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Nach Festnahme in Gasperich: Warum lässt Staatsanwaltschaft Einbrecher laufen?
Für viel Aufregung sorgte ein Polizeieinsatz am Freitagabend in Gasperich. Die beiden festgenommenen Männer sind heute wieder auf freiem Fuß.

Nach Festnahme in Gasperich: Warum lässt Staatsanwaltschaft Einbrecher laufen?

Foto: Domingos Martins
Für viel Aufregung sorgte ein Polizeieinsatz am Freitagabend in Gasperich. Die beiden festgenommenen Männer sind heute wieder auf freiem Fuß.
Lokales 4 Min. 07.12.2014

Nach Festnahme in Gasperich: Warum lässt Staatsanwaltschaft Einbrecher laufen?

In Gasperich gingen der Polizei am Freitagabend zwei Einbrecher in flagranti ins Netz. Doch nur wenige Stunden später wurden sie wieder auf freien Fuß gesetzt. Eine Entscheidung, die schwer nachzuvollziehen scheint.

(str) - Es war ein außergewöhnliches Spektakel, das sich der Lokalredaktion des "Luxemburger Wort" am Freitagabend bot: Vor dem Redaktionsfenster in Gasperich wurde gegen 19.30 Uhr ein Mann festgenommen, ein zweiter wurde wenige hundert Meter entfernt an einer Tankstelle dingfest gemacht.

Zunächst waren Polizeisirenen zu hören. Dann fuhr ein Streifenwagen mit hohem Tempo durch die Rue Christophe Plantin, ein zweiter bog in die Rue Ludwig van Beethoven, dann in die Rue Louis de Froment ein. Weiteres Blaulicht flackerte etwas weiter entfernt in der Rue Henri Pensis und vorne an der Route d'Esch. Der erste Reflex: Ein erneuter Überfall auf das G4S-Depot! Journalisten griffen sich ihre Jacke, ihren Fotoapparat und den Notizblock. Doch dann ging alles sehr schnell.

„Erkennungsdienstlich behandelt und protokolliert“

Über Telefon meldete ein Mitarbeiter eine Festnahme an einer Tankstelle gegenüber dem „Luxemburger Wort“. Auch vor dem Redaktionsfenster wurde es dann hektisch. Männer wälzten sich am Boden, dann standen plötzlich zwei Streifenwagen in der Rue Christophe Colomb. Contacto-Reporter Domingos Martins war zur Stelle. Wohl doch kein Überfall. Einen Anruf später war gewusst, dass zwei Einbrecher auf frischer Tat festgenommen wurden, nachdem sie in der Rue du Kohlenberg in ein Haus eingedrungen waren. Ein Augenzeuge hatte sie beobachtet, als sie über eine Mauer stiegen. Als die Polizei eintraf, versuchten sie zu flüchten.

Im Polizeibericht am Samstagmorgen folgte dann die Ernüchterung: „Sie wurden auf Anordnung der Staatsanwaltschaft erkennungsdienstlich behandelt und protokolliert.“ Im Polizeijargon bedeutet das, dass die Polizei nach der Festnahme und auf Anordnung des Substituten vom Dienst die Identität der Verdächtigen festgestellt, ein Foto gemacht und ihre Fingerabdrücke genommen hat. Eine DNA-Entnahme erfolgt über einen gesonderten Antrag.

Die beiden Männer wurden verhört. Die Befragung wurde zu Papier gebracht und an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Anhand des Berichts (sprich das Protokoll) wird sie in den kommenden Wochen über das weitere Vorgehen gegen die Täter entscheiden. Dann wurden sie auf freien Fuß gesetzt – ebenfalls auf Anordnung des Substituten. Dieser hätte auch entscheiden können, die Verdächtigen einem Untersuchungsrichter vorführen zu lassen, der dann über Untersuchungshaft bestimmt. Doch nicht in diesem Fall. Die offenbar überführten Einbrecher wurden einfach so freigelassen. Eine Entscheidung, die vor allem bei Einbruchsopfern kaum auf Verständnis stößt.

"Einen Schlafplatz gesucht"

Doch der Sachverhalt ist weitaus weniger einfach, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Die Täter, zwei Männer, irreguläre Immigranten, die aus Brüssel nach Luxemburg gekommen sind, waren nachweislich in das Haus eingedrungen. Sie waren vor der Polizei geflüchtet und hatten sich der Festnahme widersetzt. Die gesicherten Fußspuren ließen keinen Zweifel daran, dass es sich bei den Verdächtigen um die Täter handelte. Sie trugen außerdem Handschuhe und hatten Taschenlampen dabei.

Allerdings war die Tür, durch die sie in das Haus gelangt waren, nicht abgesperrt, bei der Festnahme hatten die Täter kein Einbruchswerkzeug dabei und im Haus wurde nichts gestohlen. Zudem waren sie noch nicht in Konflikt mit dem Gesetz geraten und im Verhör gaben sie an, nur einen Schlafplatz gesucht zu haben.

Das Vergehen, das den Männern demnach angelastet werden kann, ist eher geringfügig. Für Hausfriedensbruch sieht der „Code Pénal“ eine Haftstrafe von 15 Tagen bis zu einem Jahr bzw. eine Geldbuße zwischen 251 und 3 000 Euro vor. Kommentar eines Polizisten: „Vielleicht waren wir dieses Mal einfach nur zu früh am Tatort.“

Gut organisierte Banden

Andererseits entsprechen die beiden Männer eher dem, was Polizisten als „kleine Fische“ bezeichnen. Im Visier hat die Polizei nämlich vorrangig eine ganz andere Klientel. Für die wochenlangen Einbruchsserien, mit denen 
Luxemburg regelmäßig konfrontiert wird, sind in den meisten Fällen gut organisierte Banden verantwortlich, die sich nur kurze Zeit an einem Ort aufhalten und dann weiterziehen.

Im Großherzogtum wird im Zusammenhang mit Hauseinbrüchen oft und gerne mit dem Finger auf Roma-Lager jenseits der französischen Grenze gezeigt, etwa auf jenes in Mont-Saint-Martin. „Doch das stimmt so nicht ganz“, meint ein Polizist. „Wenn Menschen aus dieser Gruppe in Luxemburg auffällig werden, dann eher im Zusammenhang mit Bettelei oder kleineren Diebstählen.“

Während gegen das Bettler-Phänomen, das man wohl eher als lästig bezeichnen kann, als dass es der Gesellschaft Schaden zufügt, ein neues Gesetz zum „Platzverweis“ Abhilfe schaffen könnte, gestaltet sich der Kampf gegen die grenzüberschreitende Einbruchskriminalität weitaus schwieriger.

"Brauchen die notwendigen Mittel"

„Früher konnten wir Störenfriede und Kriminelle über die Grenze setzen“, bedauert ein Polizist, bevor er unweigerlich an den Neonazi-Aufmarsch in den 1990er Jahren erinnert. „Damals haben wir diesen Personen zu verstehen 
gegeben, dass sie hier nicht erwünscht sind und dann hatten wir Ruhe.“

Als wohl etwas zu romantisch bezeichnet ein anderer Polizist diese Darstellung. „Selbst wenn wir wieder Grenzkontrollen einführen, heißt das nicht, dass diese Banden nicht doch einen Weg ins Land finden würden.“ Seiner Meinung nach kann nur eine wesentlich stärkere Präsenz von Polizisten auf dem Terrain das Problem dauerhaft eindämmen. Und: „Es reicht aber nicht, dass jetzt öfter blitzsaubere Streifenwagen durch die Wohnviertel fahren“, meint er. „Das ist ein Schritt, der vor allem der Politik entgegenkommt. Um Resultate vorzeigen zu können, brauchen wir die dafür notwendigen Mittel.“


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