Escher Straße von Beles am späten Dienstagabend neugierig durch ihre Wohnungen zieht.
Einer der Einwohner zeigt dann doch, als der Rummel vorbei ist, voller Stolz und mit einem Ausdruck von Dankbarkeit der LW-Fotografin seine Wohnung. Er selbst will weder fotografiert werden, noch wünscht er seinen Namen in der Zeitung zu lesen. Dennoch ist es für ihn, wie auch für die beiden anderen Mieter, wichtig, eine feste Adresse zu haben. Wie wichtig dies ist, zeigt sich nicht nur bei der Arbeitssuche, sondern auch bei der Pflege sozialer Kontakte und schlussendlich auch im Selbstwertgefühl.
Das Gebäude wurde von der Gemeinde Sassenheim und mit Unterstützung gleich zweier Ministerien erworben und renoviert. Aus Sicht der Gemeinde konnten durch diese Instandsetzung zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden. Ging es laut Bürgermeister Georges Engel doch auch darum, die Escher Straße wieder als Geschäftszentrum zu beleben.
So mag es auf den ersten Blick leicht ironisch anmuten, dass ausgerechnet eine Immobilienagentur das Geschäftslokal im Untergeschoss angemietet hat. Man kann dies aber auch als gutes Omen sehen. Geht es doch nicht zuletzt auch darum, den Mietern aus den oberen Stockwerken wieder eine Perspektive zu bieten, um Zugang zum sogenannten ersten, also dem nicht subventionierten, Wohnungsmarkt zu bekommen.
Hinter dem Konzept einer kleinen Struktur mit zwei Wohnungen und einem Studio verbirgt sich allerdings noch eine weitere Idee. Dadurch, dass sich das Haus der „Stëmm vun der Strooss“ mit nur drei „Kunden“ im Ortszentrum befindet, soll zur sozialen Vielfalt beigetragen werden. So sprach der Bürgermeister gar vom Verhindern einer „Gettoisierung“. Der Mietvertrag der „Stëmm vun der Strooss“ mit der Gemeinde ist auf 20 Jahre ausgelegt. Mehr als 130 Leute werden in Ateliers der Organisation beschäftigt.
Drei Fragen an Benoît Klensch
• Welche Kriterien muss man erfüllen, um eine der neuen Wohnungen in Beles zu erhalten?
Unsere Mieter in Beles kennen wir seit einigen Jahren. Wir haben sie schon in anderen Wohnungen begleitet. Hier gilt das Prinzip der doppelten Resozialisierung. Durch die niedrige Miete können wir ihnen Geld zur Seite legen, um sie zurück auf den ersten Wohnungsmarkt zu orientieren. Auf der anderen Seite leben in den beiden größeren Wohnungen männliche Junggesellen, die Kinder haben und die ohne angepasste Wohnung kein Besuchsrecht hätten. So können die Kinder übers Wochenende oder während den Ferien bleiben. Im Allgemeinen verlangen wir, dass unsere Mieter zuvor eine der Strukturen der „Stëmm vun der Strooss“ besucht haben. Davon gibt es mittlerweile fünf. Man muss natürlich vorher schon in Wohnungsnot sein.
• Gibt es heute noch den oft zitierten Teufelskreis, wer keine Wohnung hat, der kriegt auch keine Arbeit und umgekehrt?
Das stimmt. Keine Arbeit, kein Einkommen – kein Einkommen, keine Wohnung und keine Wohnung keine Arbeit. Wir arbeiten mit vielen Leuten, die den Mindestlohn erhalten. Um den zu kriegen, braucht man aber auch eine Adresse. Die Wohnung ist demnach der Beginn einer Resozialisierung in vielerlei Hinsicht.
• Wie viele Wohnungen haben Sie zur Verfügung und reicht das, um die Nachfrage zu decken?
Wir haben 25 Wohnungen. Zu Beginn des Jahres hatten wir erst 16. Im Januar sind rund zehn hinzu gekommen. Wir haben zwei Vollzeitposten, um unsere Mieter zu begleiten. Neben mir sind das noch zwei „éducatrices graduées“, die Halbzeit arbeiten. Bei 25 Wohnungen kümmern wir uns um 25 Mieter. Deshalb haben wir auch keine weiteren Projekte, abgesehen von dem, das am Freitag in Kayl eingeweiht wird. Diese Wohnungen sind auch schon vergeben. Das nächste Jahr wird ein Jahr der Stabilisierung sein. Wir werden keine neuen Projekte starten. Natürlich wird ihnen jede Organisation in Luxemburg sagen, „Wenn Sie mir 50 Sozialwohnungen geben, finde ich sofort 50 ,Kunden‘ dafür“. Aber unsere Infrastruktur hat jetzt mal ihre Grenzen erreicht.
Interview: Luc Ewen