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Missbrauch in der Mittagspause
Lokales 3 Min. 05.10.2019

Missbrauch in der Mittagspause

Missbrauch in der Mittagspause

Foto: Pierre Matgé
Lokales 3 Min. 05.10.2019

Missbrauch in der Mittagspause

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Neun Jahre Haft fordert die Staatsanwaltschaft gegen einen Mann, dem vorgeworfen wird, seine zehnjährige Stieftochter zwei Jahre lang missbraucht und vergewaltigt zu haben.

Immer, wenn seine zehnjährige Stieftochter über Mittag allein zu Hause ist, kommt er in die Wohnung, missbraucht und vergewaltigt sie. Zwei Jahre lang, jede Woche und oftmals jeden Tag. Als sich die Tochter ihrer Mutter anvertraut, glaubt diese ihr nicht – so, wie der Stiefvater es dem Kind stets vorausgesagt hatte.

Jahre später, nach ihrem 18. Geburtstag, geht sie zur Polizei, erläutert diesen Sachverhalt und erstattet Strafanzeige. Das ist möglich, weil bei Sexualdelikten gegenüber Minderjährigen die Verjährungsfrist von fünf Jahren erst mit dem 18. Lebensjahr anfängt.

Der Stiefvater bestreitet alle Vorwürfe. Er gibt bei der Polizei lediglich zu, seine Stieftochter mal an der Brust gestreichelt zu haben, aber immer nur, wenn auch andere Menschen dabei gewesen seien. Das sei ja nichts anderes, als ihr durch die Haare zu streichen.

Prozess in Abwesenheit

Zum Prozess, zu dem es nun weitere vier Jahre später kommt, erscheint er nicht, lässt sich auch nicht von einem Anwalt vertreten. Die Vorladung ist aber zugestellt worden, somit findet der Prozess ohne ihn statt. Par défaut, so lautet die juristische Bezeichnung. Damit hat der Angeklagte im Prinzip die Möglichkeit verspielt, dass bei einer Verurteilung seine Strafe oder ein Teil davon zur Bewährung ausgesetzt wird.

Das mutmaßliche Opfer, inzwischen Anfang 20, ist bei seiner Darstellung stets konstant und kohärent geblieben. Das halten sowohl die Kriminalermittlerin wie auch ein psychiatrischer Gutachter fest, der ihr im Prozess eine hohe Glaubwürdigkeit attestiert.

Kein Huis clos

Sie selbst ist gefasst, als sie vor die vorsitzende Richterin der Kriminalkammer tritt. Als diese ihr den Huis clos anbietet, die Möglichkeit, hinter verschlossenen Türen auszusagen, lehnt sie ab. Es ist offensichtlich, sie will schildern, was sie erlebt hat. Sie will, dass der Täter seine Strafe erhält. Im Zeugenstand gibt sie klare Antworten auf präzise Fragen. Sie erzählt, wie er sie mit den Fingern angefasst hat, sie ins Zimmer der Mutter trug, sie dort auszog und mit den Fingern penetrierte.

Erst als die Richterin sie fragt, ob sie sich denn nicht gewehrt habe, bricht sie in Tränen aus. „Er hatte Kraft, ich konnte nichts tun“, schluchzt sie. Ebenso, als die Richterin sie fragt, ob sie ihm denn nicht gesagt habe, dass er ihr wehtue.

„Ihm war das egal“

„Doch“, entgegnet sie, „ihm war das aber egal, er hat einfach weitergemacht.“ Wie sehr ihr ihre Wehrlosigkeit auch nach mehr als zehn Jahren zu schaffen macht, ist im Gerichtssaal spürbar. Mehrfach habe der Stiefvater zudem versucht, sie mit seinem Geschlechtsteil zu penetrieren. Doch sie habe sich dabei so sehr widersetzt, dass dies nicht gelang.

Erst im Alter von zwölf Jahren gelingt es dem Mädchen, sich ihrem Stiefvater zu entziehen: Sie sorgt dafür, dass er nie wieder alleine mit ihr ist: Nach der Schule spielt sie nun jeden Tag Fußball.

Die Mutter glaubt ihr nicht

Dabei hat sie sich ihrer Mutter anvertraut, ihr von den Taten des Stiefvaters erzählt. Die Mutter stellt ihren Lebensgefährten zur Rede. Doch der weist die Vorwürfe schlicht und einfach zurück. Zudem erklärt er, die Tochter habe ihm Avancen gemacht, nicht umgekehrt. Die Mutter glaubt dem Mann, nicht ihrer eigenen Tochter. Später wird diese deswegen den Kontakt zu ihrer Familie abbrechen.

Im Zeugenstand erzählt die junge Frau dann, dass sie jüngst erfahren habe, dass die Mutter inzwischen bei der Polizei Anzeige gegen ihren Lebensgefährten erstattet habe: wegen sexuellen Missbrauchs an der jüngeren Schwester. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft hat über diese neueste Entwicklung keine Kenntnis.


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Sie hebt in ihrem Strafantrag mehrfach die Glaubwürdigkeit der Aussagen der Klägerin hervor. Für den Tatvorwurf der unsittlichen Berührung, der versuchten Vergewaltigung und der Vergewaltigung eines Kindes von unter 14 Jahren und unter dem erschwerenden Umstand, dass der Angeklagte die Aufsicht über das Kind hatte, sehe das Gesetz eine Haftstrafe von zwölf bis 15 Jahren vor.

Angesichts der Tatsache, dass der Mann bislang nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten sei, fordert sie schließlich eine Haftstrafe von neun Jahren.

15.000 Euro Schadenersatz

Das mutmaßliche Opfer, dem ein Gerichtsgutachter in der Glaubwürdigkeitsexpertise posttraumatische Symptome wie Unsicherheit, Angstzustände, Depressionen, Schlafstörungen und Albträume bescheinigt hatte, beantragt als Nebenklägerin zudem Schadenersatz in Höhe von 15 000 Euro. Das Urteil der Kriminalkammer ergeht am 23. Oktober.


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