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Leserbrief: Minister Biltgens Platzpatrone
Lokales 4 Min. 14.01.2013

Leserbrief: Minister Biltgens Platzpatrone

Leserbrief: Minister Biltgens Platzpatrone

Lokales 4 Min. 14.01.2013

Leserbrief: Minister Biltgens Platzpatrone

Minister Biltgen ist besorgt um die "alarmierende" Zunahme der Schusswaffen in Luxemburg. Hier ein Leserbrief zum Thema.

Minister Biltgen ist besorgt um die "alarmierende" Zunahme der Schusswaffen in Luxemburg. Der legal angemeldeten Schusswaffen wohlgemerkt. Denn die exakte Zunahmestatistik (von 74 303 Waffen im Jahr 2003 auf 86 427 im Jahr 2013) konnte nur durch die korrekte, gesetzeskonforme Meldung dieser Waffen durch die Inhaber überhaupt erst erstellt werden.

Gemäss der gleichen Statistik stieg die Zahl der legal eingetragenen Waffenbesitzer in diesen zehn Jahren um 5,75 Prozent.

Luxemburger rüsten ab!

Die banale Tatsache, dass der Bevölkerungszuwachs im gleichen Zeitraum in Luxemburg mit 17,08 Prozent wesentlich höher lag, dass es im Verhältnis zur Bevölkerung also heute nicht mehr sondern wesentlich weniger Waffenbesitzer gibt hat das Regierungsmitglied bei seinen Alarmrufen stillschweigend übersehen.

Die Luxemburger rüsten demnach gar nicht "alarmierend" auf. Sie rüsten überhaupt nicht auf. Im Gegenteil, sie rüsten ab!

Also Entwarnung. Es gibt derzeit keinen statistischen Hinweis auf eine latente Vermehrung potentieller, luxemburgischer Psychoschützen. Die Luxemburger haben zudem traditionnel ein vorsichtiges Verhältnis zu Waffen und müssen sich mit Sicherheit nicht als Waffennarren abstempeln lassen. Zum Vergleich: in den USA gibt es im Schnitt etwa eine Schusswaffe pro Kopf; in Luxemburg besitzt durchschnittlich nur jeder fünfte Bürger eine legal eingetragene Waffe. In Absolutzahlen sind es 15 670 Personen, also nur ein Waffenbesitzer auf dreiunddreissig Bürger.

Gesetzespolitischer Amoklauf

Nur schon in Anbetracht dieser nackten Zahlen ist ein gesetzespolitischer Amoklauf seitens des Justizministers somit nicht angesagt.

Zu der verpatzten Grundschulrechnung gesellt sich die ebenfalls bemühte Trivialaussage, Luxemburg sei vor Waffenmissbrauch und einem Amoklauf nicht sicher.

Solange es Menschen gibt, wird niemand auf der Welt vor menschlicher Gewalt sicher sein.

Tötungsdelikte sind durch Leistungsbeschränkungen bei Schusswaffen nicht zu verhindern

Tötungsdelikte infolge menschlichem Kontrollverlust sind aber technisch, sprich durch Leistungsbeschränkungen bei den Schusswaffen nicht zu verhindern. Das lässt sich durch folgende Überlegungen leicht darlegen.

Bei Einzelkonflikten wie Familienstreitigkeiten reicht ein einziger Schuss aus einer altersschwacher Flinte. Sollte diese auch noch Ladehemmung haben kann die Sache mit Messer oder Axt zu Ende gebracht werden.

Die bisher bekannten Amokläufe zogen sich stets über einen längeren Zeitraum hin, bis zu mehreren Stunden. Die Opfer wurden nicht reihenweise niedergemäht, sondern jeweils im Abstand mehrerer Minuten gezielt einzeln getötet. Es spielte somit bei diesen Ereignissen keine Rolle ob halbautomatisches Gewehr, Repetierwaffe oder schlichter Einzellader. Gegenüber wehrlosen Opfern hatte der Täter stets genügend Zeit in aller Ruhe zu repetieren, das Magazin zu wechseln und nachzuladen. Vorgänge welche bei heutigen Waffen ohnehin nur wenige Sekunden in Anspruch nehmen.

Luxemburg hat bereits eines der strengsten Waffengesetze Europas

In diesem Zusammenhang sollte der Minister sich vor Augen halten, dass Luxemburg bereits eines der strengsten Waffengesetze Europas besitzt. Und zwar sowohl was die Waffen selbst als was den Waffenbesitzer anbelangt.

Wir sind nicht in den USA. Die dort herrschende, vollständige Freizügigkeit hinsichtlich Waffenerwerb hat den bekannten historischen Hintergrund. Angesichts der jüngsten Ereignisse werden sich die Amerikaner hiermit allerdings auseinandersetzen müssen. Die Amerikaner, nicht zwangsläufig auch die Luxemburger. Die hiesige Polizei bestätigt, dass Unfälle und Zwischenfälle mit Schusswaffen rückläufig und in Luxemburg die Ausnahme sind.

Verkennung der Sachlage

Wenn also unser Justizminister vermitteln will, dass durch eine noch strengere nationale Gesetzgebung hinsichtlich Waffentyp und -Anzahl, Schussfolge oder Magazinkapazität Amokläufe bei uns auszuschließen sind, dann zeugt dies von bedenklicher fachlicher Unzulänglichkeit und Verkennung der Sachlage seitens seiner zuständigen Behörde und/oder es handelt sich schlicht um politisch motivierte Augenwischerei. Auch geht die Debatte vollständig an jenen Abertausenden Waffen vorbei, welche nicht registriert sind. Oder welche sich in den Händen der "Force Publique" und von privaten Wachleuten befinden. Auch bei diesen Menschen mag es die eine oder andere psychische Unbekannte geben.

Nein, es ist zwar eine bittere Erkenntnis , aber die in der Diskussion stehenden Vorfälle sind letztendlich durch rein technische Debatten nicht auszumerzen. Es ist nicht eine Waffe welche entscheidet zu töten. Eine erfolgversprechende Kampagne muss vielmehr schwerpunktmässig auf dem grundsätzlichen Ursachenniveau geführt werden. Es zeugt von der Weitsicht des amerikanischen Vize-Präsidenten, dass er in  seinem Massnahmenkatalog vor allem auch die Medien in die Verantwortung nimmt, hinsichtlich Gewaltdarstellung und –Verherrlichung. Hier liegt mit Sicherheit eine unserer grossen, gesellschaftspolitischen Herausforderungen im 21 Jahrhundert. Gerade auch im Hinblick auf unsere Kindern und heranwachsenden Jugendlichen.

"Cover-My-Ass"-Politik

Angesichts der oben dargelegten Ausführungen sollte der Justizminister sich die selbstkritische Frage stellen, ob er mit seinem Pistolenwirbeln nicht lediglich im Kielwasser der rezenten Vorfälle in den USA eine "Cover-My–Ass" - Politik und waffentechnische "Fahnendebatte" vom Zaun bricht.

Diese Geschützplattform eignet sich ansonsten höchstens um von wirklich alarmierenden Dossiers abzulenken welche nach Kavallerieeinsatz geradezu schreien.

Der Minister möge daher davon absehen die einheimischen Sport- und Jagdverbände grundlos zu unterminieren und möge dem Parlament die Zeit einer Fehlschussdebatte ersparen.

Denn an der Waffenfront in Luxemburg gibt es, Gott sei Dank, nichts Neues.

Bill Erpelding  MSc. ECM

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