Mehr als ein Etappensieg

Claude Feyereisen

Der 2. Juli 2014 wird in die Annalen eingehen: An jenem Tag fand der Bommeleeër-Prozess bekanntlich sein vorläufiges Ende. Jetzt, nachdem man 30 Jahre lang der Meinung gewesen war, dass höher gestellte Persönlichkeiten (oder deren Nachkommen) hinter der ganzen Angelegenheit stecken, dass „un déi Déck jo souwisou näischt kënnt“ und dass die Ermittlungen deshalb im Sand verlaufen würden, sehen sich viele Kritiker erstaunlicherweise durch die abrupte Prozessunterbrechung in ihrer Meinung bestätigt. Und gehen davon aus, dass der Vorhang der Bommeleeër-Tragödie endgültig gefallen ist. Diese Sicht der Dinge ist allerdings reichlich simpel, zu simpel.

Rückblende: Die eigentliche Bombe in der Ermittlungsakte Bommeleeër platzte, als nur mehr hartgesottene Optimisten daran glaubten, dass je irgendjemand der Attentate bezichtigt werden würde. Am 25. November 2007 – einem Sonntag – trommelte der damalige Staatsanwalt des Bezirksgerichts Luxemburgs und heutige Generalstaatsanwalt Robert Biever die Presse zusammen, um siegessicher zu verkünden, dass zwei Polizisten und Ex-Mitglieder der „Brigade mobile“ der Gendarmerie des Verdachts wegen, die Sprengstoffanschläge zwischen 1984 und 1986 verübt zu haben, beschuldigt seien.

Ob Marc Scheer und Jos. Wilmes zu Recht oder zu Unrecht vor den Kadi zitiert wurden, bleibt weiter dahingestellt, zumal es bis zur Aussetzung des Prozesses zu keiner Befragung der beiden Angeklagten kam. Sicher ist: Mit dem bisherigen Prozessverlauf und der daraus resultierenden Unterbrechung zwecks weiterer Ermittlungen, die zu weiteren Angeklagten – sprich: Tatverdächtigen – führen könnte, ist der Justiz mehr als nur ein Achtungserfolg gelungen. Damit wäre auch die Taktik der Anklage zumindest ein Stück weit aufgegangen. Die Lektüre der 130 Seiten starken Anklageschrift ließ (mangels materieller Beweise) sehr wohl den primitiven Schluss zu, Scheer und Wilmes könnten aufgrund höherer Interessen auf dem Altar der Vertuschung als Sündenböcke geopfert werden, doch bestand die Strategie der Staatsanwaltschaft wohl vielmehr darin, durch die Anklage zweier Verdächtiger auf der dünnen Grundlage von Indizien und Aussagen an die Strippenzieher und somit eigentlichen Täter heranzukommen.

Es sollte zwar nicht mehr dazu kommen, dass Scheer und Wilmes wirklich unter Druck geraten, ihr Schweigen brechen und Namen nennen (falls sie denn welche kennen), doch führten die 176 Verhandlungstage immerhin dazu, dass sich geladene Zeugen in Widersprüche verstrickten, Falschaussagen tätigten und/oder den Verdacht auf die eigene Person lenkten. Womit der Wende- und vorläufige Höhepunkt des Bommeleeër-Prozesses erreicht wäre.

Nachdem die Justiz reichlich Schelte über sich ergehen lassen musste, gebührt ihr jetzt Anerkennung. Durch den Antrag der Staatsanwaltschaft auf Anklageerhebung gegen die Polizeispitze beweist Justitia, dass ihr an der Aufklärung der Staatsaffäre Bommeleeër und somit an der Wiederherstellung des Vertrauens der Bevölkerung in die Institutionen – allen voran die Polizei – gelegen ist. Und damit erhärtet sich auch der Verdacht, dass es eben „keen Décken“ war, sondern dass der oder die Täter wirklich in den Reihen des Sicherheitsapparates zu suchen sind. Die Justiz sollte die erforderlichen Ermittlungen jedoch zügig abwickeln, damit sich die Zeugenreihen nicht noch weiter lichten und sich die Aufklärung fatalerweise in einen Wunschtraum verkehrt.