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Mordprozess: Ein Missverständnis mit Folgen
Lokales 3 Min. 10.10.2019

Mordprozess: Ein Missverständnis mit Folgen

Am 9. November 2016 wird in Leudelingen ein Mann und am 13. November in Strassen (Foto) eine Frau erschossen. Zwei Tatverdächtige beschuldigen sich gegenseitig, der Todesschütze zu sein.

Mordprozess: Ein Missverständnis mit Folgen

Am 9. November 2016 wird in Leudelingen ein Mann und am 13. November in Strassen (Foto) eine Frau erschossen. Zwei Tatverdächtige beschuldigen sich gegenseitig, der Todesschütze zu sein.
Foto: Steve Remesch / LW-Archiv
Lokales 3 Min. 10.10.2019

Mordprozess: Ein Missverständnis mit Folgen

Im Prozess um die zwei Morde im November 2016 in Leudelingen und Strassen stellte am Donnerstag die Interpretation eines einzigen Wortes die gesamte bisherige Tathypothese infrage.

(str) - „Vorn“ ist ein Adverb, dessen Bedeutung üblicherweise nicht zu viele Fragen aufwirft: Um es einfach zu halten, vorn ist das Gegenteil von hinten und laut Duden bedeutetet es „auf der zugewandten, vorderen Seite, Vorderseite, im vorderen Teil“.

Im Prozess um die Morde an einem 36-jährigen Mann in Leudelingen und an einer 27-jährigen Frau in Strassen im November 2016, ist die Bezeichnung nun aber zum Schlüsselelement geworden – mit möglicherweise weitreichenden Konsequenzen für einen der beiden Angeklagten.


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Am dritten Verhandlungstag war am Donnerstag nämlich unter anderem ein anerkannter französischer Blutspurenexperte vorgeladen, der die Asservaten aus dem Mordprozess untersucht hatte. Sein Abschlussbericht, den die Anwälte im Prozess auf ihren Tischen liegen hatten, füllt für sich selbst einen ganzen Ordner.

Blutspuren unter der Lupe

Von ihm untersucht wurden die Blutspuren im Tatfahrzeug, einer Mercedes A-Klasse, in der beide Morde geschahen, die Kleidung beider Opfer, ein Regenschirm und ein blauweißes Handtuch mit Blutspuren der 27-jährigen Frau, ein grüner Lappen mit Blutspuren des 36-jährigen Mannes sowie eine graue ärmellose Weste und eine Jeanshose, die im Kofferraum des Wagens gefunden und von der DNS-Expertin dem Angeklagten Lee K. zugeordnet wurden. Dazu kommt eine blutgetränkte Fußmatte aus dem hinteren Teil des Mercedes.

Den drei letztgenannten Gegenständen wird eine entscheidende Rolle zukommen. Der schriftliche Bericht lässt nämlich die Tathypothese zu, dass der Träger der Hose und der Weste wohl der Todesschütze vom Rücksitz war. Beide Beschuldigte gaben zudem an, dass das Opfer auf dem Beifahrersitz des Mercedes saß, als es vom jeweils anderen vom Rücksitz aus getötet wurde.


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Dem Bericht nach waren die Blutspuren von vorne auf die Weste und etwas seitlich auf das rechte Hosenbein gespritzt. Lee K. wäre damit als Täter überführt.

In seiner Aussage vor der Kriminalkammer war der Experte gestern dann aber formell, dass sich der Träger der Kleider beim Schuss auf gleicher Höhe wie das Opfer befand. Daraus ergibt sich eine Tathypothese, die im strikten Widerspruch zur bisherigen steht: Demzufolge wäre Lee K. der Fahrer und der Mitangeklagte Alden S. der Todesschütze.

Darstellung mit Ungereimtheiten

Doch diese Darstellung hat zwei Haken. Auf dem linken Hosenbein von Lee K. befinden sich keine Blutspritzer, sondern Blutstropfen. Die Kopfwunde des Opfers muss sich also kurze Zeit über dessen Bein befunden haben. Die Tatrekonstruktion hatte aber während der Ermittlungen gezeigt, dass dies auf dem Fahrersitz wegen der Mittelkonsole nicht möglich ist.


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Eine zweite Ungereimtheit ergibt sich aus der blutgetränkten Fußmatte, welche die Täter in einer Mülltonne entlang der N5 entsorgt hatten. Beide Beschuldigte, die sich gegenseitig als Schützen beschuldigten, betonten stets, die Matten nicht bewegt zu haben und, dass sich das Opfer Emeka O. nie im hinteren Teil des Fahrzeugs befand. Für den Experten steht aber außer Zweifel, dass es einen direkten Kontakt zwischen dem Opfer und dem Teppich gab.

Position des Schützen entscheidend

Dazu kommt, dass die Waffe beim Schuss links am Hinterkopf des Opfers aufgesetzt war und die Kugel nicht wieder aus dem Kopf austrat. Deswegen gibt es nur wenige Blutspuren im Fahrzeuginnern. In der Folge führt dies aber auch dazu, dass der Gutachter nicht bestimmen kann, wo genau der Schuss abgefeuert wurde.


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An diesem Punkt wird im Prozess deutlich, dass es bei den Blutspritzern auf der Weste von Lee K. ein Missverständnis gab. „Vorne“ wurde bislang stets als der Bereich direkt vor dem Körper verstanden. Nun zeigt sich aber: Der Experte meinte das gesamte Spektrum von 180 Grad.

Es ist demnach entgegen der Aussage der beiden Beschuldigten sehr wohl möglich, dass sich Emeka O. auf der Rückbank des Mercedes befand, als er getötet wurde. Da der Schuss während der Fahrt abgefeuert wurde und Lee K. sich bei der Schussabgabe auf gleicher Höhe wie das Opfer befand, muss er in dieser Hypothese der Mörder sein.


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Um diesen überraschenden Entwicklungen nachzugehen, hat die vorsitzende Richterin für kommenden Mittwoch einen Ortstermin mit dem Experten und dem Tatfahrzeug angeordnet.

Am Freitag- und am Dienstagvormittag wird der Prozess indes mit den Ausführungen des leitenden Ermittlers fortgesetzt.


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