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Kommentar: Theatercoup im Bommeleeër-Prozess
Lokales 2 Min. 05.11.2013 Aus unserem online-Archiv

Kommentar: Theatercoup im Bommeleeër-Prozess

Ein Zeuge will den Beschuldigten Marc Scheer am Abend des Anschlags auf den Justizpalast gesehen haben.

Kommentar: Theatercoup im Bommeleeër-Prozess

Ein Zeuge will den Beschuldigten Marc Scheer am Abend des Anschlags auf den Justizpalast gesehen haben.
Foto: Guy Jallay
Lokales 2 Min. 05.11.2013 Aus unserem online-Archiv

Kommentar: Theatercoup im Bommeleeër-Prozess

Es war schon ein sehr befremdliches Spektakel, das sich am Montagnachmittag vor der Kriminalkammer bot. Ein Zeuge, der zunächst eine Person entschieden ausschließt, behauptet knapp eine Stunde später, genau diese Person beim Attentat auf den Justizpalast gesehen zu haben.

Von Steve Remesch

Es war schon ein sehr befremdliches Spektakel, das sich am Montagnachmittag vor der Kriminalkammer bot. Ein Zeuge, der zunächst eine Person entschieden ausschließt, behauptet knapp eine Stunde später, genau diese Person beim Attentat auf den Justizpalast gesehen zu haben: Der Angeklagte Marc Scheer soll beim Attentat auf den Justizpalast Schmiere gestanden haben. Zwischen den zwei widersprüchlichen Aussagen liegen genau 59 Minuten. Zeit genug für den Zeugen auch noch zwei andere Männer aus einem Bilderkatalog zu identifizieren, die eine starke Ähnlichkeit mit Späher haben sollen.

Aber was bedeutet diese spektakuläre Aussage für den Prozessverlauf und möglicherweise auch für den Ausgang? Für Marc Scheer könnte dadurch die Luft schnell sehr dünn werden. Bisher war die Beweislage gegen den Beschuldigten sehr dünn und beruhte zu weiten Teilen nur auf seinem Benehmen bzw. seinem Nicht-Benehmen im Verhör, als er zum falschen Zeitpunkt zum Scherzen aufgelegt war. Nun ist plötzlich ein Zeuge da, mit dem keiner gerechnet hatte und der Scheer 28 Jahre nach dem Attentat vor der Kriminalkammer direkt belastet.

Marc Scheer könnten allerdings die Phantombilder zu Gute kommen, die anhand der Aussagen eben dieses Zeugen angefertigt wurden. Diese haben nämlich rein gar keine Ähnlichkeit mit Scheer. Und ohne ihm zu nahe zu treten wollen, auch vor 28 Jahren entsprach Scheer nicht dem Bild des großgewachsenen, markanten, sportlichen, blonden Schönlings mit militärischen Allüren, den der Zeuge seit 1985 kontinuierlich beschrieb.

Nun stellt sich aber auch die Frage, warum der Zeuge plötzlich vor Gericht seine Aussagen komplett revidiert hat. Die Antwort kennt wohl nur er selbst.

Eines haben die letzten Jahre vor dem Prozess aber deutlich gezeigt, Zeugen sind immer das schwächste Glied in der Beweiskette. So meldeten sich auch bei der LW-Redaktion Zeugen, die sich bei jedem Gespräch an neuere und dramatischere Details erinnerten.

Das Extrembeispiel dürfte wohl ein Zeuge sein, der erzählte, er habe eine Schießerei mit einem der Bommeleeër gehabt. Andere belasteten jahrelang, auch gegenüber der Justiz, eine bestimmte Person und richten sich dann, als sich das Blatt wendet, plötzlich gegen ganz andere Verdächtige. Eines ist gewiss: Auch diese Zeugen sind im Prozess vorgeladen und werden wohl in kommenden Monaten noch für die eine oder andere spektakuläre „Enthüllung“ sorgen.