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"Solidarität ist der Grund, weshalb ich hier nicht wegziehen will“
Lokales 2 7 Min. 14.01.2022
Mersch sechs Monate nach der Flut

"Solidarität ist der Grund, weshalb ich hier nicht wegziehen will“

Mersch liegt am Zusammenfluss der Alzette, der Eich und der Mamer. Alle drei Flüsse erreichten am 15. Juli 2021 Rekord-Pegelstände.
Mersch sechs Monate nach der Flut

"Solidarität ist der Grund, weshalb ich hier nicht wegziehen will“

Mersch liegt am Zusammenfluss der Alzette, der Eich und der Mamer. Alle drei Flüsse erreichten am 15. Juli 2021 Rekord-Pegelstände.
Foto: Nico Lucas
Lokales 2 7 Min. 14.01.2022
Mersch sechs Monate nach der Flut

"Solidarität ist der Grund, weshalb ich hier nicht wegziehen will“

Jean-Philippe SCHMIT
Jean-Philippe SCHMIT
Im Juli 2021 stand Mersch meterhoch unter Wasser. Sechs Monate später bleiben die Erinnerungen an die Solidarität.

„Seit 34 Jahren lebe ich in Mersch“, sagt Rachel Léonard. Die Rentnerin hat schon viele Hochwasser erlebt. „Mein Keller stand bereits vier Mal unter Wasser. Doch so schlimm wie im Sommer 2021 war das Hochwasser noch nie.“ 

Das Regenwasser, das über dem gesamten Südwesten Luxemburgs niedergeht, mündet (mit Ausnahme der Korn) in der Alzette und passiert so Mersch. In der Stadt fließt zuerst die Mamer, dann die Eich in die Alzette. Laut Hochwassermeldedienst erreichten alle drei Flüsse ihren historisch höchsten Pegelstand am Donnerstag, dem 15. Juli 2021

Anfang Januar 2022 ist die Alzette kurzzeitig wieder über ihre Ufer getreten.
Anfang Januar 2022 ist die Alzette kurzzeitig wieder über ihre Ufer getreten.
Foto: Gerry Huberty

„Das Wasser ist extrem schnell gestiegen“, erklärt André Kaluza, von Service technique der Gemeinde Mersch. Der Pegelstand der Alzette bereitete bereits am Vorabend ab 17.30 Uhr die ersten Sorgen. Ab einem Wasserstand von 320 Zentimetern beginnt das Wasser, in den Park einzudringen. 

Dieser musste geschlossen werden, was aber öfters vorkomme. „Eine Funktion des Parks ist es, bei Starkregen Wasser aufzunehmen“, erklärt André Kaluza. Als die Alzette über die Alarmschwelle von vier Metern trat, erreichte das Wasser die ersten Parkplätze. „Bei 425 Zentimetern beginnt es für einige Einwohner kritisch zu werden“, erklärt der Gemeindemitarbeiter. Das war gegen Abend der Fall. 

Hamsterkäufe beim Bäcker und Metzger

„Als die Gemeinde dazu aufrief, die Autos aus dem Zentrum zu entfernen, machte es bei mir tilt“, erinnert sich Rachel Léonard. Ihr wurde der Ernst der Lage bewusst und sie erwartete eine neue Flut für die kommenden Stunden. Als Vorbereitung für die große Welle ging sie einkaufen. „Ich war beim Bäcker und beim Metzger“, erinnert sie sich. Daheim angekommen wurde die Waschmaschine aus dem Keller geholt. Danach kehrte vorerst Ruhe ein. 

Gegen 22 Uhr begann ihr Keller vollzulaufen. Fünf nervenaufreibende Stunden später – der Keller war mittlerweile voll – floss das Wasser über die Straße. Als am Donnerstag, dem 15. Juli, der Tag anbrach, stand das Zentrum von Mersch anderthalb Meter unter Wasser. Der Pegelstand in Rachel Léonards Erdgeschoss betrug 20 Zentimeter. Mittlerweile war der Strom ausgeschaltet. „Wir trugen Gummistiefel in unsere Wohnung“, erinnert sich Rachel Léonard. 

Sechs Monate danach sind die sichtbaren Folgen der Flut aus dem Stadtbild von Mersch verschwunden. Ganz vergessen sind sie jedoch nicht. Denn wie es im Inneren von einigen Gebäuden aussieht, zeigt das Foto nicht. Noch immer warten Einwohner auf den Abschluss der Renovierungsarbeiten.
Vergleich zwischen dem 15. Juli 2021 und dem 12. Januar 2022.
Foto: Nico Lucas

1.500 Einwohner vom Hochwasser betroffen

Die Rettungskräfte evakuierten die Einwohner per Boot. „Es gab Strudel, die selbst für die Feuerwehr gefährlich waren“, meint Rachel Léonard. Dann wurde versucht, mit einem schweren Lastwagen in ihre Straße einzufahren, doch selbst dieser schaffte es nicht durch die Wassermassen. „Wir blieben zu Hause“, erklärt die Einwohnerin. Die Feuerwehr brachte das Essen per Boot. „Wir hatten ja auch genügend Vorräte“, so die Eingeschlossene, die ihre Geschichte erstaunlich gelassen erzählt. 

Das Zentrum von Mersch stand nicht das erste Mal unter Wasser. Was allerdings im Hochsommer 2021 an Wassermassen vom Himmel fiel, hatte Mersch bis dahin noch nie erlebt. Die Hochwasserzeit setzt in der Regel im Frühjahr, mit der Schneeschmelze, ein, nicht im Hochsommer. „In der Regel verwandeln sich kleine Bäche auch nicht in reißende Ströme“, erklärt Kaluza. 

Am 25. August zog die Gemeinde Bilanz. Die Alzette war bis auf fast sechs Meter gestiegen, das Zehnfache des Normalstandes und einen halben Meter über dem alten Rekord. 1.500 Einwohner waren vom Hochwasser betroffen. Dazu zahlreiche Geschäfte, Restaurants, Büros – selbst eine Apotheke, eine Bank und das Postamt waren nicht mehr zu erreichen. 200 Autos wurden zerstört oder kamen zu Schaden. 365 Tonnen Sperrmüll mussten weggeräumt werden.

Lieferservice per Boot 

Die Reparaturkosten für die Infrastrukturen der Gemeinde wurden zuerst auf drei Millionen Euro geschätzt. „Wenn alle Arbeiten bis abgeschlossen sind, können es auch vier Millionen sein“, meint André Kaluza. „Dazu kommen die Schäden bei Privatleuten und Geschäften.“ 

„Insgesamt wird die Flut mich rund 100.000 Euro kosten“, rechnet Rachel Léonard vor. Die Versicherung zahle. Der größte Posten sei die neue Heizung. Die alte Ölheizung überlebte die Flut nicht. „Im Moment heize ich immer noch mit einer provisorischen Lösung“, erzählt sie. 

In ihrer Straße sei der gesamte Sperrmüll innerhalb eines Tages weggeräumt worden. „Jeder, wirklich jeder kam, um zu helfen.“ Das bestätigte auch der Gemeindemitarbeiter. Andere Gemeinden und private Bauunternehmen schickten Maschinen und Hilfskräfte nach Mersch, „ohne deren Hilfe hätten wir es nicht so schnell geschafft.“ Spätestens nach zwei Wochen waren alle sichtbaren Spuren der Flut aus dem Stadtbild verschwunden. 

Um die Schäden im Inneren der Gebäude zu beheben, sollte es deutlich länger dauern. Im Damenmodegeschäft Hoffmann-Thill stand das Wasser bis an die Ladentheke. „Unser Lager befindet sich im Keller“, betont Jean-Paul Herber, der Inhaber des Familienunternehmens. „Während des Lockdowns wurde die Frühlingsware nicht gebraucht.“ Sie wurde eingelagert. 

Marc und Jean-Paul Herber im Damenmodegeschäft Hoffmann-Thill.
Marc und Jean-Paul Herber im Damenmodegeschäft Hoffmann-Thill.
Foto: Anouk Antony

In der Nacht, als die Flut kam, wurde der Unternehmer gegen 3 Uhr von der Feuerwehr aus dem Schlaf gerissen. „Ich habe schnell Gummistiefel angezogen, eine Jacke über meinen Pyjama geworfen und bin zum Laden gelaufen“, erinnert er sich heute. In den folgenden drei Stunden wurde das Unmögliche versucht: Das Wasser aus dem Laden fernzuhalten. 

„Gegen 6 Uhr wurde der bisherige Rekord-Pegelstand gebrochen“, erklärt Kaluza. Zur gleichen Zeit kam die Feuerwehr wieder beim Kleidergeschäft der Familie Herber vorbei. „Kommt aus dem Keller heraus“, lautete der Befehl. Es werde ansonsten zu gefährlich. Der Kampf gegen die Wassermassen musste aufgegeben werden. 

Ungewöhnliche Dauer des Hochwassers

„Bis dass das Wasser den Höchststand erreicht hat, kann man nichts machen“, bekräftigt Kaluza. „Wir hatten sehr viel Glück, dass bei der Flut niemand umgekommen ist“, meint er. Die Strömung sei stellenweise so stark gewesen, dass alles mitgerissen wurde. Dazu komme das Risiko von Kurzschlüssen und Stromschlägen. 

Aus diesem Grund wurde der Strom in Mersch abgeschaltet, als das Wasser kam. Während einiger Tage harrten Einwohner, die nicht evakuiert werden wollten, ohne elektrisches Licht aus. „Die Trinkwasserversorgung war zu jedem Moment sichergestellt“, beruhigt André Kaluza. „Die Dauer des Hochwassers war auch sehr ungewöhnlich“, erklärt Kaluza. Während zwei Tagen lag der Pegelstand über der Alarmschwelle von vier Metern. 

Die Flut verwandelte das Lager in eine Tropfsteinhöhle.
Die Flut verwandelte das Lager in eine Tropfsteinhöhle.
Foto: Marc Herber

Als das Wasser endlich wieder abgeflossen war, galt es, viele Keller leer zu pumpen, so auch beim Damenmodegeschäft Hoffmann Thill. Ein Landwirt aus der Gegend kam mit einer am Traktor angeschlossenen Wasserpumpe vorbei und sorgte dafür, dass das Wasser wieder aus dem Keller herauskam. 

Als Jean-Paul Herber das Lager wieder betreten konnte, erschrak er. „Totaler Schlamm und Matsch, der Keller war eine wahre Tropfsteinhöhle“, erinnert er sich. „Allerhöchste Schimmelgefahr.“ Die eingelagerte Frühjahrskollektion war hin. Der Unternehmer blieb zum größten Teil auf dem Schaden sitzen. „Wir leben ja in einem Überschwemmungsgebiet.“ 

Welle der Solidarität 

Das Geschäft blieb während einiger Monate ganz geschlossen. Das war die Zeit, während der die Waschmaschinen in und um Mersch heiß liefen. „Wir haben uns dazu entschlossen, das zu retten, was noch zu retten ist“, erklärt Marc Herber, der Sohn. Die durchnässten und verschlammten Kleidungsstücke wurden gewaschen und getrocknet. Nachdem der Kleiderberg wieder sauber war, kam er wieder in den Laden. „Während zwei Wochen haben wir ein Outlet eingerichtet“, erklärt Marc Herber. Die aufbereitete Hochwasserkollektion wurde zu günstigen Preisen abverkauft. 

Alle Betroffenen berichten über die Welle der Solidarität, die nach der Flut über Mersch schwappte. Es gab die Restaurants, die die Rettungskräfte und Eingeschlossenen mit Mahlzeiten versorgten, es gab die Bauunternehmen, die mit schwerem Gerät halfen, den Sperrmüll in Rekordzeit wegzuräumen. „Insgesamt haben 15 Gemeinden ihre Hilfe angeboten“, erinnert sich André Kaluza. „Was den Betroffenen und den Helfern besonders gut getan hatte, war das gratis Konzert, das einige Tage später in aller Eile organisiert wurde. 

Serge Tonnar gab nach der Flut ein Benefizkonzert im Park.
Serge Tonnar gab nach der Flut ein Benefizkonzert im Park.
Foto: Christian Mohr / Gemeinde Mersch

„Serge Tonnar stammt ja auch aus Mersch“, erklärt Christian Mohr von der Gemeinde Mersch. Nachdem der gröbste Dreck weggeräumt war, traf sich die gesamte Flutgemeinschaft beim Benefizkonzert im Park. Immerhin knapp 1.200 Euro sind so für die Spendenkasse zusammengekommen. Diese Solidarität ist den meisten Betroffenen in bleibender Erinnerung geblieben. 

„Die Solidarität ist auch der Grund, weshalb ich nicht aus Mersch wegziehen will“, meint Rachel Léonard. Der Gedanke sei ihr bereits mehrmals gekommen, doch sie habe sich dagegen entschieden. Seit der letzten Flut habe sie ihre eigene Wasserpumpe nicht mehr weggeräumt. „Sie ist immer noch angeschlossen und ist stets bereit.“ 

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Lokaels, Hochwasser,Überschwemmungen im Alzettetal hier.Mersch,Park.Foto: Gerry Huberty/Luxemburger Wort