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Mehr Anrufe beim Kanner-Jugendtelefon im Pandemiejahr
Lokales 3 Min. 17.05.2021

Mehr Anrufe beim Kanner-Jugendtelefon im Pandemiejahr

Mitarbeiter des Kanner-Jugendtelefon sind fortan auch über Chat zu erreichen.

Mehr Anrufe beim Kanner-Jugendtelefon im Pandemiejahr

Mitarbeiter des Kanner-Jugendtelefon sind fortan auch über Chat zu erreichen.
Foto: Getty Images
Lokales 3 Min. 17.05.2021

Mehr Anrufe beim Kanner-Jugendtelefon im Pandemiejahr

Jean-Philippe SCHMIT
Jean-Philippe SCHMIT
1.598 Kinder, Jugendliche und Familien haben sich 2020 an das Kanner-Jugendtelefon gewandt. Von Dienstagabend an ist dies auch über Chat möglich.

Das Pandemiejahr hat die Jugendlichen gestresst. Und auch ihre Sorgen haben zugenommen. Das ist dem Jahresbericht des Kanner-Jugendtelefon (KJT) zu entnehmen. „Das Maskottchen des KJT trägt Maske“, sagte Barbara Gorges-Wagner, die Direktionsbeauftragte des Kanner-Jugendtelefon, bei der Vorstellung des Jahresberichtes 2020. Doch die Coronakrise hat nicht nur beim Maskottchen Spuren hinterlassen, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen. Schwere Covid-Erkrankungen sind bei jungen Menschen zwar eher selten, doch die Maßnahmen im Kampf gegen das Virus sorgten für tiefe Einschnitte im Leben der jungen Generation.


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„Corona ändert vieles“, so Georges-Wagner. Unter den jungen Menschen sei eine „sehr große Verunsicherung“ zu spüren. Angst und Einsamkeit hätten zugenommen, teilweise hätten sich die Erstkontakte beim KJT gegenüber dem Vorjahr verdoppelt. Insgesamt 1.598 Kinder, Jugendliche und deren Familien haben sich 2020 an das KJT gewandt. „Die Kontakte zeigen auf, in welch deutlichem Maß Kinder und Jugendliche an ihre Grenzen gekommen sind“, so das Fazit. Thema der Gespräche waren eine erhöhte Nervosität, Reizbarkeit und Stress.

Tod, Depressionen, Gewalt

Eigentlich sollten Kinder sorgenfrei aufwachsen, die Welt entdecken und das Leben kennen und lieben lernen. Wegen Corona war im vergangenen Jahr aber vieles anders. „Besonders Kinder von zehn bis zwölf Jahren haben viele Fragen gestellt“, so Barbara Gorges-Wagner. In den Gesprächen wäre oft die Angst vor dem Tod einer geliebten Person deutlich geworden. „Es wurden viele intensive Gespräche geführt.“


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Auch Mathis Godefroid, der Präsident des Jugendrates, weiß, dass sich die Jugend Sorgen macht. Das sei schon immer der Fall gewesen. Teenager würden viel über sich und die Welt nachdenken. Die Jugend werde aber zunehmend auch von Zukunftssorgen geplagt. Wie wird meine finanzielle Situation aussehen? Werde ich mir ein Dach über dem Kopf leisten können? „Seit einem Jahr gehört auch Covid zu den Themen, die der jungen Generation Sorgen bereiten“, so Godefroid.


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Wenn in den Familien Stress, Angst und Nervosität vorherrschen, können Depressionen oder Gewalt eine Folge sein. Die Zahl der jungen Patienten mit Depression ist um 50 Prozent auf 21 gestiegen. Mathis Godefroid zeigte sich besonders beunruhigt, dass „fast jeder Jugendliche jemanden kennt, der schon an Selbstmord gedacht hat oder einen Selbstmordversuch geplant hat“.

Auch einen leichten Anstieg von Gewalt in der Familie hat das KJT vermerkt. Waren 2019 noch 85 Fälle gemeldet worden, so waren es deren im Vorjahr 97.

Hilfe finden

Mathis Godefroid hieb aber einen positiven Punkt hervor: „Die Jugend weiß, dass es Hilfe gibt und wo diese zu finden ist.“ Das KJT ist Teil dieser Hilfe – und dies nun schon seit 30 Jahren. Laut Charel Schmit, dem Ombudsmann, ist die Telefonnummer ein „wichtiges Glied in der Präventionskette“: „Die Telefonnummer sollte in jedem Klassenraum hängen“, so Schmit. Neben der Telefonnummer wird ab Dienstagabend auch eine Chatberatung funktionieren. „Das ist ein wichtiges Tool, um mit der Jugend in Kontakt zu kommen und Vertrauen aufzubauen“, meint der Präsident des Jugendrates.

Die Kinder brauchen das Lächeln heute, Glück kann man nicht auf morgen verschieben.

Barbara Gorges-Wagner, KJT

„Das Digitale kann aber auch Auswirkungen auf die mentale Gesundheit haben“, sagt Gorges-Wagner. Distanzunterricht, Skypen mit der Oma, soziale Medien und Onlinegaming: Das Leben der Jugend findet verstärkt vor Bildschirmen statt. „Es ist wichtig, dass die jungen Leute auch mal abschalten können“, meint der Ombudsmann. Jedes Kind sollte demnach die Möglichkeit haben, aus den Zimmer oder dem Klassensaal raus in die Natur zu können. So sollten auch die Sommerferien für Sport oder Spiel in der Natur genutzt werden. „Lieber ein Ferienlager zu viel als eines zu wenig“, so Schmit. „Die Kinder brauchen das Lächeln heute, Glück kann man nicht auf morgen verschieben“, sagte Gorges-Wagner.

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