"Netzwierk Palliativ Geriatrie"

Das letzte Zuhause

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Von Cheryl Cadamuro

Jedes Jahr sterben in Luxemburg etwa 4 000 Menschen, davon ungefähr jeder Dritte in einem Pflegeheim. Das „Netzwierk Palliativ Geriatrie Lëtzebuerg“ will die Palliativpflege in Alters- und Pflegeheimen in Luxemburg nun umstrukturieren – und damit einen Denkwandel anstoßen.

Alles begann mit einem Pilotprojekt namens „Palliative Geriatrie“, das es zwar im Ausland schon länger gibt, in Luxemburg aber Neuland ist. Am Projekt, das im März 2016 startete und von Omega 90 sowie dem Kompetenzzentrum Palliative Geriatrie im Unionhilfswerk Berlin koordiniert wurde, nahmen sieben Alten- und Pflegeheime teil.

Das Ziel: Die Palliativpflege umstrukturieren – und die Lebensqualität der Heimbewohner verbessern. „Es ist nicht so, dass wir mit dem Projekt bei Null angefangen haben, aber es benötigt einen Denkwandel in der Palliativpflege hierzulande“, so Diederich.

Bisher wurde laut des Gesetzes zur Palliativpflege, das 2009 in Kraft trat, verlangt, dass mindestens 40 Prozent der Pflegekräfte in Pflege- und Altersheimen an Sensibilisierungskursen in Palliativpflege teilnehmen. Doch das betreffe eben nur die Pflegekräfte. Dabei sei es wichtig, das ganze Umfeld des Betreffenden einzubeziehen, so Marcelle Diederich, Projektkoordinatorin bei Omega 90, nicht aus.

Die Heimbewohner sollen ihre letzten Schritte selbstbestimmt und würdevoll gehen können. Dazu benötigt es ein vertrauensvolles Umfeld, das nicht ausschließlich aus den betreuenden Ärzten, Therapeuten und den Pflegekräften bildet.

Und weiter: „Die Palliativpflege soll nicht erst ein paar Stunden oder Tage vor dem Tod eines Heimbewohners beginnen. Es geht darum, die Menschen auf ihrem gesamten letzten Weg zu begleiten – auch wenn dieser mehrere Jahre dauert.“ Dazu müssten jedoch Heimmitarbeiter aus sämtlichen Berufsgruppen zu den Themen rund um Tod und Trauer vorbereitet beziehungsweise sensibilisiert sein.

Denn nur wenn die Mitarbeiter sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, können sie auch dem Bewohner und seiner Familie bestmöglich zur Seite stehen.

Umdenken gefordert

Und so ist das Neuartige an dem Konzept, das unter dem Motto „Liewe kënnen, Stierwen däerfen“ steht, schnell zusammengefasst: Nicht nur das Pflegepersonal kümmert sich um den Sterbenden, sondern alle Mitarbeiter, die mit dem Pflegeheimbewohner zu tun haben. Denn sie alle können zum Wohlbefinden des Betroffenen beitragen, wenn auch auf sehr unterschiedliche Art und Weise.

Der Koch, der ohne Diskussionen die Lieblingsspeise des Sterbenden am Nachmittag zubereitet, die Putzfrau, die versteht, warum das Zimmer in diesem einen Moment nicht geputzt werden soll, oder die Empfangsdame, die um die Sorgen der Familie weiß und auch neugierige Mitbewohner beruhigen kann – sie alle sind genau so wichtig wie der betreuende Arzt und das Pflegepersonal.

Kurz: Bestehende Hierarchiestrukturen sollen aufgebrochen werden, um die Lebensqualität des Heimbewohners zu verbessern. Und so wurden die hausinternen Ziele und Projekte, wie das Errichten von Trauerorten oder einer Erinnerungsbibliothek, nicht durch Anweisung der jeweiligen Heimdirektoren, sondern von den Mitarbeitern getroffen.

Die Ziele, die sich die einzelnen Institutionen gesetzt haben, variieren indes von Haus zu Haus. „Wir mischen uns nicht in die Struktur der teilnehmenden Häuser ein, sondern es geht darum, sich zum Thema Sterbebegleitung auszutauschen.“

Doch zurück zum Bewohner. Eine optimale Betreuung kann nur gewährleistet werden, wenn der Heimbewohner als individuelle Persönlichkeit angesehen wird. „Sterbebegleitung ist ein sehr komplexer Prozess. Es gilt, die Wünsche jedes Einzelnen zu berücksichtigen“, so Marcelle Diederich.

Und so sei es denn auch der Bewohner, der bestimmen soll, wie seine Betreuung auszusehen hat: „Eine Person etwa, die seit jeher gerne Musik hört, nachmittags Obst essen möchte und morgens lange schläft, möchte das auch im Altersheim tun. Also gilt es, das zu respektieren“, so Diederich weiter.

Zudem sollen die Angehörigen verstärkt in die Entscheidungsprozeduren einbezogen werden. Eine besondere Herausforderung ist nämlich die Betreuung und Sterbebegleitung von Demenzerkrankten, wie Hortense Deitz, Mitarbeiterin bei Omega 90 erklärt. „In solchen Fällen ist es wichtig, dass nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Angehörigen intensiv betreut werden.“

Das Pilotprojekt, das im Oktober nach 17 Monaten abgeschlossen wurde, schlug mit 90 000 Euro zu Buche – finanziert wurde es durch Spendengelder.

Doch es soll nicht das Ende des Konzepts sein. Ganz im Gegenteil. Sechs der insgesamt sieben Projektteilnehmer entschieden sich dazu, die Palliativkultur in Luxemburg langfristig zu optimieren. So gründeten sie gemeinsam mit Omega 90 das „Netzwierk Palliativ Geriatrie Lëtzebuerg“. Sie wollen sich weiterhin austauschen, um die Palliativpflege in den jeweiligen Einrichtungen weiterhin auszubauen. Koordiniert wird das Ganze weiterhin von Omega 90.