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Kecker, am kecksten …
Lokales 5 Min. 29.04.2014 Aus unserem online-Archiv

Kecker, am kecksten …

Kecker, am kecksten …

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Lokales 5 Min. 29.04.2014 Aus unserem online-Archiv

Kecker, am kecksten …

Wissen statt Glauben; Menschheitsbezug statt Gottesbezug; Selbstbestimmung statt religiöser Fremdbestimmung; Diesseits statt Jenseits; Ethik statt Moral; Lebensfreude statt Gewissensqualen; Freiheit statt Angst; kritisches Denken statt dogmatischem Glauben; Fortschritt statt Erstarrung; Humanismus statt Religion.

Wissen statt Glauben; Menschheitsbezug statt Gottesbezug; Selbstbestimmung statt religiöser Fremdbestimmung; Diesseits statt Jenseits; Ethik statt Moral; Lebensfreude statt Gewissensqualen; Freiheit statt Angst; kritisches Denken statt dogmatischem Glauben; Fortschritt statt Erstarrung; Humanismus statt Religion.

Seit vier Jahren kommt in diesem Lande niemand mehr an (der) dynamischen AHA vorbei. Der Glückwunsch der Missionare der Nicht-Existenz Gottes an die Regierung für deren „dringend notwendige“ Gesellschaftsreformen zeigt, was der AHA an diesen Reformen so gut gefällt: ein Leben, eine Gesellschaft ohne Religion.Dabei scheint AHA nicht zu merken, dass sie sich selbst durchaus klerikal, freilich mit umgekehrtem Vorzeichen, gebärdet.

Sie „erinnert“ daran, dass Gott ein Hirngespinst ist, das „nur für einige lebensrelevant“ ist.Abgesehen davon, dass seit Beginn der Menschheit Religion Teil aller Kulturen gewesen ist, dass auch heute die große Mehrheit der Menschen einen religiösen Glauben hat, der Atheismus aber eine rezente westliche Erscheinung ist, und selbst der Aufklärer Kant der Metaphysik eine herausragende Bedeutung einräumt, geht der AHA einiges ab, nur nicht ein gerüttelt Maß an Überheblichkeit und Autoritarismus.

Schauen wir uns, werte AHA, Ihre Grundsätze an (www.aha.lu). Sie stehen auf dem Boden eines „naturalistischen und rationellen Weltbildes“. Ein seit der Aufklärung in der Tat verbreitetes Denkmuster. Zumindest sollten Sie anerkennen, dass es einen fruchtbaren Dialog zwischen naturalistischer Philosophie und christlicher Theologie gibt.

„Wissen statt Glauben“, so lautet alsdann ihr erstes Prinzip. Christen sagen: Glaube und Wissen bedingen einander und ergänzen sich, ansonsten beide auf tönernen Füßen stehen.„Menschheitsbezug statt Gottesbezug“, so Ihr zweiter Grundsatz. Christen halten dem gegenüber: Glaube an einen lebendigen Gott, der Mensch geworden ist. Wenn das kein Menschheitsbezug ist!

Drittes Gebot: „Selbstbestimmung statt religiöser Fremdbestimmung“. Christen sagen: Der Mensch hat sich nicht selbst erschaffen und ist deshalb nicht Herr seiner selbst; es ist Gott, der Schöpfer, und Christus, gleichzeitig Herr und Bruder, der die Maßstäbe setzt, zum Heil der Menschen, die er allerdings frei lässt, zu „tun was er sagt“ (Thema der Oktave). Menschliche Autonomie im Rahmen einer transzendenten Heteronomie.

Orientierung statt Beliebigkeit.„Diesseits statt Jenseits“. Beide stehen für Christen nicht im Widerspruch; nur bleiben diese nicht im und beim Diesseits stehen. Der Brief an Diognet sagt es treffend: „in der Welt, nicht von der Welt“. Der Tod wird überwunden, die Sehnsucht nach dem Absoluten gestillt.„Ethik statt Moral“. Griechisch statt Latein? Da Sie beide in Kontrast setzen, ist wohl zu verstehen, dass Ethik positiv ist, Moral negativ.

Wo aber der Einzelne die Grundlagen für seine Ethik findet, ist ihm selbst überlassen. „Ni Dieu ni maître/mètre“. Dann viel Glück! Gott sei Dank ist der Mensch, ob gläubig oder nicht, mit einem natürlichen Gewissen ausgestattet. Nach katholischer Lehre kommt es letztlich auf dieses an.„Lebensfreude statt Gewissensqualen“. Es stimmt: vielfach war die Seelsorge über Jahrhunderte mehr Droh- als Frohbotschaft. Vor 500 Jahren hat Luther neue Weichen gestellt.

Aber wie sähe die Welt aus, wenn Skrupel und Gewissensbisse ganz verschwinden würden? – Auch wenn es im Christentum, wie übrigens in anderen Religionen, Asketen und ernste Puritaner gibt: den Christen die Lebensfreude abzusprechen, ist Unfug. Christen lachen und feiern, können lustig und witzig sein, sie freuen sich über die Wunder der Natur und des Lebens. Darüber hinaus hat Christus ihnen ein „Leben in Fülle“ verheißen.

Das Leid hat nicht das letzte Wort. „Freiheit statt Angst“. Die Freiheit der Christen besteht darin, im Gebet eine Unterscheidung zwischen Gut und Böse zu erlangen und sich dementsprechend frei zu entscheiden. „Ein leichtes Joch“, wie Jesus sagt. Derselbe Jesus rief seinen Jüngern zu: „Habt keine Angst!“ Johannes Paul II. hat 1979 genau mit diesem Aufruf seinem Volk die Kraft gegeben, einem Angst einflößenden atheistischen Regime den Garaus zu machen. „Kritisches Denken statt dogmatischer Glauben“.

Paradoxerweise ist es der Glaube an den relational liebenden dreieinigen Gott, der mich persönlich zu einer kritischen Sicht unserer Welt und Gesellschaft ermuntert und ermutigt. Ihren Leitsatz „Denkst du schon oder glaubst du noch“ ersetze ich mit: „Glaubst du schon oder bist du beim Denken stehengeblieben?“„Fortschritt statt Erstarrung“. Diese Unterstellung ist skandalös.

Trotz aller durch die Institution Kirche mitverschuldeter Unterdrückung in einer komplexen zweitausendjährigen Geschichte hat das Christentum eine gewaltige geistige, spirituelle und soziale Dynamik aufzuweisen. Dazu gehört freilich, dass Christen vor einem blinden Fortschrittsglauben warnen, und nicht alles was neu, deshalb ipso facto als gut ansehen.„Humanismus statt Religion“. Genau wie die Vereinnahmung des Sokrates ist auch diese exklusive Gegenüberstellung abwegig. Fast alle großen Humanisten waren gläubige Christen, angefangen bei Erasmus von Rotterdam. Es gibt genau so gut einen christlichen als auch einen atheistischen Humanismus.

Dasselbe gilt für den Existentialismus.Die Kirche hat vor 50 Jahren ihr Aggiornamento gemacht. Sie hat die Religions- und Gewissensfreiheit in ihr Selbstverständnis aufgenommen. 2000 hat sie ein Schuldbekenntnis abgelegt. 1968 setzte sich Bischof Lommel aktiv für die Einführung der Laienmoral im Sekundarunterricht ein. Seither ist die freie Wahl zwischen Religionsunterricht und Laienmoral ein von Eltern und Schülern geschätzter Kompromiss. Sie wären doch selbst mündig genug, den Religionsunterricht abzuwählen, wenn sie dies wünschten. Nur tun sie es zu zwei Drittel nicht.

Deshalb tut es jetzt die Regierung an ihrer Stelle, mit der vollen Unterstützung von AHA.Der Unterschied zwischen AHA und „Fir de Choix“ wird also klar. Da AHA weiß, dass Gott ein Hirngespinst ist, gehört Religion nicht in die Schule. Sie weiß auch, wie die Religionen im Einheitsfach behandelt werden müssen. „Fir de Choix“ sieht das anders:

Die Leute sollen die Freiheit haben, den Religionsunterricht nicht zu wählen, stattdessen die Laienmoral, oder eben umgekehrt. Hoffentlich ist den Bürgern jetzt aufgegangen, wieso es in Europa quasi nirgends ein solches Einheitsfach, sondern eine Wahl, oder aber (selten) keines der beiden Fächer gibt.

Das ist der Sinn der bisherigen 16 000 Unterschriften, und der „Marche pour le choix” am 26. April um 15.00 Uhr „am Rousegäertchen“.

André Grosbusch