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Koks statt Kaffee: Prozess nach Großrazzia in Esch
Lokales 5 Min. 09.12.2019

Koks statt Kaffee: Prozess nach Großrazzia in Esch

Koks statt Kaffee: Prozess nach Großrazzia in Esch

Foto: Gerry Huberty
Lokales 5 Min. 09.12.2019

Koks statt Kaffee: Prozess nach Großrazzia in Esch

130 Polizisten waren an der Razzia am 16. Oktober 2018 in Esch/Alzette und den Vorbereitungen beteiligt. Im Visier: 21 Drogenhändler. 15 wird nun der Prozess gemacht. Nur neun erschienen zum Auftakt.

(str) - Der Blitzangriff der Polizei war ein voller Erfolg: Punkt 16.30 Uhr tauchten am 16. Oktober 2018 plötzlich vermummte Gestalten wie aus dem Nichts auf und überwältigten binnen Sekunden Dutzende Verdächtige auf offener Straße vor der stadtbekannten Escher Gaststätte Chez Nadia.

Das Umfeld des Cafés an der Kreuzung der Avenue de la Gare mit der Rue Nothomb und der Rue des Jardins war seit Längerem als Hotspot des Drogenhandels in Esch/Alzette berüchtigt. Nach mehrwöchigen Observierungen hatte die Polizei zugeschlagen.


Drogenrazzia in Esch/Alzette,Café CHEZ NADIA. Foto:Gerry Huberty
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Etwas mehr als ein Jahr später begann nun am Montag vor der 16. Strafkammer des Bezirksgerichts Luxemburg der Prozess gegen 15 von 21 Tatverdächtigen, welche als mutmaßliche Drogendealer identifiziert wurden. Unter den Angeklagten befindet sich auch die Betreiberin des Cafés Chez Nadia.

Und gleich zum Prozessauftakt zeigte sich, was bereits am Tag der Razzia augenscheinlich war: Der Coup der Polizei war gut vorbereitet und die Razzia nur der vorläufige Höhepunkt der Aktion.

Innerhalb von Sekunden waren am 16. Oktober 2018 sämtliche Verdächtige von Spezialeinheiten überwältigt worden.
Innerhalb von Sekunden waren am 16. Oktober 2018 sämtliche Verdächtige von Spezialeinheiten überwältigt worden.
Fotos. Gerry Huberty

Drei Wochen lang lagen Beamte der Drogenfahndung auf der Lauer. Sie dokumentierten dabei per Fotobeweis zwischen dem 25. September und dem 15. Oktober rund 100 Übergaben von Drogen, identifizierten 70 Kunden, die im Prozess zum Teil mit vollem Namen genannt wurden und eben rund 20 mutmaßliche Drogendealer.

Drei Wochen auf der Lauer

„Wenn wir von einer Übergabe sprechen, dann nur in den ganz klaren Fällen, wo wir uns absolut sicher sind und auf unseren Fotos zu erkennen ist, dass zunächst ein Tütchen oder eine Plombe übergeben und dann Geld gezahlt wurde“, führte ein Ermittler aus. Es reiche nicht, sich nur zum Gruß die Hände zu schütteln. Ob nun Kokain oder Marihuana und was davon in welcher Menge den Besitzer wechselte, das hat die Kriminalpolizei während der Observierung allerdings nicht systematisch überprüft. Personenkontrollen hätten die Beobachtungsmaßnahme nämlich sofort enttarnt.

Die Polizei hatte das Café Nadia und das Umfeld zuvor drei Wochen lang observiert.
Die Polizei hatte das Café Nadia und das Umfeld zuvor drei Wochen lang observiert.
Fotos. Gerry Huberty

Bei den Tatverdächtigen handelt es sich zudem nicht um eine homogene Gruppe. Anders als bei anderen Drogenermittlungen in der Vergangenheit stand in diesem Fall die Örtlichkeit im Fokus der Ermittler. Der Raum zwischen dem Café Chez Nadia und dem gegenüberliegenden Café do Brasil sei zwar schon immer ein Ort gewesen, an dem der Drogenhandel präsent war, meinte der Ermittler im Zeugenstand, das habe aber dann irgendwann überhandgenommen. Deshalb sei man eingeschritten.


Lokales, Avenue de la Gare, rue Nothomb, Foto: Lex Kleren/Luxemburger Wort
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„Es war ein Ort, zu dem man ging, um Drogen zu kaufen“, meinte der Ermittler. Deshalb seien die Telefonauswertungen der mutmaßlichen Dealer auch bis auf wenige Ausnahmen wenig ergiebig gewesen, denn es bedurfte kaum vorheriger Absprachen zum Verkauf.

Die Observierungen bestätigten zudem, was längst aus anderen Fällen bekannt ist: Der Straßenhandel mit Drogen ist in Luxemburg klar aufgeteilt. Der Kokainmarkt wird unbestritten von nigerianischen Drogendealern beherrscht. Im Nadia-Umfeld wurden davon neun ausgemacht und vor Gericht gestellt. Bei kapverdischen Dealern sei hingegen eher der Handel mit Marihuana und Haschisch verbreitet, so auch bei fünf Beschuldigten aus diesem Fall.

21 mutmaßliche Dealer waren von der Polizei identifiziert worden. Acht davon kamen gleich nach der Razzia in Haft. Die anderen wurden nach und nach festgenommen.
21 mutmaßliche Dealer waren von der Polizei identifiziert worden. Acht davon kamen gleich nach der Razzia in Haft. Die anderen wurden nach und nach festgenommen.
Fotos. Gerry Huberty

Während die meisten seiner Mitangeklagten kaum Aussagen zum Fall machten oder schlicht und einfach bestritten, auch nur im Entferntesten etwas mit Drogenhandel zu tun zu haben, gewährte einer der Angeklagten nigerianischer Herkunft beim Untersuchungsrichter tiefen Einblick in die Kulissen des Drogenhandels.

Schulden beim Schleuser

Er räumte nicht nur alle ihm vorgeworfenen Taten ein, sondern führte auch im Detail aus, wie er selbst zum Drogenhandel gekommen ist. Auf illegalem Weg sei er nach Europa gelangt. Dafür habe er hohe Schulden bei seinem Schleuser gehabt, die es dann abzuzahlen gegolten habe. Deshalb sei er denn auch einem Mittelsmann vorgestellt worden, der ihn in den Drogenhandel eingeführt habe. Kurz vor seiner Festnahme sei die Schuld dann beglichen gewesen und er habe mit dem Dealen aufgehört.


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Es sei für viele Migranten aus Afrika, die nach ihrer Ankunft in Europa mit Drogen handeln, ein nicht ungewöhnlicher Lebensweg, führte der ermittelnde Kriminalpolizist aus: mit Drogen handeln, um die Schuld gegenüber den Schleuserbanden zu tilgen und dann sofort damit aufzuhören.

Im Nadia-Prozess sind acht Verhandlungstage vorgesehen. Nach der Anhörung des Ermittlers werden heute erstmals die Angeklagten zu Wort kommen.


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