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Katholische Kirche: Das Ende der Kirchenfabriken naht
Lokales 1 5 Min. 15.02.2015

Katholische Kirche: Das Ende der Kirchenfabriken naht

Lokales 1 5 Min. 15.02.2015

Katholische Kirche: Das Ende der Kirchenfabriken naht

285 lokale Kirchenfabriken bestehen in Luxemburg - noch. Sie werden aufgrund des Abkommens zwischen Regierung und Glaubensgemeinschaften von einem nationalen Fonds abgelöst. Wir erläutern die Einzelheiten.

Von Jean-Louis Scheffen

Ihr Name klingt so kurios, wie ihre Funktion auch gläubigen Christen oft unbekannt ist: die „Kirchenfabriken“. An sich genommen handelt es sich bei ihrer Schaffung um ein gesetzgeberisches Relikt: ein „Décret impérial“ Napoleons aus dem Jahr 1809, das die Zusammensetzung und die Funktionsweise dieser „fabriques“ bis ins Detail regelt.

Festgehalten wurde darin, dass der Staat die Besoldung des Klerus und den Unterhalt der Kultgebäude übernehmen würde. Die Verwaltung dieses Besitzes sollte bei den Kirchenfabriken liegen.

Die Fabrik hinter der Kirche

Das Großherzogtum Luxemburg entstand 1815, das Dekret blieb in Kraft und wurde Bestandteil der Gesetzgebung unseres Landes – was es bis heute immer noch ist. Die 275 Pfarreien gelten nicht als juristische Person und können demnach nicht an Rechtsakten teilnehmen, um ihr „eigenes“ Vermögen zu verwalten, Ausgaben zu tätigen und Einnahmen zu verbuchen.

Von privatrechtlichen Vereinigungen ohne Gewinnzweck wie den vielerorts bestehenden „Oeuvres paroissiales“ abgesehen, dürfen das nur die Kirchenfabriken, zu deren Rat – dem Kirchenrat – auch der Pfarrer sowie der Bürgermeister der Gemeinde gehören, auf deren Territorium sich die Pfarrei befindet. Ein duales System, das deutlich machte, dass in puncto materiellem Kirchenbesitz nun auch die Zivilgesellschaft mitzureden hatte.

Pfarreibesitz gehört nicht dem Erzbistum

Eine deutliche Aufgabenverteilung sah das Dekret vor: Die Kirchenfabrik sollte Einnahmen und Ausgaben der Pfarrkirchen und ihrer Filialkirchen verwalten, die Zivilgemeinde, die in der Regel Besitzerin des Kirchengebäudes blieb, sollte für den Unterhalt der Kultgebäude sorgen. Sie sollte zudem eventuelle Defizite der Kirchenfabrik decken, die in der Praxis dann auch für kleinere Reparaturen und Verschönerungsarbeiten des Kirchenraums verantwortlich wurde. Durch Schenkungen gelangten diese Kirchenfabriken, zumindest ein Teil von ihnen, bis heute wieder zu einem gewissen Wohlstand, etwa in Form von Grundstücken, Immobilien oder Sparguthaben.

Auch der Küsterdienst wird, wenn er nicht ehrenamtlich erfolgt, von der Kirchenfabrik entlohnt. Was die hauptstädtische Kathedrale (im Bild) angeht, sieht die Konvention aber ein besonderes Statut vor.
Auch der Küsterdienst wird, wenn er nicht ehrenamtlich erfolgt, von der Kirchenfabrik entlohnt. Was die hauptstädtische Kathedrale (im Bild) angeht, sieht die Konvention aber ein besonderes Statut vor.
Marc Wilwert

Eine bunte Landschaft dieser öffentlich-rechtlichen „Fabriken“ umfasst das heutige Erzbistum Luxemburg. Die Diözese wurde erst 1870 geschaffen, sie ist also jüngeren Datums als die Schaffung der Kirchenfabriken. Der Erzbischof ist wohl geistiges Oberhaupt der Pfarreien, deren Besitz gehört aber nicht dem Bistum. Die Amtsvormundschaft ist im Fall der Kirchenfabriken eine doppelte. Sie müssen bei größeren Ausgaben oder Anschaffungen sowohl der Gemeinde – und damit letztlich dem Innenminister – als auch dem Bischof Rechenschaft ablegen und jedes Jahr ihre Jahreskonten einreichen.

Aus 285 mach eins

Ein System, das nun abgeschafft werden soll, wenn das Abkommen zwischen den Religionsgemeinschaften in gesetzliche Form umgesetzt wird. Genau genommen handelt es sich in diesem Fall um eine eigene Konvention, die nur die „nouvelle organisation des fabriques d’églises“ betrifft und die für den Staat von Innenminister Dan Kersch unterschrieben wurde.

Sie sieht die Ablösung der lokalen Kirchenfabriken durch einen „Fonds de la gestion des édifices religieux du culte catholique“ auf nationaler Ebene vor. Die Mitglieder des Verwaltungsrates sollen vom Erzbischof von Luxemburg ernannt werden. Gleich nach Abschluss des Abkommens sollen die Gemeinden und die Kirchenfabriken auf ihrem Gebiet mit Unterstützung des Innenministeriums entsprechende Verhandlungen beginnen. Je nach Gemeinde kann die Zahl der Fabriken recht hoch sein: 19 sind es zum Beispiel in der Hauptstadt, gar 21 Kirchen zählt die Öslinger Landgemeinde Wintger.

Gebäude gehen in Besitz des Fonds oder der Gemeinde über

Bei einer Einigung sollen die entsprechenden Gebäude entweder in den zukünftigen Besitz des Fonds oder den der Gemeinde übergehen. Wird eine solche Übereinkunft nicht erzielt, soll der Gesetzgeber die Entscheidung treffen, wobei der Erzbischof eine konsultative Stimme hat.

Der Fonds soll allein verantwortlich für die Verwaltung der ihm anvertrauten Gebäude und anderen Besitzes sein. Explizit heißt es in dem Text, dass eine Finanzierungsbeteiligung durch den Gemeindesektor in Zukunft ausgeschlossen sein wird. Dagegen soll er alle Aktiva und Passiva der Kirchenfabriken übernehmen und in Zukunft auch Spenden sowie Erbschaften zu den gleichen steuerlichen Bedingungen wie bisher annehmen können. Eine Einschränkung bei den Vermögenswerten, die dem Fonds überlassen werden, sieht der Text nicht vor, da es die lokalen Kirchenfabriken als mögliche Besitzer in Zukunft ja nicht mehr geben soll.

Was die ihm anvertrauten Kirchengebäude angeht, soll der Fonds das Besitzrecht ausüben. Allerdings mit Einschränkungen: Die Verwendung muss weiterhin der Religionsausübung vorbehalten sein, eine „gewerbliche Nutzung“ ist ausgeschlossen.

Gemeinde kann frei über Gebäude verfügen

Komplizierter wird es bei den Kirchengebäuden, die in kommunalen Besitz übergehen. Anders als der Fonds soll die jeweilige Gemeinde frei über ihren Besitz verfügen können, dabei aber „den Charakter und die Würde des Ortes respektieren“ und auch die entsprechenden Unterhaltskosten tragen. Ob diese Kirchen auch weiterhin als Gottesgebäude dienen können, hält die Konvention nicht explizit fest, nur dass die katholische Kirche eine Entweihung vornehmen muss, wenn der Gemeinderat dies anfragt. In diesem Fall soll der Fonds allerdings ein Vorkaufsrecht für das Mobiliar zum symbolischen Preis von einem Euro haben.

Zur „Profanierung“, wie das Kirchenrecht sie vorsieht, und zum Verkauf des Gebäudes soll es auch kommen, wenn der Fonds nicht mehr für den Unterhalt eines Gebäudes aufkommen will oder kann. In diesem Fall hat die Gemeinde, gegebenenfalls der Staat, das Vorkaufsrecht, dies ebenfalls zum Preis von einem Euro. Sowohl die hauptstädtische Kathedrale als auch die Echternacher Basilika, „édifices religieux d‘importance nationale“, sollen allerdings ein besonderes Statut erhalten.

Erzbischof Hollerich zum Abkommen zwischen Regierung und Glaubensgemeinschaften:

In einem Interview mit dem "Luxemburger Wort" bedauerte Erzbischof Jean-Claude Hollerich die Aufgabe von Kirchengebäuden, aber: „Wenn die Menschen ihre Kirche erhalten wollen, wird sie auch erhalten bleiben. Wenn es aber keine Kirchengemeinschaft mehr gibt, die ihre Kirche behalten will, in dem Fall habe ich kein Problem, sie aufzugeben. Dann wird die Kirche nämlich nicht mehr gebraucht.“

Eine ausführliche Fassung dieses Artikels ist in der Télécran-Ausgabe 7 erschienen.


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