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Kirchberg, wandle dich
Lokales 4 3 Min. 10.10.2019

Kirchberg, wandle dich

Die Avenue Kennedy soll dank diverser baulicher Maßnahmen ein Ort werden, der auch mal zum Verweilen einlädt -und nicht nur zum Durchfahren.

Kirchberg, wandle dich

Die Avenue Kennedy soll dank diverser baulicher Maßnahmen ein Ort werden, der auch mal zum Verweilen einlädt -und nicht nur zum Durchfahren.
Grafik: Gehl/MMTP
Lokales 4 3 Min. 10.10.2019

Kirchberg, wandle dich

Diane LECORSAIS
Diane LECORSAIS
Weniger Langeweile, mehr Leben: Mit Unterstützung aus Kopenhagen soll das Viertel Kirchberg ein neues Gesicht erhalten. An Ideen mangelt es nicht: Sie reichen von mehr Radwegen bis hin zu einem Freibad im Park.

Der Stadtteil Kirchberg ist seit jeher ein Problemkind. Zwar verfügt er über jede Menge architektonisch wertvolle Gebäude und eine Top-Lage, Tausende Menschen haben dort ihren Arbeitsplatz. So richtig aufleben will das Viertel auf dem Plateau aber nicht - und das soll sich nun ändern.

Die Basis dafür liefert das dänische Urbanismusbüro Gehl. Im Auftrag des Ministeriums für öffentliche Bauten hat es eine Strategie ausgearbeitet, um dem Plateau in den kommenden Jahren gemeinsam mit dem Fonds Kirchberg ein neues Gesicht zu verpassen. 

"Das Grundprinzip besteht darin, dass wir die Langeweile aus dem Viertel heraushaben möchten. In den Erdgeschossen der Gebäude soll Leben einkehren, die Menschen sollen Lust bekommen, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten", so Bautenminister François Bausch. 

Vorher: Die Avenue Kennedy mit Fokus auf dem Individualverkehr ... und nachher mit Raum für Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer. Einzelne Elemente am Wegesrand, etwa Sitzgelegenheiten, sollen zum Verweilen einladen.
Vorher: Die Avenue Kennedy mit Fokus auf dem Individualverkehr ... und nachher mit Raum für Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer. Einzelne Elemente am Wegesrand, etwa Sitzgelegenheiten, sollen zum Verweilen einladen.
Grafik: Gehl/MMTP

Andreas Rohl und Solvejg Reigstad vom dänischen Büro Gehl berichteten von ihren ersten Eindrücken, als sie erstmals in Kirchberg zu Gast waren. "Wir stellten fest, dass alles in einem sehr großen Maßstab errichtet wurde", so Andreas Rohl. Also so, als ob alles für mehrere Meter große Menschen errichtet worden wäre. "Zudem sahen wir sehr viele leere, ungenutzte Flächen, überall Tiefgaragen und viele irreführende Informationen für Fußgänger und Radfahrer."

Ein Freibad bei der Coque?

Anhand von diversen Beispielen zeigten Andreas Rohl und Solvejg Reigstad vom Büro Gehl anschließend auf, wie man den Stadtteil attraktiver gestalten kann - und diese reichen von klein bis groß. Ungenutzten Raum könne man beispielsweise mit Sitzgelegenheiten verschönern, damit Personen, die nicht gut zu Fuß sind, sich zwischendurch auch mal ausruhen können. 


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Statt "passiver" Häuserfassaden sollen die Menschen künftig Angebote wie Imbisse oder Läden vorfinden. Wohnraum soll auch die Büro-lastigen Straßen zu mehr Leben verhelfen. Der Park in Kirchberg soll nicht weiterhin durch eine Mauer versteckt werden, sondern in Szene gesetzt - und zum Beispiel durch die Einrichtung eines Freibads bei der Coque attraktiver für Besucher werden. 

Auch in puncto Verkehr sollen die Karten neu gemischt werden. Ziel sei es dabei nicht, Städte komplett in Fußgängerzonen umzugestalten, unterstrich Solvejg Reigstad. Sondern vielmehr darum, ein besseres Gleichgewicht zu schaffen.

Vorher: Die Rue Erasme, die an der Coque entlangführt, ist nach Ansicht der Experten überdimensioniert, der vorhandene Raum wird nicht optimal genutzt.
Nachher: Hier würde man mit deutlich weniger Fahrspuren auskommen. Dadurch könnte wertvoller Platz gewonnen werden - zum Beispiel für Wohnungen (rechts im Bild). Sie könnten diese ansonsten von Büros dominierte Straße mit Leben füllen.
Vorher: Die Rue Erasme, die an der Coque entlangführt, ist nach Ansicht der Experten überdimensioniert, der vorhandene Raum wird nicht optimal genutzt. Nachher: Hier würde man mit deutlich weniger Fahrspuren auskommen. Dadurch könnte wertvoller Platz gewonnen werden - zum Beispiel für Wohnungen (rechts im Bild). Sie könnten diese ansonsten von Büros dominierte Straße mit Leben füllen.
Grafik: Gehl/MMTP

Vollständiges Radwegenetz

Der Individualverkehr soll künftig weniger Platz einnehmen und auch den anderen Verkehrsteilnehmern welchen gewähren: "Historisch betrachtet wurden die Straßen als Korridore für den Autoverkehr errichtet. Nun sollen sie zu Korridoren für sämtliche Verkehrsteilnehmer und verstärkt als öffentlicher Raum wahrgenommen werden", erklärt Andreas Rohl. 

Vorgesehen ist demnach ein vollständiges Radwegenetz auf dem gesamten Plateau. "Dies bedeutet nicht, dass es in jeder Straße eine Radpiste geben muss", so Rohl. Der Fahrradweg entlang der Avenue Kennedy, zwischen Luxexpo und Roter Brücke, der Ende 2017 eröffnet wurde, geht auf das dänische Planungsbüro zurück.

Kurz- statt Langzeitparkplätze

Was die vielen Parkplätze mittig der Avenue Kennedy angeht, so habe man festgestellt, dass diese jeweils von wenigen Autofahrern über eine lange Dauer genutzt werden. 

"Besser wäre es, Kurzzeitparkplätze anzulegen", so Andreas Rohl, etwa für Menschen, die nicht so mobil sind.

Schrittweise Umsetzung durch Fonds Kirchberg

Die Vorschläge vom Büro Gehl sind als eine Art Rahmenwerk zu verstehen. Zwei Jahre habe man mit den international bekannten Architekten zusammengearbeitet, erklärte Minister François Bausch, wobei sie in einer ersten Phase zunächst Ideen für eine Umgestaltung der Place de l'Europe und die Avenue Kennedy ausgearbeitet hatten und sich anschließend dem kompletten Viertel widmeten. Ihre Arbeit sei damit aber so weit abgeschlossen. Rund 500.000 Euro hat der Fonds Kirchberg in die Arbeit des dänischen Büros investiert.

Um die konkrete und schrittweise Umsetzung der einzelnen Projekte - manche kurzfristig, andere eher mittel- und langfristig - soll sich nun der Fonds kümmern, dies zusammen mit lokalen Büros. 



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