Neue Publikation im Rahmen des 80. Geburtstags das Dalai Lama

Ethik ist wichtiger als Religion

2005 besuchte der Dalai Lama, der 1989 den Friedensnobelpreis erhielt, Luxemburg.
2005 besuchte der Dalai Lama, der 1989 den Friedensnobelpreis erhielt, Luxemburg.
Marc Wilwert

(AC) - Pünktlich zu seinem 80. Geburtstag im Juli ist ein kleines Büchlein erschienen mit dem Titel „Der Appell des Dalai Lama an die Welt – Ethik ist wichtiger als Religion“. Es handelt sich eigentlich um ein interview, das der Journalist Franz Alt mit dem geistlichen Oberhaupt 
der Tibeter geführt hat. ¶

Hier werden insbesondere für den Dalai Lama – und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren – ebenfalls für Franz Alt relevante, aber im großen und ganzen in diesem Zusammenhang bekannte Themen bemüht sowie deren Auslegung wieder aufgegriffen und als leichte Kost angeboten.¶

Das Buch ist die erste Publikation des Benvento Verlags, der zum äußerst erfolgreichen Red–Bull-Konzern gehört. Es ist in acht Sprachen erschienen und steht auch kostenfrei zum Download zur Verfügung.

Da geht es schon um Ethik und Religion, wie es im Titel steht, aber beispielsweise auch um den Weltfrieden, den Klimawandel, die atomare Abrüstung, das 21. Jahrhundert, die Zukunft der Menschheit und vor allem im letzten Teil des Buches um Tibet und China. Das gegenwärtige Verhältnis beider Länder wird analysiert und die Vision einer friedlichen Koexistenz, bei der Tibet zur gewaltfreien Zone und in einen großen Naturpark umgewandelt werden soll, entworfen.

Meditation, die zu Tugenden wie „Achtsamkeit, Bildung, Respekt, Toleranz, Fürsorge und Gewaltlosigkeit“ führen soll, wird als Allheilmittel und goldener Weg für positives Denken heraufbeschworen, als Rettungsanker für ein friedliches 21. Jahrhundert. Und um dieses Gedankengebilde um die Begriffe Altruismus und Glück zu untermauern, werden neueste Forschungsergebnisse der Neurowissenschaft und die Schriften von Papst Benedikt XVI. herangezogen, in denen er den Zusammenhang zwischen Spiritualität und Vernunft thematisiert.

Frieden, das Hauptthema, das das Interview durchzieht, soll durch Toleranz, insbesondere der Religionen untereinander, auf 
deren Gewaltpotenzial der Dalai Lama sich 
bezieht, erzielt werden. „Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotenzial in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen“, erklärt er. Und das geistliche Oberhaupt der Tibeter meint weiter: „Kinder sollten Moral und Ethik lernen. Das ist hilfreicher als Religion.“ Verkauft wird den Lesenden dann auch als Neuerung, dass Kinder ab dem 14. Lebensjahr Ethikkurse erhalten sollten – Ähnliches ist in verschiedenen Ländern schon längst der Fall. Eltern und – wen wundert's – Lehrer sind gefordert.

Ethik ist wichtiger als Religion. „Ethik, nicht Religion, ist in der menschlichen Natur verankert“ oder „Meditation ist wichtiger als ritualisierte Gebete“, heißt es da. Irgendwie werden hier der Religion und dem Gebet die Spiritualität abgesprochen, die vorzugsweise in der Meditation zu finden ist und die darüber in eine universelle Ethik münden soll.

Letztendlich spricht der schmale Band nicht nur für die Abschaffung der Religionen, sondern auch für eine einseitige Eingrenzung der Spiritualität. Und diese Umwälzungen, für die geworben wird, muten wie ein fraglos befremdender Paradigmenwechsel an, sei es nur aus anthropologischer Sicht.