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Nationaler Drogenbericht 2016: Eine Drogenpolitik, die Leben rettet
Substitutionsprogramme und Strukturen wie die „Fixerstuffen“ sind der Grund, warum die Zahl der Drogentoten in Luxemburg einen historischen Tiefstand erreicht hat.

Nationaler Drogenbericht 2016: Eine Drogenpolitik, die Leben rettet

Foto:Gerry Huberty/LW-Archiv
Substitutionsprogramme und Strukturen wie die „Fixerstuffen“ sind der Grund, warum die Zahl der Drogentoten in Luxemburg einen historischen Tiefstand erreicht hat.
Lokales 3 Min. 08.02.2017

Nationaler Drogenbericht 2016: Eine Drogenpolitik, die Leben rettet

Michel THIEL
Michel THIEL
Die Zahl der problematischen Drogenabhängigen in Luxemburg stagniert weiter, Tote durch Überdosierung von Heroin sind mittlerweile eine Seltenheit. Doch der am Mittwoch vorgestellte nationale Drogenbericht 2016 zeigt auch einige Dunkelstellen auf.

(mth) - Die positive Nachricht vorweg: noch nie starben in Luxemburg so wenig Schwerstabhängige an einer Überdosis wie im vergangenen Jahr. Laut dem nationalen Drogenbeauftragten Alain Origer starben 2016 nur fünf Menschen am Drogenkonsum. Ein historischer Tiefstand, wenn man bedenkt, dass die Zahl der Drogentoten im Jahr 2000 noch bei 26 lag.

Der Hauptgrund für diesen Rückgang ist in der Ausrichtung der nationalen Drogenpolitik zu suchen, die im Umgang mit Schwerstabhängigen längst nicht mehr nur auf Repression, sondern auf Schadensbegrenzung, Betreuung und die kontrollierte Freigabe von Substitutionsprodukten oder Heroin setzt. Die so genannte „Fixerstuff“ und zahlreiche andere Programme und Institutionen im Umfeld der Drogenkranken sind ein Erfolgsmodell, wie die Statistiken beweisen. Gesundheitsministerin Lydia Mutsch bestätigte in diesem Zusammenhang am Mittwoch, dass in den kommenden Monaten mit dem Bau eines zweiten Drogenkonsumraums in Esch/Alzette begonnen werden könne.

Es gibt allerdings auch einige Entwicklungen im Bereich der Schwerstabhängigen, die im Gesundheitsministerium weiterhin mit Sorge beobachtet werden. Zum einen altert ein Großteil dieser Zielgruppe immer mehr – ein Effekt, der sich durch die verbesserte Betreuung und den Rückgang der Todesfälle erklären lässt.

Das Durchschnittsalter der Schwerstabhängigen, zu denen im Großherzogtum rund 2000 Personen gezählt werden können, liegt heute bei 36,8 Jahren. Vor 16 Jahren lag das Durchschnittsalter noch bei 29 Jahren. Problematisch an dieser Entwicklung ist der Umstand, dass Heroinabhängige mit steigendem Alter zunehmend Gesundheitsprobleme bekommen und damit ein spezieller Betreuungsbedarf entsteht, den es so bisher noch nicht gab.

Zahl der HIV-Infektionen steigt erneut an

Eine weitere negative Entwicklung betrifft die Zahl der Neuinfektionen mit dem HIV-Virus bei Konsumenten, welche Drogen injizieren. Diese steigt seit einigen Jahren konstant an. Die Zahl der Neuinfektionen, die 2011 noch bei 2,77 Prozent lag, stieg 2015 bis auf besorgniserregende 21,3 Prozent an. Eine Entwicklung, die um so unverständlicher ist, als hierzulande im Jahr 2015 rund 359 000 sterile Injektionsspritzen für Drogenkonsumenten bereitgestellt wurden, womit Luxemburg zu jenen Ländern gehört, in denen die Versorgung mit Spritzen am flächendeckendsten ist.

Der Grund liegt offenbar eher in einem veränderten Verhalten der Konsumenten, was die Risikobereitschaft beim Spritzentausch betrifft. Ein weiterer problematischer Trend in diesem Zusammenhang ist das vermehrte Injizieren von Kokain, einer Droge also, die zuvor eher nasal konsumiert oder geraucht wurde. Der Grund für diese Entwicklung sei die steigende Verfügbarkeit der Droge am einheimischen Markt, so Alain Origer.

Im Rahmen einer neuen repräsentativen Studie, deren Daten 2014 gesammelt wurden und deren Ergebnisse nun vorliegen, konnte das Gesundheitsministerium erstmals auch verlässliche Zahlen über den allgemeinen Drogenkonsum in der Bevölkerung vorlegen.

Cannabis, Kokain und Psychedelika sind am verbreitetsten

Kaum überraschend belegt Cannabis dabei den Spitzenplatz. Fast 32 Prozent der luxemburgischen Bevölkerung zwischen 15 und 34 Jahren hat demnach mindestens einmal an einem „Joint“ gezogen, zwischen 9,8 und 4 Prozent tun dies regelmäßig oder täglich. Bei anderen, so genannten „harten“ Drogen liegen die Zahlen wesentlich niedriger und oftmals unter dem EU-Durchschnitt.

So haben in der zuvor genannten Altersgruppe 2,2 Prozent der Bevölkerung Erfahrungen mit MDMA („Ecstasy“) oder psychedelischen Pilzen („magic mushrooms“) gesammelt, 2,1 Prozent mit Kokain und zwischen 0,2 und einem Prozent mit anderen illegalen psychoaktiven Substanzen.

Medizinisches Cannabis: Deutschland als Modell?

Der Tatsache, dass Cannabis nicht nur eine Freizeitdroge ist, sondern auch einen erwiesenen medizinischen Nutzen haben kann, trägt das Gesundheitsministerium neuerdings auch Rechnung.

Auf Nachfrage bestätigte Gesundheitsministerin Lydia Mutsch am Mittwoch, dass Luxemburg seit Oktober 2015 in Kontakt mit dem Bundesgesundheitsministerium sei, um die in Deutschland geplante Einführung von Cannabis als verschreibungspflichtige Arznei beobachtend zu begleiten: „Wir haben den Wunsch geäußert, uns näher mit der Problematik vertraut zu machen und werden im kommenden April Beobachter nach Deutschland schicken,“ so Mutsch.

Ob Deutschland in Luxemburg als Modell für eine kontrollierte Freigabe gelten könne, müsse sich aber noch zeigen, so die Gesundheitsministerin: „Der Ausgangpunkt ist in Deutschland ein anderer, da Cannabis dort bereits mit einer Ausnahmeregelung vergeben wurde. In Luxemburg wäre eine grundlegende Reform der bestehenden Drogengesetzgebung aus dem Jahr 1973 notwendig“.


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