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Missbrauchsprozess gegen Pfarrer: Aussage gegen Aussage
Lokales 3 Min. 15.11.2016 Aus unserem online-Archiv

Missbrauchsprozess gegen Pfarrer: Aussage gegen Aussage

Missbrauchsprozess gegen Pfarrer: Aussage gegen Aussage

Foto: LW-Archiv/Marc Wilwert
Lokales 3 Min. 15.11.2016 Aus unserem online-Archiv

Missbrauchsprozess gegen Pfarrer: Aussage gegen Aussage

Michel THIEL
Michel THIEL
Ein ehemaliger Seelsorger aus Belair steht wegen der Vergewaltigung eines Minderjährigen vor Gericht. Die Verteidigung begann schon in der ersten Sitzung damit, die Glaubwürdigkeit des Opfers in Zweifel zu ziehen.

(mth) - Gleich zum Auftakt des Prozesses gegen den 59-jährigen Priester aus Belair, der wegen Vergewaltigung eines Minderjährigen angeklagt ist, zeigte sich, dass die Aussagen des mutmaßlichen Opfers und des Angeklagten in wichtigen Punkten nicht übereinstimmen.

Dabei ist der Hintergrund der Affäre, so wie dieser in der Hauptsache von beiden Parteien dargestellt wird, schnell wiederzugeben. Die Handlungen, wegen der Emile A. auf der Anklagebank sitzt, ereignete sich zwischen dem 6. und 8. November 2008 während einer Pilgerreise nach Taizé (F).

Übereinstimmenden Aussagen beider Parteien zufolge teilte der Angeklagte während zwei Nächten ein Zimmer mit dem mutmaßlichen Opfer, welches zu diesem Zeitpunkt dreizehneinhalb Jahre alt war. Im Laufe des Abends sei es zu sexuellen Annäherungen gekommen, welche in gegenseitiger Masturbation sowie Fellatio gipfelten.

Wie und warum es zu diesem sexuellen Kontakt gekommen ist, darüber gehen die Aussagen des Angeklagten sowie des Opfers auseinander. Während der heute 59-jährige Pfarrer gegenüber der Kriminalpolizei aussagte, dass der Jugendliche die Initiative ergriffen habe und ihn bereits in den Wochen zuvor sexuell provoziert habe, sagte das Opfer aus, dass Emile A. derjenige gewesen sei, der sich ihm sexuell angenähert habe.

Glaubwürdigkeit der Aussagen im Fokus der Verhandlung

Demnach steht  Aussage gegen Aussage und es wird im Endeffekt im Ermessen der Richter liegen, welchen Aussagen die meiste Glaubwürdigkeit zuzusprechen ist. Dabei dürften nicht zuletzt die Aussagen von nicht weniger als 15 einberufenen Zeugen eine wesentliche Rolle spielen.

Der Angeklagte hat in weiten Teilen ein Geständnis abgelegt, was einen Teil der sexuellen Interaktion angeht. Er bestritt jedoch am Dienstagmorgen vor Gericht erneut, dass es zum Fellatio gekommen sei - eine Handlung, die laut luxemburgischem Strafgesetz als Vergewaltigung zu werten ist, da sie mit einer Penetration verbunden ist. Wegen der übrigen - nicht bestrittenen - sexuellen Handlungen muss A. sich nicht vor Gericht verantworten, da die Ratskammer des Berufungsgerichts diese Handlungen im Vorfeld als verjährt erachtet hatte und die diesbezügliche Anklage fallen gelassen wurde.

Der Anwalt des suspendierten Seelsorgers, Me Gaston Vogel, zog bereits am ersten von voraussichtlich vier Verhandlungstagen die Darstellung der Staatsanwaltschaft sowie die Glaubwürdigkeit des Hauptzeugen und mutmaßlichen Opfers in Zweifel. Der Junge sei von seinen damaligen Klassenkameraden als „eigenbrötlerisch, unbeliebt und nicht vertrauenswürdig“ bezeichnet worden.

Videovernehmung soll vorgeführt werden

Eine Darstellung, die allerdings nicht dem psychologischen Profil des Opfers entspricht, welches ein Gutachter vor Gericht erläuterte. Demnach sei der junge Mann zwar als zurückhaltend, aber durchaus glaubwürdig einzuschätzen. Der junge Mann habe zudem bei seiner Vernehmung darauf bestanden, dass er die sexuellen Handlungen zunächst zwar toleriert, wenn auch nicht initiiert habe. Laut Gutachter eine glaubwürdige Aussage, da das Opfer zudem kein Motiv habe, dem Angeklagten durch eine Falschaussage schaden zu wollen.

Das Opfer sei im Nachhinein jedoch nicht mit dem Erlebten klar gekommen und zeige Anzeichen posttraumatischer Verdrängung sowie einer depressiven Verstimmung. Der Angeklagte dagegen blieb bei seiner Darstellung, der Junge habe ihn bereits im Vorfeld des Zwischenfalls in Frankreich wiederholt sexuell provoziert, wenn nicht „angemacht“.

Am Mittwoch will sich das Gericht anhand einer Videoaufnahme der Vernehmung des jungen Mannes ein Bild von dessen Aussagen machen. Die Vorführung könnte dabei unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen, wie es bei sexuellen Missbrauchsprozessen mit minderjährigen Opfern nicht unüblich ist.

Für größere Diskussionen sorgte dann noch die Tatsache, dass rund 50 schriftliche Aussagen von Leumundszeugen vorliegen, die das moralisch einwandfreie Verhalten von Emile A. belegen sollen. Es stellte sich jedoch heraus, dass diese offenbar allesamt auf der gleichen Vorlage basieren und ihr Wert somit zweifelhaft ist.


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