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„Mothers for refugees“: Mütter lösen Solidaritätslawine im Netz aus
Abends und nachmittags treffen sich junge Mütter um die für Flüchtlinge gespendete Waren zu sortieren und einzupacken.

„Mothers for refugees“: Mütter lösen Solidaritätslawine im Netz aus

Foto: Pierre Matgé
Abends und nachmittags treffen sich junge Mütter um die für Flüchtlinge gespendete Waren zu sortieren und einzupacken.
Lokales 3 Min. 31.10.2015

„Mothers for refugees“: Mütter lösen Solidaritätslawine im Netz aus

„Mothers for refugees“, so nennen sich eine Handvoll Mütter, die dem Flüchtlingsdrama nicht tatenlos zusehen wollen. Ihr Engagement beginnt mit einem Aufruf auf Facebook. Ohne zu ahnen, welches Ausmaß das Ganze annehmen würde.

(na) - Dienstagnachmittags in einem verlassenen Bauernhof in Niederanven. Der Raum ist eng und kalt. Drei junge Mütter leeren Kartons und Plastiktaschen und sortieren gebrauchte Kleider nach ihrer Größe ein. Auf einmal klopft es an der Tür. „Bekommen wir neue Nachbarn?“, fragt eine Dorfeinwohnerin neugierig. „Nein“, erklärt ihr Jo-Anne Leisen, und schaut hinter den Kartons hervor. „Wir sammeln Kleider für Flüchtlinge.“

Derzeit wird ein Teil der gespendeten Kleider und Güter in einem alten Bauernhof in Niederanven untergebracht und aussortiert.
Derzeit wird ein Teil der gespendeten Kleider und Güter in einem alten Bauernhof in Niederanven untergebracht und aussortiert.
Foto: Pierre Matgé

Begonnen hat, wie könnte es anders sein, alles auf einem Spielplatz. „Es war in Limpertsberg. Dort lernte ich eine syrische Familie kennen. Sie waren gerade zwei Wochen hier“, erzählt Fabienne Matagne, frisch gekürte Präsidentin der gerade erst gegründeten Vereinigung ohne Gewinnzweck „Eng Hand fir all Kand“.

„Weiter fragte die Familie, ob wir wüssten, wie und wo der Junge Fußball spielen könnte. Ich versprach zu helfen, doch wurde mir erst später bewusst, dass das gar nicht so einfach war. Auch wenn wir einen Verein gefunden hätten, hätte der Junge noch keine Sportklamotten, von einem Paar Fußballschuhe gar nicht zu sprechen.“

Fabienne Matagne beim Aussortieren von Kleidern.
Fabienne Matagne beim Aussortieren von Kleidern.
Foto: Pierre Matgé

Diese Begegnung sollte Fabienne Matagne nicht mehr aus dem Kopf gehen. So auch, als sie Mitte August auf der Schobermesse war und an diese Familie denken musste, die wohl täglich am Rummelplatz vorbei ging, es ihren Kindern aber nicht erlauben konnte, ein Fahrgeschäft auszuprobieren. Nicht mit ein Taschengeld von 25 Euro pro Erwachsenen im Monat. „Das war der Moment, an dem ich entschloss, zu handeln.“

Facebook und die Lawine

Die gespendeten Schuhe wurden der Größe nach sortiert.
Die gespendeten Schuhe wurden der Größe nach sortiert.
Foto: Pierre Matgé

Was mit einem Aufruf auf Facebook anfing, sollte eine kleine Lawine der Solidarität loslösen. Knapp drei Monate, nachdem die Idee gestartet wurde, zählt die Vereinigung elf Plätze im Land, an denen Leute Kleider, Babysachen usw. abliefern können.

Unbekannte haben spontan zugesagt, ihren Keller oder ihre Garage, manche sogar Teile ihres Appartements, zur Verfügung zu stellen. Räume, die schnell drohten überfüllt zu werden: „Wir hatten nicht mit einem solchem Ansturm gerechnet“.


Die Kartons und Tüten reichen bis in die früheren Pferdeboxen.
Die Kartons und Tüten reichen bis in die früheren Pferdeboxen.
Foto: Pierre Matgé

Das Foto des toten syrischen Jungen auf einem türkischen Strand, das Anfang September um die Welt ging, habe vieles in der Wahrnehmung der Flüchtlingsproblematik geändert, ist sich Fabienne Matagne sicher. Das Bild hätte viele Mütter tief getroffen. Doch mehr noch als den Raum stellten diese Personen Zeit zur Verfügung. Denn die abgelieferten Kleider müssen sortiert werden. Da die meisten von den Helfern junge, erwerbstätige Mütter sind, tun sie dies abends, wenn die Kinder im Bett liegen.

„Wir sind im Durchschnitt drei bis vier Mal die Woche hier, um zu sortieren. Das dauert schon mal bis 23 Uhr. Und am Wochenende sind wir auch unterwegs“, erklärt Fabienne Matagne.

Mit dem Lastwagen nach Bitburg

Unterstützt werden auch Initiativen in Luxemburg, wie zum Beispiel die Aktion "Schung fir de Kleeschen" vom Motoklub Kayldall.
Unterstützt werden auch Initiativen in Luxemburg, wie zum Beispiel die Aktion "Schung fir de Kleeschen" vom Motoklub Kayldall.
Foto: Pierre Matgé

Dies mit einem Lastwagen, der spontan von einer Frau, die eine Firma leitet, zur Verfügung gestellt wurde. Wie immer lief das Ganze ziemlich unkompliziert ab. Die Frau war eigentlich nur gekommen, um Kleider abzugeben. Der Treibstoff wird aus der eigenen Tasche finanziert.

So waren einige der Mütter bereits in Bitburg, wo auf dem früheren Flugplatz ein Zeltquartier für Flüchtlinge eingerichtet wurde. „Wir wollen nicht die Sachen einfach irgendwo abgeben. Uns ist wichtig, dass die Flüchtlinge sehen, dass es persönliche Leute und nicht nur professionelle Hilfsorganisationen sind, die ihnen helfen wollen.“


Für die Zukunft erhofft sich Fabienne Matagne, auf eine permanente Struktur zurückgreifen zu können.
Für die Zukunft erhofft sich Fabienne Matagne, auf eine permanente Struktur zurückgreifen zu können.
Foto: Pierre Matgé

Der Traum einer festen Bleibe

In Luxemburg konnten mit einigen Flüchtlingsheimen gute Verbindungen geknüpft werden. „Wenn dort eine Familie ankommt, sagen die Verantwortlichen uns was sie benötigen und wir bringen es“. Auch Aktionen für luxemburgische Bedürftige werden unterstützt. Weiter erhofft sich Fabienne Matagne einen festen Ort um sich niederlassen zu können.

Denn den Bauernhof in Niederanven, der ihnen von der Gemeinde zur Verfügung gestellt wurde, müssen sie in etwa einem halben Jahr wieder verlassen. Er soll abgerissen werden.

„In einer anderen Struktur könnten wir auch Flüchtlinge empfangen und eine Tasse Kaffee anbieten.“ Doch sie wird aus ihren Träume gerissen, als es wieder an der Tür klopft. Die Nachbarin ist zurück – mit einem Karton voller gebrauchter Kleider.


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