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Krankenhausseelsorger Marc Hubert: "Jeder Mensch ist spirituell"
Lokales 7 6 Min. 05.05.2020

Krankenhausseelsorger Marc Hubert: "Jeder Mensch ist spirituell"

Seelsorger Marc Hubert mit einem Patienten.

Krankenhausseelsorger Marc Hubert: "Jeder Mensch ist spirituell"

Seelsorger Marc Hubert mit einem Patienten.
Foto: Anouk Antony
Lokales 7 6 Min. 05.05.2020

Krankenhausseelsorger Marc Hubert: "Jeder Mensch ist spirituell"

Sarah SCHÖTT
Sarah SCHÖTT
Krankenhausseelsorger Marc Hubert spricht im Interview über seinen Beruf, den Einfluss der Corona-Pandemie auf seine Arbeit und die Muttergottes-Oktave.

"Alle Kranken, die unter dem Corona-Virus leiden, das medizinische Personal und die Opfer der Pandemie" – sie stehen heute im Mittelpunkt der Oktav-Messe. Zu diesem Anlass hat das "Luxemburger Wort" mit Marc Hubert über seinen Beruf als Krankenhausseelsorger gesprochen. Seit zwölf Jahren kümmert sich der 53-Jährige am Centre hospitalier du Nord in Ettelbrück um die seelsorglichen Belange der Patienten. Dabei spielt auch immer wieder die Muttergottesoktave eine Rolle.

Marc Hubert, was bedeutet die digitale Oktave für die Patienten im Krankenhaus? 

Auch im Krankenhaus haben wir ja Messen in der Kapelle, die wir auf die Zimmer übertragen. Die Leute sind es also gewohnt. Trotzdem muss ich sie vielleicht noch mehr darauf hinweisen, wie sie an der Oktave teilnehmen können. Aber für die Kranken speziell in der Klinik ist es prinzipiell eine gute Sache. 

Ist Oktave überhaupt Thema im Krankenhaus? 

Ich wurde bisher nur wenig darauf angesprochen, im Vergleich zu anderen Jahren. Ich glaube, es ist in den Köpfen der Menschen noch nicht so angekommen. Sie können sich das nicht vorstellen. Denn von der Tradition her heißt Oktave für die meisten hier: Wir pilgern, wir gehen in die Kathedrale. Es heißt nicht, wir schauen uns einen Gottesdienst im Fernsehen an. Es ist das zusammen Unterwegssein, das für sie zählt. 

Gibt es denn schon Resonanzen von den Patienten auf das digitale Angebot? 

Ich würde sagen, die Oktave ist für mich wie auch für die Kranken noch etwas weit weg. Gerade jetzt in der Krise war so vieles zu klären, das ist einfach fast schon untergegangen. Für mich ging es erst mal darum, dass ich Zugang zu den Kranken behalte. Neben mir gibt es noch meine Kollegin Cindy Fuhr, aber auch 50 zumeist Ehrenamtliche, die jetzt nicht kommen dürfen. Da müssen wir natürlich vieles übernehmen. Wenn ich ehrlich bin, ist Oktave momentan noch nicht präsent. Vielleicht kommt das jetzt. 

Wie erleben Sie das in einem normalen Jahr? 

Wenn man hier aufgewachsen ist, ist man von Kindesbeinen an damit vertraut. Es ist etwas historisch Gewachsenes in der Kultur der Luxemburger. Sogar für Leute, die eigentlich nichts mit Religion am Hut haben, ist die Oktave ein wichtiges Event. Es ist ein Erlebnis, zusammen zu Fuß in die Stadt zu gehen. Es ist ein bisschen wie mit dem Jakobsweg. Viele gehen ihn ja, ohne einen religiösen Bezug zu haben. Das Ganze hat eine sehr emotionale Komponente.

Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag mit Corona verändert?

Meine Schwerpunkte sind Palliativmedizin, Onkologie, Intensivstation und Reha. Die meisten Kranken dort sind keine Covid19-Patienten. Auf denen liegt gerade der Fokus, aber es ist mir wichtig, dass auch die anderen Menschen nicht vergessen werden. Auf der Palliativstation etwa ist es so, dass die Familie im Gegensatz zu anderen Stationen Zugang hat. Einer pro Tag darf dorthin. Ich habe aber auch schon mit Leuten gesprochen, die nicht zu ihren sterbenden Angehörigen konnten. Das ist natürlich tragisch. Ich bin froh, dass ich zu den Menschen gehen kann. Ich muss zwar die nötigen Schutzmaßnahmen einhalten und kann nicht zu lange bleiben. Aber ich kann hin. Was ich schwer finde, ist die räumliche Distanz zu den Kranken. Viele wollen einem die Hand reichen oder wollen, dass man ihnen die Hand hält. Das geht aktuell nicht. Und das ist schwer auszuhalten. Man hat nur die Augen, der Rest vom Gesicht ist ja durch die Maske verhüllt. Was mich am meisten schmerzt, ist die Situation bei den Dementen. Wenn die Leute nicht verstehen können, was passiert, warum ihre Familie einfach nicht mehr kommt – das ist schon grenzwertig und schwer zu ertragen. Ich versuche da umso mehr präsent zu sein, aber ich kann keine Familie ersetzen. 

Wie entsteht der Kontakt zu den Menschen? 

Das ist unterschiedlich. Auf der Palliativstation stelle ich mich bei allen vor. Und die meisten sind froh und dankbar, wenn ich regelmäßig komme. Auf anderen Stationen wie etwa der Onkologie frage ich das Personal, wo es sinnvoll wäre hinzugehen – die Mitarbeiter haben ein sehr gutes Gespür. Dann begegne ich Patienten in der Kapelle und komme ins Gespräch oder ich bin einfach auf dem Gang und jemand spricht mich an. Teilweise fragen mich aber auch die Familie oder Verantwortliche aus den Pfarreien, aus denen ein Patient kommt, an. 

Alle Menschen sind spirituell. Auch ein Atheist hat seine Kraftquellen.

Marc Hubert, Krankenhausseelsorger

Wird das Angebot eines Krankenhausseelsorgers noch gebraucht? 

Viel mehr, als ich mir das am Anfang je hätte vorstellen können. Ich gehe zu allen, die das wollen, egal ob sie religiös sind oder nicht. Ich habe den Eindruck, dass alle Menschen spirituell sind. Auch ein Atheist hat seine Spiritualität, seine Kraftquellen. Ich begleite die Leute auf ihrem Weg und helfe ihnen, an ihre Ressourcen zu kommen. Manchmal sind das religiöse Ressourcen, dann kann ich vielleicht mehr von meinem Gebet her oder mit der Krankenkommunion helfen. Aber man hat ja auch einen gesunden Menschenverstand und Erfahrung. 

Gibt es einen besonderen Bezug zwischen Maria und den Menschen im Krankenhaus? 

Es gibt viele Marienbilder. Es geht in der Oktave ja weniger um Maria auf dem Thron oder Maria von Lourdes, sondern um die Trösterin im Leid, die "Consolatrix afflictorum". Ich denke die Leute wissen, dass seit Jahrhunderten Menschen – auch ihre Vorfahren – zu dieser Trösterin gepilgert sind und ihr Gebet dort erhört wurde. 

Marc Hubert hat einige Steine der Solidaritätsaktion in die Krankenhauskapelle gelegt.
Marc Hubert hat einige Steine der Solidaritätsaktion in die Krankenhauskapelle gelegt.
Foto: Anouk Antony

Ist die Oktave in anderen Jahren präsenter? 

Wenn die normalen Gottesdienste bei uns in der Kapelle stattfinden, ist die Oktave da natürlich Thema. Dann werden Lieder mit Muttergottesbezug gesungen. Die Menschen erzählen oft, dass ihre Familie oder Pfarrei ihnen gesagt hat, dass sie für sie bei der Trösterin beten. Das ist in den Gesprächen immer wieder präsent. Religiöse Menschen fragen mich manchmal auch, ob ich der Trösterin ihr Anliegen mitnehmen kann. 


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Gibt es für Sie auch positive Aspekte der aktuellen Situation? 

Die Corona-Krise ist schlimm, aber ich muss sagen, was Kirche anbelangt entsteht viel Neues. Wir haben schon seit Jahren eine Krise in der Kirche und müssen uns schon seit Langem überlegen, wie wir Menschen erreichen. Da reicht es nicht, Gottesdienste digital abzuhalten, wir müssen auch überlegen, wie wir die Gemeinschaft neu zusammenbringen können. Neue Möglichkeiten schaffen. Wir hatten immer wieder Krisen – zur Zeit der spanischen Grippe, oder am Anfang der Oktave, als die Pest wütete und Maria zur Patronin von Stadt und Land auserwählt wurde. Es hilft, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Und es gibt so viel tolle Aktionen. Eine Frau aus unserer Pfarrei hat etwa mit zwei Messdienern bemalte Steine vor der Klinik abgelegt. Das ist eine Aktion, die Solidarität mit Kranken und dem Personal ausdrücken soll. Ich habe dann drei davon in die Kapelle gelegt. Und Beziehungen werden wieder wichtiger. Wenn man seine Familie nach der Krise wieder besuchen kann, wird man neu merken, wie wichtig einem der andere ist. Denn oft ist es so: Wenn man etwas nicht mehr hat, lernt man es erst richtig schätzen. 

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