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Lederwarengeschäft Cahen: Aus nach 104 Jahren
Lokales 6 2 Min. 31.01.2015 Aus unserem online-Archiv

Lederwarengeschäft Cahen: Aus nach 104 Jahren

Lokales 6 2 Min. 31.01.2015 Aus unserem online-Archiv

Lederwarengeschäft Cahen: Aus nach 104 Jahren

Sein Großvater gründete das Lederwarengeschäft in Esch/Alzette im Jahr 1911. Sein Vater führte es länger als fünf Jahrzehnte. In der dritten Generation macht Serge Cahen nun die Türen für immer zu.

Von Jan Söfjer

Drei Geschäfte gab es früher in Esch/Alzette, die so alt und bekannt waren, dass sie als Orientierungsmarken der Stadt dienten. Da war der Gemischtwarenladen Sichel, dann der Spielwarenladen Plasticomfort und das Lederwarengeschäft Cahen. Die ersten beiden Geschäfte gibt es schon nicht mehr. Nun schließt auch Cahen seine Türen. Nach 104 Jahren. An diesem Samstag ist der letzte Verkaufstag.

Ferdinand Cahen gründete sein Lederwarengeschäft 1911 mit Anfang 20. Drei Jahre später zog er in die Straße um, in der bis heute das Geschäft zu finden ist: 24, Avenue de la Gare. Bis 1940 lief es gut, dann kamen die Nazis. Das Geschäft wurde zwangsenteignet, die NSDAP zog ein. Die jüdischen Cahens flohen nach Frankreich. Ferdinand wurde dort erwischt, nach Auschwitz gebracht und ermordet. Seine Frau Lucie kam mit ihrem Sohn Jean nach der Befreiung Luxemburgs zurück nach Esch in die Heimat. Schließlich bekamen sie auch ihr Haus zurück. Jean, kaum volljährig, baute das Lederwarengeschäft 1945 wieder auf. Über fünf Jahrzehnte sollte er die Geschäfte führen.

„Man darf nicht an der Vergangenheit festhalten“

Serge Cahen ist die dritte Generation. Er wuchs praktisch in dem Geschäft auf, spielte mit seinem Bruder und Freunden zwischen den Regalen. Schon als Kind half er beim Verkauf. 1998 mit Anfang 30 übernahm er die Verantwortung. Seit 17 Jahren ist er nun dabei und hat erlebt, wie sich das Einzelhandelsgeschäft veränderte. Spricht man mit ihm über das Aus des Familienbetriebs, sagt er nur scheinbar unbeschwert, aber entschieden: „Man darf nicht an der Vergangenheit festhalten. Ich liebe das Leben als Einzelhändler, aber nicht mehr so, wie es heute ist.“ Das möchte er sich nicht länger antun.

Es ist die Kombination, die unzählige Einzelhändler überall auf der Welt ins Aus getrieben hat: Billigkonkurrenz, Online-Shopping und große Einkaufszentren wie in Belval. Dazu kommen in Esch der Abschwung und die verlorene Kaufkraft nach dem Ende der Stahlindustrie. „Heute bummelt keiner mehr“, sagt Cahen. „Die Leute kaufen gezielt ein.“ Zwei Angestellte hat er noch, Aline, seit 17 Jahren dabei und Lysiane, seit 18 Jahren dabei und kurz vor der Rente. Früher arbeiteten vier hier. Zu Zeiten seines Vaters Jean sogar bis zu zehn Angestellte. Er erlebt das Aus nicht mehr. Er starb 2009. Nun kommt ein Sportbekleidungsanbieter in die Räume, an den Cahen vermietet. Er selbst ist mit 48 Jahren noch jung genug für einen Neustart. Er handelt nun mit Immobilien. Visitenkarten hat er bereits.