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Nach dem Zugunglück: Französische Lokführer fahren nicht mehr nach Luxemburg
Aus französischen Gewerkschaftskreisen wird nach dem Unfall Kritik an der CFL-Sicherheitskultur geübt.

Nach dem Zugunglück: Französische Lokführer fahren nicht mehr nach Luxemburg

Foto:Guy Jallay
Aus französischen Gewerkschaftskreisen wird nach dem Unfall Kritik an der CFL-Sicherheitskultur geübt.
Lokales 2 Min. 16.02.2017

Nach dem Zugunglück: Französische Lokführer fahren nicht mehr nach Luxemburg

Michel THIEL
Michel THIEL
Die französische SNCF reagiert auf das Eisenbahnunglück bei Bettemburg mit einem Boykott. Die französischen Lokführer fahren bis Sonntagabend nicht mehr auf Luxemburger Gebiet. Minister François Bausch will am Freitag zusammen mit den französischen Behörden darüber beraten.

(vb/mth/mt) – Die französische Bahngesellschaft SNCF reagiert auf das Eisenbahnunglück bei Bettemburg mit einem Boykott. Die französischen Lokführer fahren bis auf weiteres nicht mehr auf Luxemburger Gebiet.

Dies betreffe sowohl die bis Sonntag gesperrte Strecke Bettemburg-Thionville als auch die freie Strecke Longwy-Petingen-Luxemburg, hieß es aus französischen Gewerkschaftskreisen. Diese Entscheidung habe die Direction SNCF Grand Est aus Sicherheitsgründen getroffen. Bevor der grenzüberschreitende Verkehr wieder aufgenommen werden könne, müsse zuerst die Unglücksursache geklärt sein.

Bis zum Montag sei eine weitere Sitzung mit Gewerkschaftsvertretern anberaumt, dann würde entschieden, ob der Boykott aufrecht erhalten werde.

Minister Bausch spricht mit Frankreich

Nach Aussage der CFL habe die Maßnahme bis Sonntag keinerlei Auswirkungen auf den Zugverkehr. Die Strecke Bettemburg-Thionville sei ohnehin gesperrt. Die Strecke Longwy-Luxemburg werde ohnehin von Luxemburger Lokführern befahren.

Wie es am Donnerstagabend aus dem Luxemburger Ministerium für Infrastrukturen verlautete, wird Minister François Bausch an diesem Freitag mit den Luxemburger Behörden in Paris über diesen Streik beraten, der - wie bereits erwähnt - an und für sich nur angedroht ist, da die Strecke nach Frankreich bis auf weiteres ohnehin gesperrt bleibt.

Schon vorher waren Vorwürfe aus Frankreich über angebliche Sicherheitsmängel auf dem Luxemburger Schienennetz laut geworden. Die Tageszeitung "Le Républicain lorrain" zitierte entsprechende anonyme Aussagen. In Luxemburg herrsche "nicht dieselbe Sicherheitskultur wie in Frankreich", Zugbegleiter und Lokomotivführer würden die Strecke nach Luxemburg nur mit "Angst im Bauch" befahren und "man höre, dass es auf Luxemburger Seite immer häufiger zu Missachtungen von Stopp-Signalen komme."

Ein direkter Angriff auf die CFL, "aus Kreisen der Bahngewerkschaften" in Lothringen. Nebenbei wird das französische Sicherheitssystem KVB gelobt, mit dem nachweislich falschen Hinweis, das luxemburgische System MEMOR II + könne beim Überfahren eines Stopp-Signals keine Zwangsbremsung ausführen.

Frankreich hinkt hinterher

Fakt ist: Luxemburg ist bereit, mit dem modernen ETCS-System die Strecke Luxemburg-Thionville-Metz zu befahren. Das Rollmaterial ist ausgestattet, die Strecken sind ausgerüstet, nur das System, kann nicht eingesetzt werden, weil auf französischer Seite auf die offizielle Freigabe des Systems gewartet wird.

Der französische Netzbetreiber SNCF Réseau und die Region Lothringen sahen bei der Umsetzung des europäischen ETCS-Systems jahrelang keinen Grund zur Eile oder bremsten aus budgetären Gründen.

Auf luxemburgischer Gewerkschaftsseite hält man demnach nicht viel von solchen Aussagen, wie Syprolux-Landespräsidentin Mylène Bianchy am Donnerstag auf Nachfrage erläuterte: "Es ist erstens schon mal armselig, solche Aussagen ohne fundierte Erkenntnisse über die Unglücksursache zu treffen".

Lehren aus Zoufftgen gezogen

Zweitens hätten die anonymen Anschuldigungen zur luxemburgischen Sicherheitskultur kaum etwas mit der Realität zu tun: "Wenn sich in Luxemburg etwas nach der Katastrophe von 2006 geändert hat, dann ist es definitiv eine stark gesteigerte Sicherheitskultur. Jeder noch so unbedeutende Zwischenfall wird gemeldet und analysiert und es werden systematisch Arbeitsgruppen eingesetzt. Wir haben dadurch einen Rückgang der Arbeitsunfälle im Bahnbetrieb, der seinesgleichen sucht".

Auch der Vorwurf, es gebe immer häufiger Missachtungen von Stopp-Signalen, lässt Bianchy nicht gelten: "Wir hatten 2015 eine Häufung von Übertretungen und haben sofort reagiert, so dass deren Zahl 2016 sehr stark reduziert werden konnte".

Laut offiziellen Zahlen der CFL gab es im vergangenen Jahr gerade einmal drei solcher Fälle - jeder einzelne war auf einen expliziten Befehl der zuständigen Leitstelle zurückzuführen, da es technische Probleme mit den betroffenen Signalstellen gab. Eine Standard-Prozedur also, weit entfernt von den Anschuldigungen aus Frankreich.


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