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Lügen für die gute Sache?
Greenpeace zufolge versteckt sich in diesem Bild ein Sicherheitsproblem.

Lügen für die gute Sache?

Grafik: Greenpeace
Greenpeace zufolge versteckt sich in diesem Bild ein Sicherheitsproblem.
Kommentar Lokales 5 Min. 18.05.2018

Lügen für die gute Sache?

Michel THIEL
Michel THIEL
Greenpeace prangert mit einer Wärmebildaufnahme Sicherheitslücken in der Atomzentrale Cattenom an. Doch was zeigt die Aufnahme tatsächlich?

Desinformation ist im Internetzeitalter leider nicht selten, das Schlagwort "Fake News" ist mittlerweile - zu Recht oder nicht - in aller Munde. Dass sich jedoch eine Organisation wie Greenpeace, die sich dem Wohl der Umwelt und des Menschen verschrieben hat, derartiger Methoden bedient, ist bedauernswert und schadet nur der Sache. Insbesondere, wenn dies in Form einer offiziellen Mitteilung an die Presse passiert.

Was ist passiert? Am Mittwoch verschickte die Umweltschutzorganisation eine Pressemitteilung, in der es auf den ersten Blick um einen Gerichtsprozess gegen mehrere Aktivisten der Organisation im französischen Privas geht, die unerlaubt auf ein Reaktorgelände eindrangen. Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich Mitte Oktober in Cattenom.


Greenpeace will mit solchen Aktionen unter anderem darauf hinweisen, wie unsicher die Abklingbecken der Atommeiler angeblich sind, in denen die Brennelemente gelagert werden. Ein im Auftrag von Greenpeace angefertigter Bericht sollte diese Behauptung untermauern, die Schlussfolgerungen sind jedoch umstritten, da sie zum Teil auf falschen Annahmen basieren.

Falschdarstellung mit Falschfarben-Bild

Als Anhang zur Pressemitteilung lieferte Greenpeace allerdings eine Wärmebildaufnahme, die angeblich beweisen soll, dass die Wände des Gebäudes mit den Abklingbecken in Cattenom gefährlich dünn seien, da diese mehr Hitze abstrahlten als andere Gebäudeteile.

Wärmebild-Kameras benutzen gewöhnlich eine Falschfarben-Darstellung, bei der die Temperaturen durch unterschiedliche Farbe repräsentiert werden. Meist werden die wärmsten Bildpartien weiß, die Zwischentemperaturen in Gelb- und Rottönen und die dunklen Teile des Bildes in Blautönen dargestellt.
Wärmebild-Kameras benutzen gewöhnlich eine Falschfarben-Darstellung, bei der die Temperaturen durch unterschiedliche Farbe repräsentiert werden. Meist werden die wärmsten Bildpartien weiß, die Zwischentemperaturen in Gelb- und Rottönen und die dunklen Teile des Bildes in Blautönen dargestellt.
Grafik: Greenpeace (Ausschnitt bearbeitet)

Das Problem ist jedoch, dass das präsentierte Wärmebild entgegen der Darstellung wohl nichts anderes zeigt, als die von der Sonneneinstrahlung verursachte Aufwärmung der Fassade.

Ein Eindruck, der auch bereits beim oberflächlichen Betrachten des Bildes entsteht, da mehrere Flächen an unterschiedlichen Gebäuden rot dargestellt werden, die zum wahrscheinlichen Zeitpunkt der Aufnahme oder kurz zuvor der Sonne zugewandt waren.

Selektive Wahrnehmung

Da die Wahrheit bekanntlich einer guten Story nie im Weg stehen sollte, hat Greenpeace das Bild auch gleich mit dem zusätzlichen Vermerk versehen, dass die rot dargestellte Oberflächenhitze des Reaktorgebäudes durch Sonneneinstrahlung entstanden sei, jene auf dem anderen Gebäude jedoch durch die Hitze aus den Abklingbecken:

Le bâtiment réacteur, qui se situe à gauche sur la thermographie, apparaît en rouge à cause du rayonnement solaire lors de la prise.


Eine recht willkürliche Darstellung, die Roger Spautz von Greenpeace Luxemburg auch auf Nachfrage nicht ändern wollte. 

Der zertifizierte Thermografie-Experte Eric Arbalestrier, der die Aufnahme auf Bitte des Luxemburger Wort analysiert hat, teilt jedoch die Skepsis im Bezug auf das Bild:  "Dieses Aufnahme sagt an sich sehr wenig aus. Das einzige, was man sagen kann ist, dass es ein Temperaturgefälle von rund sieben Grad Celsius zwischen den verschiedenen Partien beider Gebäude gibt".

Ein Unterschied, der aller Wahrscheinlichkeit nach in beiden Fällen durch die Sonneneinstrahlung entstanden ist. Aufgrund des Schattenfalls sowie der geografischen Lage des Reaktorblocks Zwei dürfte das Bild am späten Nachmittag zwischen 15 und 17 Uhr entstanden sein.

Die ungefähre Richtung der Sonneneinstrahlung zum Zeitpunkt der Wärmebildaufnahme (der orangefarbene Zeiger links unten) zeigt, dass entgegen der Darstellung von Greenpeace sowohl das Reaktorgebäude als auch das Gebäude mit den Abklingbecken von der Sonne angestrahlt wurden.
Die ungefähre Richtung der Sonneneinstrahlung zum Zeitpunkt der Wärmebildaufnahme (der orangefarbene Zeiger links unten) zeigt, dass entgegen der Darstellung von Greenpeace sowohl das Reaktorgebäude als auch das Gebäude mit den Abklingbecken von der Sonne angestrahlt wurden.
Screenshot via www.suncalc.net

Betrachtet man zusätzlich den Grundriss des Reaktorblocks, so wird ersichtlich, dass zu diesem Tageszeitpunkt sowohl die der Kamera zugewandte Seite des Reaktorgebäudes als auch jene des Abklingbecken-Gebäudes von der Sonne beschienen wurden.

Ein Bild eines Reaktorblocks in Cattenom. Es ist klar ersichtlich, dass sowohl die Flanke des zylindrischen Reaktorgebäudes (Mitte) als auch jene des Gebäudes mit den Abklingbecken (rechts) der selben Himmelsrichtung zugewandt sind. Die Sonne trifft also beide Gebäude gleichermaßen.
Ein Bild eines Reaktorblocks in Cattenom. Es ist klar ersichtlich, dass sowohl die Flanke des zylindrischen Reaktorgebäudes (Mitte) als auch jene des Gebäudes mit den Abklingbecken (rechts) der selben Himmelsrichtung zugewandt sind. Die Sonne trifft also beide Gebäude gleichermaßen.
Foto: Gerry Huberty

Hinzu kommt, dass die Methodik, nach der das Bild entstanden ist, kaum belastbare Ergebnisse liefern könne, wie Arbalsestrier erklärt: "Wärmebildaufnahmen von Gebäuden müssen in der Regel kurz vor Sonnenaufgang erstellt werden, um den Einfluss der Sonne auszuschließen".


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Greenpeace versucht also, mit einer offensichtlichen Falschdarstellung angebliche Sicherheitsprobleme in Cattenom anzuprangern. Über das Kalkül hinter einem derartigen Vorgehen, das der Glaubwürdigkeit der Organisation nur schadet, kann man nur spekulieren.

Der Eindruck, der entsteht ist allerdings fatal: schlimmstenfalls handelt es sich um den Versuch, Journalisten zu manipulieren, bestenfalls um krasse Inkompetenz.


Greenpeace Luxemburg hat am 18. Mai eine Stellungnahme zu diesem Kommentar veröffentlicht, die wir hier im Original wiedergeben:

Kommentar der Redaktion auf die Stellungnahme von Greenpeace:

Die Gegendarstellung von Greenpeace Luxemburg ist aus mehreren Gründen unglaubwürdig.

Selbst, wenn es zutrifft, dass die Wärmebildaufnahme gegen 19 Uhr erstellt wurde, waren die Fassaden beider Gebäude mindestens bis 16 Uhr der Sonne ausgesetzt, wie eine Berechnung mit dem Tool suncalc.net am Tag der Aufnahme zu den jeweiligen Uhrzeiten zeigt. Nun besitzt Beton als Baustoff eine recht hohe Wärmekapazität. Dies bedeutet, dass eine Betonwand selbst dann, wenn keine Sonne mehr scheint, mehrere Stunden benötigt, um wieder abzukühlen (die genaue Dauer hängt von der Masse und Oberflächengröße des aufgeheizten Körpers ab). Die somit abgestrahlte Wärme wäre auch um 19 Uhr, als die Aufnahme entstanden ist, noch erkennbar.  Es kann also auf keinen Fall ausgeschlossen werden, dass die auf dem Bild erkennbaren Temperaturunterschiede, die der Wärmeskala am unteren Rand der Aufnahme zufolge lediglich 6-7 Grad Celsius betragen, der Restwärme durch Sonneneinstrahlung entsprechen.

Der wichtigste Punkt, der beim betrachten der Aufnahme ins Auge springt ist allerdings, dass die rechte Fassade des Gebäudes mit den Abklingbecken auf dem Bild als kalt (blau-grün) erscheint. Wie wäre dies möglich, wenn die Wärme aus dem inneren der Anlage käme? In diesem Fall müsste sowohl die der Wärmebildkamera zugewandte Seite des Gebäudes warm erscheinen, als auch die rechte Flanke.

Wie kann die der Kamera zugewandte Seite von innen erhitzt sein, während die rechte Flanke des Gebäudes kalt ist?
Wie kann die der Kamera zugewandte Seite von innen erhitzt sein, während die rechte Flanke des Gebäudes kalt ist?
Grafik: Greenpeace (bearbeitet)



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