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Mensch im Mittelpunkt: Mit Musik geht alles besser
 Roby Schiltz an der Orgel der Wasserbilliger Kirche.

Mensch im Mittelpunkt: Mit Musik geht alles besser

Foto: Caroline Martin
Roby Schiltz an der Orgel der Wasserbilliger Kirche.
Lokales 5 Min. 26.01.2018

Mensch im Mittelpunkt: Mit Musik geht alles besser

Teddy JAANS
Teddy JAANS
Roby Schiltz hört nicht auf, sich für den Chorgesang einzusetzen – und unterrichtet mit 70 Jahren wieder an der Schule.

(vb) - Der ausgebildete Sänger und Chorleiter Roby Schiltz aus Wasserbillig ist noch mit 70 Jahren begehrt. Er springt ein, wenn Not am Mann ist – seit einigen Wochen auch in der Grundschule. 

Roby Schiltz sitzt an der Orgel der Wasserbilliger Kirche. Seine Finger huschen über die Tasten – es erklingt ein barocker Orgelchoral. Dann schaut er auf und wechselt ein paar Worte mit der Fotografin. Ohne Unterbrechung spielen die Finger weiter, ohne Noten, ohne, dass er auf das Manual schaut. „Das habe ich schon als Schüler geübt. Ich habe im Unterricht mit den Fingern lautlos auf dem Pult gespielt, und wenn ich einen Fehler gemacht habe, habe ich das Stück noch einmal von vorne angefangen.“ Der 70 Jahre alte Roby Schiltz ist ein Mensch, der für die Musik lebt. Die Liebe zu Melodien und Klängen begann schon in der Grundschulzeit. Sein Vater war Vizepräsident des Männerchores „Sängerbond Museldall“ und nahm den Sohn zu den Proben mit. 

Kinder muss man ernst nehmen und man muss hart mit ihnen arbeiten.

Weil der Junge ein außergewöhnliches Interesse zeigte, brachte ihm der Chorleiter vor den Proben die Notenschrift bei und erteilte Klavierunterricht. Eine grundlegende Ausbildung am Klavier und der Orgel bekam er dann im bischöflichen Konvikt.

Ensemble besteht seit 50 Jahren

Bereits in der 6e war der fleißige Schüler dann so weit, dass er in Berdorf einen frei gewordenen Posten als Organist in der dortigen Pfarrkirche annahm.

Foto: Caroline Martin

„Nach einiger Zeit hat sich herausgestellt, dass einige Leute aus Berdorf Freude am Gesang hatten“, erinnert sich Roby Schiltz. Nach mehreren Treffen entstand die Gruppierung „Double quatuor mixte“. Das Vokalensemble gibt es übrigens bis heute – und noch immer ist der begeisterte Sänger Roby Schiltz mit dabei. Er freut sich bereits jetzt auf das 50. Jubiläum der Formation, die nach mehreren Umbenennungen „Ambitus“ heißt.

Unzählige Male hat Roby Schiltz in den letzten 50 Jahren die Fahrt von seinem Heimatort Wasserbillig nach Berdorf unternommen – Jahre, in denen er als Sänger und Musiker gereift ist. Nach dem Studium am Institut pédagogique studiert er Schulmusik in Köln und schreibt sich nach dem Berufseinstieg am hauptstädtischen Konservatorium für Chorleitung und Gesang ein. „Beides habe ich mit dem ersten Preis abgeschlossen“, grinst Roby Schiltz mit kaum verhohlenem Stolz. Parallel dazu läuft das Studium der Grundschulpädagogik.

In Wasserbillig dirigierte er den „Sängerbond Museldall“, in Grevenmacher die „Chorale municipale“ und perfektionierte seine Fähigkeiten durch Studienaufenthalte in Frankreich. In Luxemburg traf er auf den Komponisten und Dirigenten Pierre Cao und sein „Ensemble vocal du Luxembourg“ und belegt Chorleitung bei ihm. „Pierre Cao hat mich wohl am meisten beeinflusst“, sagt Schiltz heute. „Seine Begeisterung für die menschliche Stimme ist auf mich übergesprungen.“Missionar für den ChorgesangIn seinem Hauptberuf als Lehrer an der Primärschule in Wasserbillig sah sich Roby Schiltz auch immer als Missionar für den Chorgesang.

Den Musikunterricht bei ihm muss man sich als mitreißend, aber durchaus anspruchsvoll vorstellen. Roby Schiltz folgt da ganz der Linie von Scott Alan Prouty, einem US-amerikanischen Sänger, der in Frankreich den Kinderchor „Sotto Voce“ aufgebaut hat. „Von ihm habe ich übernommen, dass man Kinder ernst nehmen muss. Dass man auf Details achtgeben muss und ihnen beibringt: für einen musikalischen Erfolg muss man vorher hart arbeiten.“ Wenn der pensionierte Lehrer auf den heutigen Schulunterricht zu sprechen kommt, ist ein tiefer Seufzer zu hören.

Foto: Caroline Martin

Das Fach Musik – mit nur einer Stunde pro Woche – werde wie ein Stiefkind behandelt, meint er. Gerade an Grundschulen, wo die Lehrer Generalisten seien, fühlten sich viele Kollegen, die keinen besonderen Draht zur Musik hätten, unwohl mit diesem Schulfach. Für Schiltz liegt es auf der Hand: „In der Grundschule, aber auch in den Familien, müsste mehr gesungen werden. “Vor zehn Jahren, Roby Schiltz ist 60 Jahre alt, setzt ein einziger Tag seinem Berufsleben ein Ende.

Er ist gerade in München und hilft einem Verwandten beim Umzug, als ihm plötzlich schwarz vor Augen wird. Es sind die Spätfolgen eines Autounfalls in jungen Jahren, bei dem eine Hauptschlagader in seinem linken Bein beschädigt wird. Damals hatten die Ärzte die Engstelle mit zwei anderen Adern überbrückt, so dass Roby Schiltz viele Jahre ohne Beschwerden leben kann. An diesem Tag in München versagen die zwei Bypass-Adern ganz plötzlich, so dass das Bein nicht mehr durchblutet wird.

Als ich an mir herunter-geblickt habe, war das Bein weg.

Mit Blaulicht und Sirene wird Schiltz in eine Klinik gebracht, er ist nicht mehr bei Bewusstsein. Deshalb muss seine Frau eine grausame Entscheidung treffen. Die Ärzte sagen ihr: Das Bein muss amputiert werden oder es droht der Tod. Als Roby Schiltz aufwacht, ist von seinem linken Bein nur noch ein Stumpf übrig. „Als ich an mir heruntergeblickt habe, war das Bein weg. Ich bin in Tränen ausgebrochen“, sagt Schiltz heute.

Mittlerweile hat er sich an die Hightechprothese gewöhnt. Wegen der Elektronik, die darin eingebaut ist, muss er sie in feuchter Umgebung – etwa unter der Dusche oder im Schwimmbad – abnehmen. Im ersten halben Jahr nach der Amputation lassen ihm Phantomschmerzen keine Ruhe, doch eine neuartige Therapie bringt rasche Linderung. Erholung sucht er in dieser schwierigen Zeit – wie die Jahre zuvor – in Südtirol. Er und seine Frau fahren seit Jahrzehnten immer in das gleiche Bergdorf.

Chorgesang lehrt, Rücksicht auf den anderen zu nehmen.

„Andere fragen mich ungläubig, warum wir nicht jedes Mal woanders Urlaub machen. Doch ich kenne die Gegend gut und habe dort viele Freunde“, erklärt Roby Schiltz. In seinem Urlaubsort Terenten im Pustertal bei Bozen unterstützt er mit seiner Stimme den Chor, wann immer er da ist. Vor einigen Jahren sei er per Zufall im Dorf auf die Chordirigentin gestoßen, die habe ihn zu einer Probe eingeladen.


Von da an sang Roby Schiltz regelmäßig in Messen und auf Konzerten. Weil er ohne zu üben vom Notenblatt singen kann, reicht meist eine Probe und das Konzert kann losgehen. Wegen dieser Fähigkeit ist Roby Schiltz in ganz Luxemburg bekannt und begehrt als Ersatzmann. In höchster Not, zum Beispiel, wenn der Solist am Tag des Auftritts krank wird, wenden sich Dirigenten gerne an den Wasserbilliger Sänger. Der springt gerne ein – und braucht meist nur wenige Stunden zur Vorbereitung.

Praller Terminplan

Auf diese Weise hat Roby Schiltz trotz Pension einen prall gefüllten Terminplan. Neben der Musik kümmert er sich gemeinsam mit seiner Frau um die zwei Enkelkinder. Kinder sieht er übrigens in letzter Zeit wieder häufiger: Seit Mitte Januar gibt er wieder Musikunterricht in der Wasserbilliger Grundschule. „Ohne Bezahlung“, schmunzelt er. Den Schülern will er die Freude am Gesang vermitteln. Nicht nur wegen der Musik, auch für die soziale Entwicklung sei der Chorgesang eine gute Schule. „Kleine und große Sänger lernen, auf die Eigenarten des anderen Rücksicht zu nehmen“, sagt er. „Mit Liedern lernt man Fremdsprachen außerdem auf eine andere Weise als im Sprachunterricht – alles bleibt besser im Gedächtnis haften.“


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