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Keispelt: 200 Jahre alter Bauernhof abgerissen
Dieser 200 Jahre alte Bauernhof in Keispelt wurde vor einigen Tagen abgerissen.

Keispelt: 200 Jahre alter Bauernhof abgerissen

Foto: Cécile Paulus
Dieser 200 Jahre alte Bauernhof in Keispelt wurde vor einigen Tagen abgerissen.
Lokales 9 6 Min. 10.02.2017

Keispelt: 200 Jahre alter Bauernhof abgerissen

Nicolas ANEN
Nicolas ANEN
In Keispelt wurde ein 200 Jahre altes Bauernhaus abgerissen. Ehrenamtliche Denkmalschützer warnen von einer Büchse der 
Pandora, die geöffnet wurde.

(na) - „Virun dräi, véier Joer war Keespelt nach ee Bijou“, sagt Cécile Paulus, während sie schnellen Schrittes um den Dorfkern schreitet. Immer wieder bleibt sie stehen und zeigt auf moderne Wohngebäude, meistens in weißen oder grauen Tönen, und wiederholt: „Hier stand früher ein Bauernhof.“

Ein Gehöft stand auch dort, wo jetzt ein großes Loch an der Rue de Mersch klafft. Als Nachbarin sei sie „verärgert und enttäuscht“ gewesen, als der 200 Jahre alte Bauernhof vor wenigen Tagen abgerissen wurde.

Hier, entlang der Rue de Mersch in Keispelt, stand der Bauernhof der abgerissen wurde.
Hier, entlang der Rue de Mersch in Keispelt, stand der Bauernhof der abgerissen wurde.
Foto: Joaquim Valente

„Ich wohne schon 30 Jahre in Keispelt!“

Einerseits gehe es ihr um den Erhalt des Bauerbes in ihrem Dorf. Andererseits aber auch um die Lebensqualität: „Weil die Bauernhöfe meistens durch Mehrfamilienhäuser ersetzt werden.“ Was dem beschaulichen Dorfkern unter anderem mehr Verkehr beschere. „Sicher gehört ein solches Gebäude den Erben, aber man kann nicht nur deren Interesse in Betracht ziehen, sondern auch das der Leute, die dort wohnen“, meint Cécile Paulus.

Ähnlich argumentiert Jochen Zenthöfer, Vizepräsident der Vereinigung „Sauvegarde du patrimoine“. Er sei nicht gegen das Eigentumsrecht. Aber Immobilien hätten auch eine „soziale Komponente“.

"Als Immigrant wundert es mich, dass die Luxemburger ihre Kultur so geringschätzen“, so Jochen Zenthöfer.
"Als Immigrant wundert es mich, dass die Luxemburger ihre Kultur so geringschätzen“, so Jochen Zenthöfer.
Joaquim VALENTE

„Überall gleiche, weiße Häuser“

Er selbst ist vor sechs Jahren nach Luxemburg gekommen. „Als Immigrant wundert es mich, dass die Luxemburger ihre Kultur so gering schätzen“, sagt er und meint damit vor allem die Baukultur.

In den letzten 200 Jahren habe diese sich in Luxemburg stärker angereichert als in der nahen Grenzregion.

Leidenschaftlich spricht er von den Arbeiterhäusern in Limpertsberg, oder den Industrievillen in Esch/Alzette. Dass diese derzeit durch „überall gleiche, weiße Häuser“ ersetzt werden, die von 
Computerprogrammen ausgespuckt werden, sei nicht hinnehmbar.

Der Bauernhof: "ein Stück Heimat"

So sei auch der 200-jährige Keispelter Bauernhof „ein Stück Heimat“ gewesen, damals von einem einfachen Mann errichtet. Doch sorgt ihn dieser Fall besonders, weil das Gebäude auf der Liste des „inventaire supplémentaire“ der Denkmalschutzbehörde stand. „Es ist das erste Mal in über 60 Jahren, dass der Schutz dieser Liste nur mehr vom Willen des Eigentümers abhängt“, unterstreicht Zenthöfer.

Wohl seien in der Vergangenheit schon Gebäude aus dieser Liste abgerissen worden. Dies aber immer aus übergeordneten Gründen und nicht, weil es der Eigentümer allein so entschieden habe.

Der „große Bruch“

Entsprechend spricht er „vom großen Bruch“ des zuständigen Staatssekretärs Guy Arendt. Und fragt: „Sind die rund 700 Gebäude, die noch auf der Liste stehen, noch immer geschützt?“ Von nun an könnte in einem Streitfall ein Eigentümer vor Gericht gegen das Ministerium Recht bekommen, wenn er sich auf das Gleichheitsprinzip beruft, befürchtet der gelernte Jurist. Weshalb er im Namen der Vereinigungen „Luxembourg patrimoine“ und „Sauvegarde du patrimoine“ Kulturminister Xavier Bettel auffordert, das Statut des „inventaire supplémentaire“ abzuschaffen und allen Objekten das Schutzstatut des „Monument national“ zu geben, das einen richtigen Schutz leisten würde.

 Kulturministerium: Objekte sind nicht in Gefahr

Anders sieht man dies jedoch im Kulturministerium. Es sei nicht richtig, dass jetzt auf einmal die 700 Objekte des „inventaire supplémentaire“ in Gefahr seien, so Sprecher Max Theis. Die Prozedur sieht vor, dass ein Eigentümer das Ministerium benachrichtigen muss, falls Änderungen am Gebäude vorgesehen seien. Dann hat das Ministerium 30 Tage, um darauf einzugehen. „Wir versuchen die Angelegenheit im Dialog zu lösen“, so Theis und weist auf das Beggener Wichtelhaus hin. Vor einigen Monaten hatte es einen Aufschrei gegeben, als es hieß, dass es abgerissen werden sollte. Nun stünde das Haus aber auch auf der Liste des „inventaire supplémentaire“, betont Theis. Nach einem Gespräch mit dem Eigner sei man sich einig geworden, dass es nicht abgerissen werde.

Ministerium mit Abriss nicht einverstanden

Auf Nachfrage, wie beim Keispelter Bauernhof gehandelt wurde, erklärt der Sprecher, dass der Eigentümer des Hofs das Ministerium von seinen Abrissplänen in Kenntnis gesetzt hatte. Daraufhin habe das Ministerium ihm geschrieben, dass es diese Pläne nicht gutheißen würde. Doch habe sich der Eigner nicht mehr zu Wort gemeldet. Und Fakten geschaffen: Der Bauernhof wurde abgerissen.



Ministerium spielt Gemeinde den Ball zu

Auf die Frage, ob das Ministerium denn über die notwendigen Werkzeuge verfüge, um so einen Ausgang in Zukunft zu verhindern, erklärt Max Theis, dass das Gebäude als „Monument national“ hätte eingestuft werden können. Doch hätte das Ministerium sich damit sowohl dem Willen des Eigentümers, als auch dem Willen der Gemeinde widersetzt. Denn schließlich hatte diese eine Abrissgenehmigung erteilt. Eine solche Genehmigung könne auch ein Minister oder ein Staatssekretär nicht kippen, hatte am Mittwochabend Staatssekretär Guy Arendt auf Radio RTL unterstrichen. Eine Aussage, die wiederum dem Kehlener Bürgermeister, Guy Scholtes, sauer aufstieß. Im Gespräch mit dem LW erklärt er, dass besagte Abrissgenehmigung von seinem Amtsvorgänger, Aloyse Paulus, im Mai erteilt wurde.

"Wenn der Staat etwas erhalten will, dann muss er die Verantwortung übernehmen und das Gebäude kaufen", so der Bürgermeister von Kehlen, Guy Scholtes.
"Wenn der Staat etwas erhalten will, dann muss er die Verantwortung übernehmen und das Gebäude kaufen", so der Bürgermeister von Kehlen, Guy Scholtes.
Foto: Guy Jallay

Während der Konsultierungsphase zum Projekt im Herbst habe sich Widerstand in der Bevölkerung gezeigt. Damals sei auch der Bauernhof durch die Denkmalschutzbehörde auf die Liste des „inventaire supplémentaire“ gesetzt worden.

Bauherr drohte mit Prozess

Die Gemeinde habe sofort einen „arrêt d'urgence“ verhängt. Doch darauf habe der Anwalt der Gegenpartei darauf hingewiesen, dass ein Bürgermeister eine solche Abrissgenehmigung nicht zurückziehen dürfte. Ansonsten drohe ein Gerichtsprozess, den die Gemeinde sicherlich verlieren würde.

Außerdem sei man als Gemeinde davon ausgegangen, dass die Frage des Erhalts nun Sache der Denkmalschutzbehörde sei, so Scholtes noch. „Wenn der Staat etwas erhalten will, dann muss er auch seine Verantwortung übernehmen und das Gebäude kaufen.“

„So funktioniert nun einmal der freie Markt“

Es sei legitim, dass die Erben des Bauernhofs, der nun seit zwanzig Jahren leer stand, den Hof an den Meistbietenden verkaufen wollen. „So funktioniert nun einmal der freie Markt.“ Als Gemeinde hätte man da nicht die Mittel, um einzugreifen. Weiter erzählt Scholtes, dass die Gemeinde das Kulturministerium sofort informiert habe, als der Bauherr angekündigt habe, den Abriss zu beginnen. Zwischen dem Zeitpunkt und den tatsächlichen Arbeiten sei eine ganze Woche vergangen.

Demnach hätte das Ministerium noch eingreifen können, so Scholtes. Der Gemeinde die Schuld für den Abriss zuzuweisen, sei zu einfach. Diese hätte ihre Arbeit getan.

Nicht alle über Abriss erbost

Auf die Kritiken von Einwohnern wie Cécile Paulus angesprochen, erklärt er, dass es auch andere Bürger gebe, die froh seien, dass der Hof nun verschwunden sei. Da er auf dem Bürgersteig hinausragte, sei dies ein gefährlicher Platz entlang der Hauptstraße gewesen. Der Schöffenrat werde sich aber auf jeden Fall dafür einsetzen, dass der Neubau ins Dorfbild passe. „Was genau kommen wird, kann ich nicht sagen.“ Es seien aber bereits Projekte zurückgewiesen worden, weil sie eben nicht ins Bild von Keispelt passen würden. „Wir sind nicht promotorfreundlich, wie uns manchmal unterstellt wird“, unterstreicht er noch. „Wir verdienen ja nichts daran.“ Den Neubau könne er nicht verhindern. Er werde sich aber einsetzen dass es keine „Kiste mit Balkons zu allen Seiten“ geben werde.

Kein Dorf nur für Reiche

Keispelt solle aber auch kein Vorzeigedorf werden, in dem nur reiche Personen, die die Instandsetzung eines Bauernhofs stemmen könnten, leben dürften, fügt er hinzu.

Die Entwicklung scheint demnach in Keispelt nicht aufzuhalten sein. Nur einige Häuser vom abgerissenen Hof entfernt, zieren bereits die Plakate eines Bauunternehmens die Fassade eines leer stehendes Hofs. Eine Straße weiter wird ein weiteres Gehöft gerade abgerissen. Ob Cécile Paulus ihr Dorf in den nächsten drei, vier Jahren wiedererkennen wird, sei einmal dahingestellt.

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