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Nationaler Gedenktag: Späte Anerkennung für Frauen
Lokales 23 3 Min. 18.10.2020

Nationaler Gedenktag: Späte Anerkennung für Frauen

Großherzog Henri und die heute 96 Jahre alte Maisy Ginter-Bonichaux, die die Verschleppung am eigenen Leib erlebte, enthüllten die Gedenktafel.

Nationaler Gedenktag: Späte Anerkennung für Frauen

Großherzog Henri und die heute 96 Jahre alte Maisy Ginter-Bonichaux, die die Verschleppung am eigenen Leib erlebte, enthüllten die Gedenktafel.
Foto: Anouk Antony
Lokales 23 3 Min. 18.10.2020

Nationaler Gedenktag: Späte Anerkennung für Frauen

Raymond SCHMIT
Raymond SCHMIT
Anlässlich des nationalen Gedenktages wurde am Sonntag im Hauptbahnhof Luxemburg eine Gedenktafel enthüllt. Damit soll an die Leiden der Frauen erinnert werden.

Es ist ein Kapitel, das bei der Niederschreibung der Geschichte des Zweiten Weltkriegs oft nicht genug Beachtung findet. Während der Naziherrschaft hatte nicht nur die männliche Bevölkerung in Luxemburg zu leiden, sondern auch die weibliche. 3.614 Mädchen und junge Frauen wurden während der Kriegsjahre in den Reicharbeitsdienst (RAD) und den Kriegshilfsdienst (KHD) zwangsverpflichtet. 58 von ihnen sahen die Heimat nicht mehr wieder.

Den Frauen zu Ehren wurde nun im Rahmen des nationalen Gedenktags, der am Sonntag im ganzen Land gefeiert wurde, im Hauptbahnhof Luxemburg eine Gedenktafel von Großherzog Henri und der heute 96 Jahre alten Maisy Ginter-Bonichaux, die die Verschleppung am eigenen Leib erlebte, enthüllt. Die Standortwahl ist kein Produkt des Zufalls, denn im Bahnhof war es, wo für die meisten Mädchen und jungen Frauen die Reise ins Ungewisse begann.

Bei der Enthüllung der Gedenktafel räumte Premierminister Xavier Bettel ein, dass meist an die Zwangsrekrutierten erinnert werde, wenn über den Zweiten Weltkrieg gesprochen wird, dass aber oft die Rolle und die Opfer von Frauen und Müttern während der Kriegsjahre vernachlässigt würden. Man dürfe nicht vergessen, dass die Zwangsverpflichtung in den Reicharbeitsdienst bereits im Mai 1941 vom Gauleiter in Luxemburg eingeführt wurde, was auch für Frauen und Mädchen sechs Monate harten Drill fern der Heimat bedeutete. 1943 folgte dann die Verschleppung in den Kriegshilfsdienst.

Vorbild für kommende Generationen

Hunger und Angst seien der ständige Begleiter der Betroffenen gewesen, bis sie bei Kriegsende im Mai 1945 endlich in die Heimat zurückkehren konnten, betonte der Premier. Und er sagte weiter, die Frauen sollten Vorbild sein für kommende Generationen. Im Rahmen der Gedenkfeier bedauerte Xavier Bettel auch, dass Extremismus und Fanatismus in der heutigen Zeit noch immer auf fruchtbaren Boden fallen.


Lokales, Gespräch im Vorfeld Commemorationstag, Eingezogene RAD Maisy Ginter-Bonichaux Foto: Anouk Antony/Luxemburger Wort
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Maisy Ginter-Bonichaux war eines von 3.614 Luxemburger Mädchen, die man zum „Ehrendienst am deutschen Volk“ zwang.

Auch die Präsidentin des „Comité pour la mémoire de la Deuxième Guerre Mondiale“, Claude Wolf, begrüßte es, dass die Frauen 75 Jahre nach Kriegsende späte Genugtuung erhalten haben. Sie wies darauf hin, dass neben der Erinnerungsplatte für die Juden jetzt zwei Gedenktafeln im Hauptbahnhof Luxemburg an das Schicksal der luxemburgischen Bevölkerung während des Zweiten Weltkriegs erinnern.

Erinnerung an alle Kriegsopfer

Mit dem nationalen Gedenktag wird in Luxemburg an alle Kriegsopfer erinnert. Er geht zurück auf den 10. Oktober 1941. Damals wollten die Deutschen im besetzten Großherzogtum eine sogenannte Personenstandsaufnahme organisieren. Im Rahmen der landesweit durchgeführten Volksbefragung sollten sich die Luxemburger zum Deutschtum und zur deutschen Sprache bekennen. Das Vorhaben endete mit einem Fiasko für die Nazis.

Es war nicht zuletzt der Aufklärungsarbeit der Widerstandsorganisationen zu verdanken, dass sich eine überwältigende Mehrheit von über 96 Prozent der Einwohner zum Luxemburgischen bekannte. Weil dieses Ergebnis einer krachenden Niederlage gleichgekommen wäre, brach Gauleiter Gustav Simon die Aktion ab, bevor das endgültige Ergebnis der Befragung vorlag. Der nationale Gedenktag wurde 1946, ein Jahr nach Kriegsende, eingeführt.

Messe und Gedenkfeiern

Der diesjährige Gedenktag begann mit einer Messe in Anwesenheit von Großherzog Henri, die in der Kathedrale von Kardinal Jean-Claude Hollerich gefeiert wurde. Nach dem Gottesdienst wurde die Gedenkplatte im Hauptbahnhof enthüllt.


Lok , Hinzerter Kreiz , Croix de Hinzert , Glacis Kapell , Nationalen Dag vun der Resistenz , Journee Nationale de la Resistance , Foto:Guy Jallay/Luxemburger Wort
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Am nationalen Resistenztag wurde am Sonntag an die Opfer des Zweiten Weltkrieges erinnert.

Im Anschluss fand eine Gedenkfeier auf dem Kanounenhiwwel statt. Dort legte Großherzog Henri einen Kranz nieder in Anwesenheit von Parlamentspräsident Fernand Etgen, Premierminister Xavier Bettel, Vizepremier François Bausch, Bürgermeisterin Lydie Polfer, Armeekommandant Steve Thull und Philippe Schrantz, Generaldirektor der Polizei. Nachdem der Großherzog die ewige Flamme entzündet und sich in das goldene Buch eingetragen hatte, begrüßte er die Präsidentin und Vizepräsidenten des „Comité pour le souvenir de la Deuxième Guerre Mondiale“, Claude Wolf, Joseph Lorent und Guy Dockendorf.

Weitere Erinnerungsfeiern waren beim Monument für die Opfer der Shoa, bei der „Gëlle Fra“ und beim Hinzerter Kreuz auf dem Liebfrauenfriedhof. Dort wurden Blumen niedergelegt von Parlamentspräsident Fernand Etgen, Premierminister Xavier Bettel und Schöffe Serge Wilmes. Die Gräber wurden gesegnet von Großrabbiner Alain Nacache, Volker Strauß, Pastor der protestantischen Kirche in Luxemburg, und Generalvikar Patrick Muller. rsd

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